Ärzte Zeitung, 26.02.2016

Nordische Kombinierer

Doc Flori und seine siegreichen Kombinierer

Seine Schützlinge gehören zur absoluten Weltelite und nennen ihn "Doc Flori": Dr. Florian Porzig ist Allgemeinmediziner und Teamarzt der nordischen Skinationalmannschaft. Wir haben ihn im Allgäu besucht.

Von Pete Smith

Doc Flori und seine siegreichen Kombinierer

Erfolgreiches Trio: Johannes Rydzek, Dr. Florian Porzig und Manuel Faißt bei einem Wettkampf der nordischen Kombinierer in Oslo.

Foto: privat

Das Mittagessen fällt heute aus. Ein Brötchen muss reichen. Gerade kommt Dr. Florian Porzig von seinem letzten Hausbesuch zurück in die Praxis, in einer Stunde beginnt bereits die Nachmittagssprechstunde. Sein prominentester Patient an diesem Tag wartet bereits. Mit Johannes Rydzek, Doppelweltmeister von 2015, ist er seit langem per Du.

Als Verbandsarzt der Nordischen Kombinierer betreut Florian Porzig den Oberstdorfer Weltklasseathleten und dessen Teamkollegen seit Jahren während internationaler Wettbewerbe wie Weltmeisterschaften und Weltcups. Auch außerhalb der Saison zählen viele Spitzensportler zu seinen Patienten. Und nehmen dafür mitunter lange Anreisen in Kauf.

Die Praxis des 40-jährigen Arztes liegt in Fischen, einer kleinen, von schneebedeckten Bergen umgebenen, 3000 Einwohner zählenden Gemeinde im schwäbischen Landkreis Oberallgäu, die sich seit 2002 heilklimatischer Kurort nennen darf und pro Jahr etwa 580.000 Übernachtungen verzeichnet. An diesem Tag versinken die Gipfel im Nebel, die Straßen sind leer, bald beginnt es zu regnen. Früher als sonst füllt sich das Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis paluka & porzig, Am Anger 6, die sich Florian Porzig mit seinem Kollegen Stephan Paluka teilt.

Vor den anstehenden Weltcups in Finnland und Italien steht eine Leistungsdiagnostik an. Dazu steigt Johannes Rydzek zunächst aufs Laufband. Florian Porzig hilft ihm in den Gurt und legt ihm die Atemmaske an. Mit sechs Kilometer pro Stunde geht es gemächlich los, doch alle paar Minuten wird die Geschwindigkeit um zwei km/h gesteigert. Währenddessen misst der Computer Atemtiefe und -frequenz, Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe und den Kalorienverbrauch.

Bei 20 km/h stoppt das Laufband. Porzig sticht seinem Patienten ins Ohr, um dessen Laktat zu bestimmen. Im Behandlungszimmer schließlich folgt eine eingehende Untersuchung der Kniegelenke.

Als Hausarzt und Sportmediziner übt Florian Porzig seinen Traumberuf aus. Die Klagen älterer Kollegen kann er nicht verstehen. Aufgrund ihres abwechslungsreichen Alltags, ihres Einkommens und ihrer gesellschaftlichen Stellung seien Ärzte schließlich privilegiert. Porzig selbst lebt zudem dort, wo er immer leben wollte: im Allgäu, seiner Herzensheimat.

Florian Porzig wurde 1975 in Oberstdorf geboren, wo er das Gymnasium besuchte und 1995 sein Abitur absolvierte. Nach seinem Medizinstudium an der Ludwig-Maximilian-Universität in München kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und arbeitete an der dortigen Klinik vor allem in der Inneren Abteilung und der chirurgischen Notaufnahme. Während dieser Zeit erwarb er die Zusatzbezeichnungen Sportmedizin sowie Notfallmedizin und schloss eine Akupunktur-Ausbildung ab.

Start in einerGemeinschaftspraxis

Erste Erfahrungen als Hausarzt sammelte er in den Jahren darauf als freiberuflicher Arzt in einer Gemeinschaftspraxis. 2008 zog Florian Porzig nach Fischen und stieg zunächst in die ehemalige Praxis seines Vaters ein, der in dem Kurort bis 2003 als Landarzt gearbeitet und seinen Arztsitz nach seiner Pensionierung an einen Kollegen übergeben hatte.

