Ärzte Zeitung online, 13.06.2016

Lebenserwartung und Glaube

Langes Leben durch Gottes Segen?

Wer häufig zur Kirche geht und fleißig betet, hat offenbar gute Aussichten auf ein längeres Leben - auch an typischen Volksleiden erkranken Gläubige seltener.

Von Thomas Müller

Langes Leben durch Gottes Segen?

Wer fest in eine Glaubensgemeinschaft integriert ist, ist psychisch oft widerstandsfähiger - das schützt eventuell vor Volkskrankheiten und lässt die Chance auf ein langes Leben steigen.

© Aubord Dulac - Fotolia

BOSTON. Den regelmäßigen Besuch von Gottesdiensten scheint der liebe Gott mit zusätzlichen Lebensjahren zu belohnen. Er schützt seine Schäfchen sowohl vor kardiovaskulären Erkrankungen als auch vor Krebs.

Je nach statistischer Methode ist sogar ein Dosiseffekt zu beobachten: Je häufiger jemand auf der Kirchenbank kniet, umso länger lebt er, berichten Forscher um Dr. Shanshan Li von der Harvard School of Public Health in Boston (JAMA Intern Med 2016, online 16. Mai). Untersucht wurden jedoch nur Frauen.

Die Epidemiologen sind nicht die ersten, die der Frage nach einem gesundheitlichen Nutzen von Gottesdienstbesuchen nachgehen.

Frühere Studien waren methodisch jedoch recht lausig, geben die Wissenschaftler zu bedenken, sie wurden von kritischen Forschern entsprechend zerrissen. So hatten frühere Kirchenepidemiologen entweder das statistische Werkzeug nicht beherrscht oder offensichtliche Verzerrungen nicht berücksichtigt.

Vor allem eine reverse Kausalität ließ sich in vielen der Untersuchungen nicht klar ausschließen: Wer mehrmals die Woche den Gottesdienst besucht, liegt jedenfalls nicht todkrank im Bett und hat damit bessere Aussichten, die nächsten Jahre zu überleben, als so mancher, der es aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr in eine Kirche schafft.

Ein halbes Jahr länger leben

Mit einer Auswertung der Nurses‘ Health Study wollten die Forscher um Li zumindest diesen Fehler nicht begehen: Sie schauten sich unterschiedliche Zeiträume an.

So wurden die Frauen in der Studie alle vier Jahre befragt, ob und wie häufig sie zur Kirche gehen. Die Wissenschaftler berücksichtigten Angaben von knapp 75.000 Frauen, die in den Jahren 1996 und 2000 die Frage nach den Kirchenbesuchen beantwortet hatten.

Die Krankenschwestern waren zu diesem Zeitpunkt im Schnitt um die 60 Jahre alt. 19 Prozent gingen mehr als einmal pro Woche zur Kirche, 41 Prozent einmal pro Woche, 16 Prozent weniger als einmal pro Woche und knapp ein Viertel hielt nichts von Gottesdiensten.

Zwei Drittel waren Protestanten, 29 Prozent Katholiken, die übrigen gehörten anderen christlichen oder jüdischen Glaubensrichtungen an.

Mehr enge Freunde

Die fleißigsten Kirchgänger hatten etwas mehr enge Freunde als die Kirchenabstinenzler (3,6 versus 3,2), verbrachten etwas mehr Zeit in sozialen Gruppen (2,9 versus 1,9 Stunden pro Woche), waren aber kaum optimistischer oder weniger ängstlich.

Die Frauen wurden nun regelmäßig bis zum Jahr 2012 oder ihrem Tod untersucht. In den 16 Jahren starben rund 13.500 der Krankenschwestern, davon 4500 an kardiovaskulären Erkrankungen und 2700 an Krebs.

Im nächsten Schritt setzten die Forscher die Sterberate zur Häufigkeit von Kirchenbesuchen im Jahr 1996 und 2000 in Beziehung.

Nach Berücksichtigung von Begleitfaktoren wie Alter, Gesundheitszustand, Bildung des Ehemanns, kardiovaskulären Risikofaktoren, Familieneinkommen, psychischen Erkrankungen und soziale Integration fanden sie die höchste Sterberate bei den Frauen, die sowohl im Jahr 1996 als auch 2000 nichts von Gottesdiensten hielten (1,8 Todesfälle auf 100 Personenjahre).

