Ärzte Zeitung, 03.03.2016

Welttag des Hörens

Eine Chance für schwerhörige Kinder

Schon im Babyalter wurden ihm Chochleaimplantate eingesetzt. Jetzt ist der elfjährige Nicolas Botschafter einer Initiative für Früherkennung bei Schwerhörigkeit.

Eine Chance für schwerhörige Kinder

Schwerhörigkeit ist nicht nur ein Problem des Alters

© somenski / fotolia.com

MÜNCHEN Der elfjährige Nicolas aus Gauting bei München wurde taub geboren. Und er kann doch hören - über zwei Cochleaimplantate. Für ihn ist das ganz normal, denn seine Eltern haben ihm die Implantate schon im Babyalter einsetzen lassen. Seit fast drei Jahren ist Nicolas Botschafter der Initiative "beat the silence", die sich unter anderem für die Früherkennung von Hörproblemen bei Kindern stark macht.

Am diesjährigen Welttag des Hörens am 3. März widmet sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Schwerpunktthema "Schwerhörigkeit bei Kindern".

Experten schätzen, dass weltweit 32 Millionen Kinder durch Schwerhörigkeit behindert sind und mahnen dringend zu frühem Handeln. Nur dann stehen die Chancen für eine Behandlung gut. Wie gut, sieht man am Beispiel von Nicolas.

Ein Schock für die Familie

"Ihr Sohn kann nicht hören." Als die junge Familie Seils im Jahr 2005 diese Diagnose bekommt, ist der kleine Nicolas noch nicht einmal ein Jahr alt. "Das war ein Schock für uns", sagt seine Mama Florentine. Eine der beiden Großmütter hat sich damals sofort bei einem Gebärdenkurs angemeldet - für sie stand fest: Nicolas ist und bleibt taub.

Doch seine Eltern haben sich damit nicht abgefunden: "Wir wollten ihn nicht in die Welt der Gehörlosen schicken. Denn dorthin hätten wir ihn nicht begleiten können."

Über das Krankenhaus erfuhren sie von den Möglichkeiten eines Hörimplantats. So bekam Nicolas sein erstes Cochleaimplantat (CI) im Alter von nur 13 Monaten und konnte wie jedes andere Kind ganz normal sprechen lernen.

Mit ihrer Entscheidung zu einer Operation ermöglichten ihm seine Eltern eine normale Entwicklung. Nicolas achtet sehr gut auf seine CIs. Nicht nur, weil er ohne sie nichts hört, sondern auch, weil er weiß, dass die hochentwickelte Technik viel Geld kostet. Die gesetzlichen Kassen übernehmen diese Kosten in der Regel - in Deutschland auch Nachfolgekosten wie zum Beispiel Batterien. Eine weitreichende Investition, die jungen Patienten wie Nicolas ein Leben in der Welt der Hörenden ermöglicht.

Mehr als nur ein Hörgerät

Seit September letzten Jahres besucht Nicolas die fünfte Klasse des Regelgymnasiums in seinem Wohnort Gauting. Nicolas spricht von "Hörgeräten", obwohl seine Implantate viel mehr als das sind. Mit dem Begriff "CI" können aber immer noch die wenigsten etwas anfangen.

Um das zu ändern, hat Nicolas erst vor kurzem ein Referat im Fach "Naturwissenschaftliches Arbeiten" gehalten. Das Thema: Hören mit Cochleaimplantat. "Ich habe der Klasse erklärt, wie das Ohr funktioniert. Und wie ein CI Impulse direkt an den Hörnerv weitergibt."

Ein CI setzt da an, wo Hörgeräte nicht mehr helfen. Es umgeht die Bereiche des Innenohrs, die nicht mehr funktionieren, und stimuliert direkt den Hörnerv. Dabei besteht ein CI System aus zwei Teilen: dem Audioprozessor, der hinter dem Ohr getragen wird, und dem Implantat, das bei einem chirurgischen Eingriff unter der Haut platziert wird.

Für Nicolas sind seine CIs das Tor zu einem selbstbestimmten Leben. Die WHO setzt sich dafür ein, dass alle Kinder weltweit dieselbe Chance haben wie Nicolas.

Seit 2009 hat jedes Neugeborene in Deutschland Anspruch auf ein Hörscreening - so können Hörminderungen schon bei Säuglingen erkannt und behandelt werden. Bei Nicolas wurde das Screening damals nicht durchgeführt. Seine Probleme wurden erst vier Monate später entdeckt; gerade noch rechtzeitig, um die richtigen Schritte einzuleiten.

Die Initiative "beat the silence" möchte Hörverlust als Barriere für Kommunikation überwinden und Hilfe anbieten. Auf den verschiedenen Kanälen der Initiative können sich Betroffene und deren Angehörige über das Thema Hörverlust informieren und austauschen. Das Herzstück der Initiative bildet die Website www.beat-the-silence.org. Hier werden die Besucher über verschiedene Menüpunkte zu unterschiedlichsten Themen im Zusammenhang mit dem Wert guten Hörens aufgeklärt.

Neben der Website kommuniziert die Initiative "beat the silence" vor allem über ihren Facebook- und Twitter-Account sowie den eigenen YouTube-Channel. (eb)

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