2009 absolvierte Florian Porzig seinen Facharzt für Allgemeinmedizin und gründete mit seinem Kollegen Stephan Paluka in unmittelbarer Nachbarschaft zum Alten Rathaus von Fischen die allgemeinmedizinische Gemeinschaftspraxis paluka & porzig, deren Logo ein von einem Kreis umgebenes rotes P ziert.

Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude, in dem die hellen, von Glas und Naturstein geprägten Praxisräume untergebracht sind, sei ehemals ein Kuhstall gewesen, erzählt Porzig. Die Stühle im Wartezimmer sind gelb und blau gepolstert, im Flur hängen signierte Skier, Plakate, Autogrammkarten und Dutzende von Ausweisen, die Florian Porzigs viele Einsätze als Verbandsarzt der Nordischen Kombinierer und Skispringerinnen dokumentieren.

Es gibt ein Labor, mehrere Behandlungsräume, ein Akupunkturzimmer und den vom Laufband dominierten Diagnoseraum, an dessen Wänden ein blaues, mit Autogrammen verziertes Trikot sowie ein von Olympiasieger Eric Frenzel signiertes Plakat hängen. "Vielen Dank unserem Doc Flori", steht darauf. "Du hast uns top vorbereitet."

Dem medizinischen Team des Deutschen Skiverbands gehört Florian Porzig seit 2009 an. Andreas Bauer, Cheftrainer des Skisprung-Weltcup-Teams der Damen, hat ihn 2009 zum Deutschen Skiverband (DSV) geholt. Seither betreut der Allgäuer Sportmediziner die deutschen Skispringerinnen und, an der Seite von Dr. Stefan Pecher, die Nordischen Kombinierer um Eric Frenzel und Johannes Rydzek. In dieser Saison gilt es für die Athleten und Betreuer, 19 Einzel- und vier Teamwettbewerbe zu absolvieren. Die deutschen Kombinierer gehören seit Jahren zur Weltspitze. Derzeit führt Frenzel die Weltcupwertung an, Fabian Rießle ist dritter und Johannes Rydzek fünfter.

Sieg in Finnland

Rydzek hat am vergangenen Dienstag das Einzel im finnischen Kuopio gewonnen, der sechste Weltcup-Sieg seiner Karriere. In der Nationenwertung belegt Deutschland derzeit mit großem Abstand Platz 1 vor Norwegen und Österreich.

Florian Porzig ist selbst ein leidenschaftlicher Sportler. In seiner Jugend trainierte er Skilanglauf, stieg mit 17 aufs Mountainbike um und absolvierte bis zu seinem 30. Lebensjahr Dutzende Triathlons, zunächst in der olympischen Distanz (1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, 10 Kilometer Laufen), später auch als Ironman (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42,195 km Laufen).

Einer seiner größten Erfolge im Langstreckenlauf war 2007 der Doppelgewinn der Schwäbischen Meisterschaft über 5000 und 10.000 Meter.

Irgendwann jedoch, sagt der inzwischen 40-Jährige, habe ihn der ständige Spagat zwischen seiner Arbeit als Arzt und dem intensiven Training als Leistungssportler genervt. Vor einigen Jahren beschloss er, künftig kürzer zu treten. Außerdem wollte Porzig keiner dieser Väter sein, die aufgrund ihrer Arbeit abends spät heimkommen und am Wochenende auch noch abseits der Familie ihrer Leidenschaft frönen.

Daher versucht er seinen Ausgleichssport in den Alltag zu integrieren. Wenn er mit seiner Frau und seinen drei Kindern (sechs Jahre, drei Jahre und neun Monate) beispielsweise am Wochenende die Schwiegermutter in Oberstdorf besuche, jogge er heim - "das klappt prima".

Seine Einsätze als Verbandsarzt der Nordischen Kombinierer und Skispringerinnen erfordern dagegen intensivere Absprachen. Seine Frau unterstütze ihn dabei ebenso wie sein Praxispartner. Für die Betreuung seiner Schützlinge während der vielen Wettkämpfe in Norwegen, Finnland, Russland, Österreich oder Italien nimmt sich Porzig Urlaub - zusammengenommen ungefähr die Hälfte seines Jahresbudgets.

