Ärzte Zeitung, 01.03.2016

Frühlingsgefühle

Wenn die Hormone tanzen

Über die sogenannten "Frühlingsgefühle" kursieren viele Mythen. Eine Psychologin und ein Hormon-Experte erklären, was Fakten und was Einbildung ist.

Von David Fischer

Wenn die Hormone tanzen

Man sieht, man riecht, man scheckt - und man fühlt ihn, den Frühling. (c) momanuma - Fotolia

BERLIN. Gibt es Frühlingsgefühle wirklich, lassen sie sich hormonell erklären - oder sind sie nur Einbildung? "Das Frühlingsgefühl existiert. Man spürt ein Gefühl der Aufbruchstimmung, ein Gefühl, Ballast abzuwerfen von der kalten dunklen Winterzeit", sagt Matthias Weber, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). "Die Tage werden wieder länger, die Dunkelheit verschwindet und das führt dazu, dass man mehr Tatendrang bekommt."

Die höheren Temperaturen sind nicht der Auslöser für bessere Stimmung. Vielmehr wird durch die zunehmende Lichteinwirkung über das Auge in der Zirbeldrüse im Gehirn das Schlafhormon Melatonin reduziert. Dies führt zu hormonellen Veränderungen.

"Das Glückshormon Serotonin steigt, aber auch Dopamin und Noradrenalin. Man fühlt sich aktiver und wacher. Dieses neue Auferstehen der Aktivität wird vom Körper als begrüßenswertes Gefühl aufgefasst", erläutert Weber, der auch Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ist.

Nicht nur das Auge nimmt den Frühlingsbeginn wahr. "Man riecht förmlich, dass der Frühling wieder beginnt, wenn der erdige Geruch des Bodens in den Sonnenstrahlen einem in die Nase steigt."

Kontrasteffekte sind Auslöser

Wer in den dunklen Monaten genug Licht tankt, nimmt die Frühjahrssonne weniger intensiv wahr. Aus psychologischer Sicht seien Frühlingsgefühle auf Kontrasteffekte zurückzuführen, sagt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst.

Dass optische Reize für das hormonelle Erwachen sorgen, sieht Gesundheitspsychologin Scharnhorstist skeptisch: "Das hat vielmehr etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun." Nach dem Motto: Draußen tut sich was, also muss sich auch in meinem Leben etwas verändern.

Weber hingegen erklärt: "Durch hormonelle Einwirkungen wie die Pille, durch Winterreisen und andere künstliche Bedingungen können die natürlichen Reize heute abgeschwächt werden. Aber sicherlich sind sie immer noch vorhanden."

Soziale Funktion

Ursachen für Frühlingsgefühle sind vor allem unser Zusammenleben und unsere Tendenz zur Selbstbespiegelung in der westlichen Welt, meint Scharnhorst. "Wir neigen dazu, leichte Änderungen recht unspezifisch zu interpretieren. Geht es uns heute gut, sagen wir: Oh, das müssen die Frühlingsgefühle sein. Fühlen wir uns schlecht drauf, ist es die Frühjahrsmüdigkeit."

Außerdem sei es kein Zufall, dass das Wetter vor allem in Unterhaltungen ein beliebtes Thema sei. "Ritualisierte Gespräche über Themen, bei denen jeder mitsprechen kann, haben eine soziale Funktion. Durch sie lässt sich Kontakt und Ähnlichkeit zwischen Menschen herstellen."

Deutschland ist übrigens nicht allein mit dem Phänomen Frühlingsgefühle. "Auch in Nordamerika sind Frühlingsgefühle als ‚Spring Fever‘ bekannt", erläutert Hormon-Experte Weber. "Aber je näher man dem Äquator kommt, desto geringer sind die Unterschiede zwischen Tag und Nacht, zwischen Sommer und Winter. Umso weniger sind dort also Frühlingsgefühle feststellbar." (dpa)

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