Ärzte Zeitung, 01.04.2016

Welt-Autismus-Tag am 2. April

Wissen ist elementar

Für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen kann die Schulzeit zum Albtraum werden. Denn vielen Schulen mangelt es an Wissen und Kapazitäten.

Von Martina Merten

Wissen ist elementar

Kindheit mit Asperger-Autismus: Für die Familie des siebenjährigen Felix aus Berlin eine große Herausforderung.

© Merten

BERLIN. Vom ersten Tag an, sagt die Mutter des heute siebenjährigen Felix* (*Name des Kindes geändert), sei ihr Kind ein wenig anders gewesen. Einerseits hellwach. Ständig fordernd.

Andererseits an vielen Dingen, die gleichaltrige Kleinkinder beschäftigen, nicht interessiert. "Das verwächst sich", sagte der behandelnde Kinderarzt damals.

Es verwuchs sich nicht. Es wurde noch auffallender. Bei der Tagesmutter und in der Kita wurde Felix aufgrund seines Verhaltens schnell zum Außenseiter. In der Kita versteckte sich der schmale blonde Junge gerne, damit ihn die anderen in Ruhe ließen.

Das Umfeld reagierte unwirsch. Immer öfter musste Felix‘ Mutter ihr Kind nach Hause nehmen oder von der Ersatz-Oma und den Großeltern betreuen lassen, weil es anders nicht ging. Es wurden sogar Unterstellungen laut, das seltsame Verhalten des Jungen läge am Fehlverhalten seiner Mutter.

Selbstverletzung und Aggression

Bis ein Berliner Kinderpsychologe im Januar dieses Jahres die Diagnose Asperger stellte, vergingen Jahre der totalen Rat- und Hilflosigkeit. Es waren Jahre des Hin und Her zwischen Kita, Tagesmutter, Jugendamt und Klinik.

Mit der Einschulung von Felix verschlimmerte sich die Situation noch. Die Regelgrundschule, auf die Felix ging, stellte ihm zwar auf Antrag für zehn Stunden pro Woche eine Schulhelferin zur Seite. Doch die Überforderung des Jungen mit dem schulischen Umfeld blieb.

Es kam zu Selbstverletzungen und aggressivem Verhalten gegenüber anderen. Tageweise suspendierte die Schule den Jungen vom Unterricht. Irgendwann dann landete er in einem Sonderraum des Hortes an der Schule. Unterrichtet hat man ihn dort allerdings nicht.

Geschichten wie die von Felix gehören für Bernd Maaß zum Alltag. Als stellvertretender Leiter der Beratungsstelle Autismus am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig Holstein (IQ.SH) ist er besonders mit der Thematik "autistisches Verhalten" vertraut.

Seine Institution berät Lehrkräfte und Eltern beim richtigen Umgang mit der Störung und zur schulischen Laufbahn und bietet Fortbildungen für Lehrkräfte zur Thematik an. "Inklusion kann gelingen", glaubt der Sonderpädagoge. Allerdings sei das Wissen über die Störung elementar - für alle Beteiligten.

2009 ratifizierte Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Nach Artikel 24 der UN-BRK besteht an allen Schulen ein Anrecht jedes Schülers auf inklusive Beschulung.

Die 16 deutschen Bundesländer setzen Artikel 24 der UN-BRK unterschiedlich um. Rechtlich besteht die Wahl zwischen einer Förderschule und einer Regelschule - sofern weiter Förderschulen existieren. In Bremen wurden die Förderschulen aufgelöst.

Die Regelschulen seien aber häufig mit der Inklusion überfordert, meint der Geschäftsführer und Justiziar vom Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus Deutschland, Christian Freese.

Auch mangele es den Regelschulen an finanziellen Ressourcen, um die vom Gesetzgeber gewünschte Inklusion erfolgreich umzusetzen, kritisiert er.

Leitlinie dringend nötig

Problematisch wirkt sich auch aus, dass die Zahl der Autismus-Diagnosen seit Jahren steigt. "Die diagnostischen Kriterien werden weicher, so dass die Kollegen häufiger die Diagnose stellen", vermutet IQ.SH-Fachmann Maaß.

Professor Inge Kamp-Becker sieht diesen Trend kritisch. Nach Ansicht der Leiterin der Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen am Universitätsklinikum Marburg wird die Diagnose manchmal zu schnell gestellt.

Auch deshalb ist das baldige Erscheinen der ersten umfassenden AWMF-Leitlinie zur Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen so elementar, sagt die Kinderpsychologin. Hiernach sollten ausschließlich spezialisierte Stellen, nicht aber Autismus-Therapiezentren, eine Diagnose stellen dürfen.

Ist die Diagnose gestellt, ist Inklusion nach Ansicht von Kamp-Becker häufig nicht der richtige Weg. "Viele Kinder sind unter den gegebenen Bedingungen nicht inkludierbar, auch nicht mit schulischer Begleitung", so ihre Erfahrung.

Im deutschen Schulsystem mit zum Teil 25 Kindern in einer Klasse trage der Grundgedanke der Inklusion nicht bei allen Kindern mit Autismus, sondern stelle in manchen Fällen eine Überforderung aller Beteiligten dar.

Auch Felix musste diese Erfahrung sammeln. Jetzt, seit wenigen Wochen, muss er es nicht mehr. Denn seine Mutter hat nach langer Suche - wenngleich zeitlich erst einmal begrenzt - einen Platz an einer Schule in Berlin mit sonderpädagogischem Schwerpunkt gefunden - eine Schule, so ihre Hoffnung, an der sein Anderssein endlich akzeptiert wird.

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