"Wenn ich dann wieder da bin, fragen mich die Patienten ‚Na, wie war Ihr Urlaub?‘", erzählt Porzig und lacht. Spannend seien seine Einsätze, ja, aber keineswegs erholsam. "Während der Wettkämpfe muss man ständig hellwach sein, um im Notfall eingreifen zu können. Da schaut jeder auf dich, da musst du's richten."

So wie am 29. November 2014, als Skisprung-Olympiasieger Andreas Wellinger bei einem Wettkampf im finnischen Kuusamo schwer stürzt und eine Luxation seines Schlüsselbeingelenks erleidet. Eine ganze Nacht bleibt Florian Porzig bei Wellinger im Krankenhaus.

Ein Jahr später ist es Skispringerin Ulrike Gräßler, die nach einem Sturz beim Continentalcup in Notodden (Norwegen) mit sechs gebrochenen Rippen, einer Schlüsselbeinfraktur, einem Pneumothorax und mehreren Bänderverletzungen fernab der Heimat im Krankenhaus liegt. Von daheim aus ist DSV-Arzt Porzig ständig mit ihr verbunden und organisiert schließlich den Heimflug, sodass die Patientin an der Charité in Berlin weiterbehandelt werden kann.

Schwere Verletzungen wie diese bleiben zum Glück die Ausnahme. Am häufigsten hat es Florian Porzig als DSV-Verbandsarzt mit Infektprophylaxe und -therapie zu tun. Dabei vertraut er vor allem auf pflanzliche Mittel und Akupunktur. Schon der Dopingproblematik wegen. "Unser Ziel ist ein engmaschiges und striktes Dopingkontrollsystem", sagt Porzig.

Das fängt bei den Medikamenten an. "Jede Arznei, die ein Athlet von seinem Hausarzt verschrieben bekommt, muss mit uns Teamärzten abgesprochen werden." Das gleiche gelte für Nahrungsergänzungsmittel.

"Die Substitution mit Nahrungsergänzungsmitteln sehen wir im DSV kritisch, aber im Einzelfall, beispielsweise wenn ein Springer Kalorien einspart, um Gewicht zu verlieren, müssen Mineralstoffdefizite ausgeglichen werden." Um sicher zu gehen, dass das Präparat nicht verunreinigt ist, werde von allen Herstellern eine Unbedenklichkeitsbescheinigung verlangt.

 Das deutsche Kontrollsystem sei vorbildlich, sagt Porzig. "Von der Sauberkeit unserer Athleten bin ich zutiefst überzeugt."

Unpopuläre Entscheidungen

Für seine Schützlinge ist Porzig nicht nur ein kompetenter Allgemeinarzt und Sportmediziner, sondern auch eine Art Kummerkasten, dem sie ihre persönlichen Probleme anvertrauen. "Oft geht es dabei um den Leistungsdruck", erzählt der Arzt. "Das ist normal. Selbst die Routiniers haben Lampenfieber. So etwas will man aber lieber nicht mit dem Trainer bereden."

Abends vor dem Wettkampf treffen sich Arzt und Athlet zu einem lieb gewordenen Ritual. Während Porzig seine Schützlinge akupunktiert, stimuliert er einerseits ihre Muskeln und wirkt andererseits auf ihre Psyche ein, um ihren Stress zu mindern. Das Vertrauen, das ihm seine Athleten entgegenbringen, kommt nicht von ungefähr.

"Das muss man sich über Jahre erarbeiten." Vertrauen ist auch bei unpopulären Entscheidungen wichtig. Manchmal muss Porzig einen erkrankten Kombinierer oder eine verletzte Skispringerin aus dem laufenden Wettbewerb nehmen, um Schlimmeres zu verhindern.

Für seine Schützlinge sei er ständig erreichbar, erzählt Florian Porzig. Gerade vor wichtigen Wettkämpfen ist er dann auch vor Praxisbeginn, nach Ende der Sprechstunde und selbst an den Wochenenden standby. "Alle haben meine Handynummer, und die meisten kennen mein Wohnzimmer gut", sagt er.

Die gegenseitige Wertschätzung bringt es mit sich, dass sich die Athleten tatsächlich nur im Notfall melden. Dennoch ist Porzig froh, dass sich die Saison so langsam ihrem Ende nähert. "Wenn der Winter rum ist, tut es auch mal gut, nicht ständig Termine einstreuen zu müssen."

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