Bei Krankenschwestern, die in beiden Jahren zwar nicht regelmäßig, aber gelegentlich zur Kirche gegangen waren, lag die Rate um 29 Prozent niedriger, und bei solchen, die in beiden Jahren einmal bis mehrfach wöchentlich den Segen des Priesters erhalten hatten, war die Sterberate sogar um 45 Prozent reduziert.

Umgerechnet auf die 16 Studienjahre entspricht dies einer Lebenszeitverlängerung von fast einem halben Jahr.

Erhöhte psychosoziale Resilienz?

Regelmäßiger Kirchgang war zudem mit einer 27 Prozent geringeren Rate an kardiovaskulär bedingten und einer 21 Prozent niedrigeren Rate an krebsverursachten Todesfällen verbunden. Unterschiede zwischen dem Besuch protestantischer und katholischer Gottesdienste gab es kaum.

Wie lassen sich nun die Ergebnisse außer mit göttlicher Fügung erklären? Die Epidemiologen um Li vermuten, dass der starke Zusammenhalt in religiösen Gemeinschaften die psychosoziale Resilienz erhöht und einen günstigen Einfluss auf die Lebensweise ausübt.

So ist stark gesundheitsschädliches Verhalten bei frommen Menschen eher weniger zu erwarten.

Auf der anderen Seite könnte der selbst- oder fremdbestimmte Ausschluss aus einer religiös geprägten Gemeinschaft negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben - wer sich im Bible-Belt der USA offen von religiösen Praktiken distanziert, hat vermutlich wenig zu lachen.

Die Ergebnisse lassen sich also nicht unbedingt auf weniger religiöse Gesellschaften übertragen.

[13.06.2016, 23:59:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Wer's glaubt, wird selig"?
Was hier von Shanshan Li et al. mit "Association of Religious Service Attendance With Mortality Among Women" im JAMA Internal Medicine publiziert worden ist, reicht allenfalls für eine zufällige Koinzidenz, nicht zu einer Assoziation. Ebenso könnte man die Geburtenrate in post-industriellen Gesellschaften mit der Anzahl der Klapperstörche korrelieren.

Wer noch gesundheits- oder krankheitsbedingt zur regelmäßigen Teilnahme am Gottesdienst in der Lage ist, ist selbst mit Rollator von der "letzten Ölung" weit genug entfernt.

Wissenschaftstheoretisch liegt hier eine Verwechslung der gegensätzlichen Begriffe von Zweck und Kausalität vor. Teleologie als Weltanschauung bedeutet die Annahme entweder äußerer (transzendenter) oder innerer (immanenten) Zweckursachen. Wer sich zum Zwecke der Erbauung, der Wiedererlangung des äußeren und inneren Gleichgewichts, der Kontemplation und der bio-psycho-sozialen Stabilität in ein Gotteshaus begibt, handelt zweckorientiert.

Will man aber dagegen Kausalität bestimmen, muss man einen randomisierten Doppel-Blindversuch starten ("RCT-Design"): Eine Gruppe mit "echtem" Gottesdienst muss mit der einer gefakten Zeremonie verglichen werden, um dann noch signifikante Morbiditäts- bzw. Mortalitätsunterschiede zu belegen.

Nur so können Hypothesen geprüft, verworfen, verifiziert oder falsifiziert werden. Sonst müsste es heißen, dass Frauen in der Allgemeinbevölkerung im Gegensatz zu Männern nie kriminell werden, es sei denn, sie sitzen in Frauen-Gefängnissen ein. Doch wie sind sie dann hinein gekommen? Oder Frauen ohne hochhackige Schuhe wären kleiner als diejenigen mit "high-heels", hätten dafür aber seltener "Hallux valgus".

Die JAMA-Autoren S. Li et al. irren, ihre vage Assoziation ist in Wahrheit "Mittel zum Zweck", und die Gottesdienst-Besuche sind in Wahrheit Surrogat-Parameter. Aber wie schon gesagt, "der Zweck heiligt die Mittel"! Amen!!!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[13.06.2016, 14:18:23]
Claus F. Dieterle 
Ich bin Christ!
In den letzten 44 Jahren war ich nur zwei halbe Tage krank und seit 43 Jahren habe ich keinen Urlaub gemacht (auch keine Kur bzw. Reha) und das bei einer 70-Stunden-Woche! Christen können die Verheißung in Römer 8,28 in Anspruch nehmen: "Eines aber wissen wir: Alles trägt zum Besten derer bei, die Gott lieben..." zum Beitrag »

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