Ärzte Zeitung, 02.02.2016

Klinik-Clowns

Lachen hilft bei der Heilung

Erhalten Kinder Besuch vom Klinikclown, fühlen sie sich besser und haben weniger Angst. Das wurde nun erstmals wissenschaftlich nachgewiesen. Und doch bleiben in Zukunft große Herausforderungen.

Von Dirk Schnack

Klinik-Clowns sind kranken Kindern eine große Hilfe

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Schirmherr der Greifswalder Studie.

© UMG/Janke

Sie sind albern, tollpatschig und scheitern an den einfachsten Aufgaben: Klinikclowns sind besonders für die Kinder unter den Patienten eine willkommene Abwechslung. Ärzte reduzieren die Wirkung von Klinikclowns gerne hierauf und bleiben ansonsten auf Distanz.

Mal einen Spaß mitmachen, mal über sich selbst lachen oder gar Klinikclowns in das Stationsteam einbinden - dafür bietet die Welt der evidenzbasierten Medizin scheinbar kein Raum.

Tatsächlich ist der Erfolg von Klinikclowns stark von Faktoren wie Kreativität, Improvisation und Individualität abhängig, Standardisierung gehört nicht dazu. Dass Klinikclowns und ihr Humor trotzdem heilen helfen, ahnt zwar jeder, der schon einmal bei einem Auftritt am Krankenbett dabei war.

Und Aushängeschilder wie Dr. Eckart von Hirschhausen kämpfen seit Jahren darum, Humor in der Medizin salonfähig zu machen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist der Erfolg bislang aber nicht.

Hoffen auf den Durchbruch

Die vor wenigen Tagen in Greifswald vorgelegten vorläufigen Ergebnisse einer Pilotstudie in der Kinderchirurgie lassen von Hirschhausen, der Schirmherr der Studie ist, nun auf einen Durchbruch hoffen. Er spricht von einem "wichtigen Schritt zu einer ernsthaften Humorforschung.

Studienleiter Professor Winfried Barthlen berichtet von einem um 30 Prozent gestiegenen Oxytocin-Spiegel und deutlich verminderten Angstgefühlen bei Kindern, die von Klinikclowns besucht wurden. Zu den Gruppen von Kindern zwischen vier und 13 Jahren zählten 17 Kinder in der Interventionsgruppe und 14 Kinder in der Kontrollgruppe. Befragt wurden Kinder, Eltern, Klinikmitarbeiter und die beteiligten Klinikclowns von den "Grypsnasen".

Mal traten die in der Ambulanz (durchschnittliche Auftrittsdauer: 55 Minuten), mal auf Station am Krankenbett (acht Minuten) auf. Die Ergebnisse waren stets die gleichen: Eltern berichteten, dass sich die Kinder mit Clownkontakt wohler gefühlt haben als in der Kontrollgruppe, Kinder und Mitarbeiter äußerten sich positiv über die Auftritte. Nun sollen die Ergebnisse über eine umfassende Anschlussstudie wissenschaftlich abgesichert werden.

Clown prägt die Erinnerung der Kinder

Das ist sinnvoll, damit die im deutschen Medizinbetrieb bestehenden Vorbehalte gegen Humor am Krankenbett endlich abgebaut werden. Dafür gibt es gute Gründe: Lachen befreit nicht nur von Spannungen und steigert die Lebensfreude. Lachen im Krankenzimmer lenkt auch den Blick auf die Welt jenseits der Klinikmauern.

Kein Patient möchte sich 24 Stunden am Tag mit den bedrohlichen Folgen seiner Erkrankung oder einer bevorstehenden Operation auseinandersetzen. Und wenn doch, zumindest nicht immer bierernst. Der Klinikclown zwischen Arztvisite und Angehörigenbesuch ist für Kinder oft das Erlebnis, das sie vom Krankenhausaufenthalt am stärksten in Erinnerung behalten.

Und manchmal sind die Auftritte so beeindruckend, dass Kinder am Entlassungstag ein paar Stunden herausschinden wollen, damit sie den Klinikclown noch einmal erleben. Ein Grund, warum die Clowns bei den Kleinen so gut ankommen, ist die Zeit, die sie sich für sie nehmen.

Sie beschäftigen sich während der Auftritte nur mit den Kindern im jeweiligen Raum, sind ganz für sie da, schlagen sie in ihren Bann - aber auf einer Ebene, auf die sich Ärzte bei ihren Visiten und Fallbesprechungen nicht begeben.

Etwas mehr Humor kann nicht schaden

Niemand wünscht sich alberne oder tollpatschige Ärzte am Krankenbett, ein wenig mehr Humor aber könnte manchmal nicht schaden. Für viele Mediziner ist das schwer vorstellbar. Barthlen erinnert sich an ein früheres Vorstellungsgespräch, in dem er den Verantwortlichen eine "fröhliche Kinderchirurgie" ankündigte - und bei ihnen auf völliges Unverständnis stieß. Barthlen zeigt in Greifswald, dass sich Seriosität und der Einsatz von Klinikclowns nicht widersprechen.

Hirschhausen würde sich mehr Kollegen vom Schlage Barthlens wünschen. Am liebsten wäre ihm ein geregelter Einsatz, der nicht länger von Vereinen getragen wird und von Spenden abhängig ist. Was aber wäre die Folge? Krankenkassen, die für die Finanzierung von Klinikclowns zuständig sind?

Von Hirschhausen wäre nicht von Hirschhausen, wenn er dieses Szenario nicht auskosten würde. "Kommen dann Dokumentationspflichten für Klinikclowns? Und müssen sich Klinikclowns dann rechtfertigen, weil sie nur zu 89 Prozent so lustig waren wie der Kollege?"

Clown als fester Bestandteil des Klinik-Teams

Wie auch immer die Finanzierung geregelt wird, von Hirschhausen hätte den Klinikclown am liebsten als festen Bestandteil im Klinikteam. "Das wäre eine gute Investition", steht für ihn fest.

Andere Länder machen es vor. In der Schweiz und in den Niederlanden sind Clownbesuche am Krankenbett längst selbstverständlich, in Israel kann der Klinikclown über den Pieper zum Patienten gerufen werden.

Wer für den Einsatz von Klinikclowns ist, muss aber auch Coaching und Supervision einplanen, gibt von Hirschhausen zu bedenken. Tatsächlich sind die lustigen Auftritte harte Arbeit, von der sich die Klinikclowns belastet fühlen. Die Konfrontation mit Leid und Tod erfordern, dass sich die Klinikclowns nach den Einsätzen untereinander über das Erlebte austauschen - ein Grund, weshalb sie meist als Tandem auftreten.

Die Integration in ein Team würde vielleicht auch dazu beitragen, die Wertschätzung von Ärzten gegenüber Klinikclowns zu steigern - trotz der Pionierarbeit durch von Hirschhausen bleibt hier noch viel zu tun.

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