Ärzte Zeitung, 02.06.2016

HIV-Diagnostik

Transportables Kit könnte HIV-Schnelltest revolutionieren

Bisher hatten HIV-Diagnose-Geräte die Größe eines Kleinwagens: Dr. Helen Lee hat ein innovatives HIV-Schnelldiagnose-Kit entwickelt, dass die Größe einer Kaffeemaschine hat. Gewinnt sie damit den Europäischen Erfinderpreis 2016?

Von Christina Maria Bauer

HIV-Diagnostik

Groß wie eine Kaffeemaschine: Dr. Helen Lee hat ein HIV-Diagnose-Tool entwickelt, dass einfach zu transportieren ist – ideal für reisende Ärzte in armen Länder

© Heinz Troll

MÜNCHEN. Auf den ersten Blick sieht SAMBA II aus wie eine Kaffeemaschine. Doch es ist ein hochmodernes Diagnosegerät, um Krankheitserreger im Blut oder Blutplasma aufzuspüren. Derzeit vor allem das HI-Virus, und das besonders in Entwicklungsländern mit defizitären medizinischen Versorgungsstrukturen. In dem Apparat stecken etwa zehn Jahre Arbeit, wie Erfinderin Dr. Helen Lee in den Räumen des Europäischen Patentamts in München im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläutert.

Sie ist eine von den 15 diesjährigen Kandidaten für den Europäischen Erfinderpreis (wir berichteten). Der Preis wird am 9. Juni in Lissabon verliehen.

60 Millionen Euro Fördergelder

Die Hämatologin und ihr 45-köpfiges Team, darunter Ärzte, Biologen, Chemiker, Informatiker und Ingenieure, haben sich mit vielen Details befasst. Hauptarbeitsort ist die Diagnostic Development Unit der University of Cambridge, die Lee seit 20 Jahren leitet - seit 2002 leitet sie zudem die daraus hervorgegangene Firma Diagnostics for the Real World.

Fördergelder von Stiftungen und Institutionen im Umfang von bisher umgerechnet 60 Millionen Euro ermöglichten, was in der freien Wirtschaft wegen des Zeitaufwandes so wohl nicht geklappt hätte. "Würde ich für eine Firma arbeiten, wäre ich längst rausgeflogen", konstatiert die Ärztin, und ergänzt: "Ich hätte mich als meine eigene Vorgesetzte wohl selbst gefeuert."

Lee weiß, wovon sie redet. Sie arbeitete lange erfolgreich als Managerin in verschiedenen Unternehmen, bevor sie sich bewusst den medizinischen Bedürfnissen ressourcenarmer Regionen zuwandte.

Fast 100 Prozent zuverlässig

Die Sensitivität von SAMBA beträgt 95 bis 98 Prozent, fast jede Infektion wird entdeckt, versichert Lee. Bei einer Spezifität von 98 bis 100 Prozent sei zudem falscher Alarm selten. Die Testergebnisse stehen nach eineinhalb Stunden fest, bei starker Virusbelastung oft schon nach fünf Minuten.

Durch Bestimmen der Viruslast können Therapien im Verlauf angepasst werden. Zugleich ist das Diagnose-Kit bei bis zu 37 Grad ein Dreivierteljahr lang haltbar, bei weit über 50 Grad Hitze immerhin einen Monat lang. Größe und Gewicht sind gering, das Gerät transportabel.

Vorteil: Klein, schnell und vernetzt

"Die bisher üblichen Verfahren haben oft die Größe eines Kleinwagens", so Lee. Was aber in schwierigen Umgebungen wirklich angewendet werden soll, könne nicht einfach genug sein. So landen auch die Testergebnisse über einen scanfähigen Code direkt auf dem mitgelieferten hitze- und flüssigkeitsbeständigen Tablet.

Von dort können sie mit einem Klick per SMS oder E-Mail verschickt werden, etwa an die zuständige Klinik. Schwierigkeiten vorab lösen, möglichst wenig Komplexität weitergeben, so die Devise. Und: "Jeder Test, der für ein Entwicklungsland hergestellt wird, sollte auch in einem entwickelten Land eingesetzt werden können." Seit Kurzem ist SAMBA CE-zertifiziert. Das erhöhe, wie Lee erklärt, auch in Afrika das Vertrauen.

Diagnose bereits bei Kleinkindern

Die Hauptentwicklungsarbeit stecke in der Chemie. Insgesamt 100 Chemikalien befinden sich in den Mehr-Kammer-Kartuschen, die zum Testen nur noch in das Gerät eingesetzt werden müssen. Hinzu kommt eine Blutprobe, entnommen mit einer automatisch rückziehbaren Kurznadel. Per Drehung sammelt eine Kanüle die Substanzen aus den Kammern, die schrittweise reagieren. Wird Virus-RNA entdeckt, ist das Ergebnis positiv.

Das ermöglicht schon bei ganz kleinen Kindern eine Diagnose. Mit dem bisher üblichen Antikörper-Nachweis könne diese erst ab 1,5 Jahren gestellt werden- ein enormer Unterschied im Hinblick auf die Überlebenschancen, die bei sofortiger Behandlung stark steigen.

Gerät könnte auch andere Infektionen erkennen

Ein Teststreifen zeigt das Ergebnis. Eine Farblinie: nicht infiziert. Zwei Linien: infiziert. Kontrolllinie: ungültig, was etwa ein halbes Prozent der Fälle betrifft. In Malawi und Uganda setzt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen das Verfahren schon regulär ein.

Dort wurden bisher über 40.000 Menschen getestet. Zudem wird die schnellere Lösung SAMBA II in Nigeria und Simbabwe erprobt. In Kenia fährt SAMBA II ab Juni in mobilen Praxen mit.

Praxiseinsatz, Studien, Datentransfer - das erfordert viele Abstimmungen mit Behörden und Ministerien. Langwierig, aber notwendig, so Lee. "Wir haben keine Abkürzungen genommen." SAMBA könnte für alle Viren und Bakterien mit bekannter Nukleinsäure-Struktur adaptiert werden. Studien laufen für Influenza, Gonorrhoe und Chlamydien.

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