Ärzte Zeitung, 03.06.2016

Musik- und Kunsttherapie: Ein Segen für Krebskranke

Psychoonkologin Bianca Senf hilft Kindern, mit ihrer Krebserkrankung umzugehen. Sie ist überzeugt: Kunst und Musik sind wertvoll, denn sie lenken von der Krankheit ab.

Das Interview führte Barbara Schneider

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Die Leiterin des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen (UCT) in Frankfurt: Dr. Bianca Senf weiß, dass eine Krebserkrankung die gesamte Familie betrifft.

© UCT Frankfurt

Ärzte Zeitung: Wie reagieren Kinder, wenn sie an Krebs erkranken?

Bianca Senf: Das ist von vielen verschiedenen Faktoren wie beispielsweise Alter, Entwicklungsstand und den Vorerfahrungen mit Krankheit und dem Thema Krebs abhängig. Es ist ein Unterschied, ob ein dreijähriges Kind erkrankt oder ein sechs- oder siebenjähriges Kind, das vielleicht schon Vorerfahrungen im Klassenverband gemacht hat oder einen Verwandten hat, der an Krebs erkrankt ist.

Jüngere Kinder reagieren oft nicht so offensichtlich auf die Diagnose, spielen zum Beispiel einfach weiter. Sie registrieren aber ganz genau, in welcher emotionalen Lage die Eltern sind. Die Reaktionen auf die Diagnose reichen aber insgesamt von ruhig, über ganz stumm bis hin zu heftigerem Weinen.

Letztere Gefühlsreaktion zeigen oft Jugendliche, die die Tragweite des Gesagten erfassen können. Prinzipiell können die Kinder also mit der ganzen Bandbreite von Gefühlen reagieren - abhängig davon, wie sie das Geschehen auffassen. Darüber spielt es jedoch eine große Rolle, wie die Eltern und die Familie mit ihrem Kind und dem Thema umgehen. Es ist ganz wichtig, was dem Kind mit welchen Worten und Gefühlen mitgeteilt wird.

Was ist, wenn Eltern ihren Kindern die Krankheit verheimlichen und die Schwere der Krankheit nicht offen ansprechen?

Das ist aus meiner Perspektive fast immer das Ungünstigste, was Eltern machen können. Die Kinder ahnen ja in aller Regel, dass etwas mit ihnen los ist und wissen, dass es nicht um einen Schnupfen geht. Wenn sie das Gefühl haben, dass die Eltern selbst unsicher und ängstlich sind, fangen sie oft an, ihre Eltern zu schonen und die Krankheit von sich aus nicht zu thematisieren.

Das Kind hat so keine Chancen, mit seinen Ängsten und Fragen offen umzugehen. Es erfährt, dass es seine Gefühle nicht offen äußern kann und erlebt dadurch wenig Geborgenheit. Man weiß aus der klinischen Erfahrung aber auch aus der Forschung, dass das eine zwar verständliche aber falsche Schonung des Kindes ist. Das Kind findet mit seinen Ängsten und Sorgen keinen Ansprechpartner. Das ist belastend.

Wie gehen die Kinder mit dem drohenden Tod um?

Oftmals sind die Kinder da weiter als die Erwachsenen. Kinder haben, insbesondere wenn sie jünger sind, keine Langzeitperspektive im Kopf. Je nachdem was sie für ein Glaubenssystem vertreten oder gelehrt bekommen haben, können Kinder mit den Thema Tod und Sterben und dem eigenen Tod deutlich besser umgehen als wir Erwachsenen.

 Das heißt nicht, dass sie nicht traurig sind oder sagen, ich habe Angst vor dem, was kommt. Aber nicht in so einer - wie bei Erwachsenen - sehr verzweifelten und nicht wahr-haben-wollenden Form.

Therapie ist ja nicht nur Chemo- und Strahlentherapie. Weshalb sind beispielsweise musiktherapeutische Angebote so wichtig?

Kinder können oft noch schlecht oder ungenau versprachlichen, was sie bewegt. Sie haben je nach Alter nicht immer Worte für das, was in ihrem Seelenleben vor sich geht. Gerade jüngere Kinder haben da einfach das Vokabular in der Form nicht parat. Oft sind sie auch geschwächt, das Sprechen fällt schwer.

Musik spricht die tieferen Sinne an. Mit allen nonverbalen Verfahren, mit Farben und Musik, können Kinder besser ausdrücken, wie es ihnen geht. Zur Krankheitsverarbeitung kann das sehr förderlich sein. Aber auch Ablenkung von körperlichen Beschwerden wie Ãœbelkeit oder Schmerzen spielen hier eine große Rolle. Da ist Musik- oder Kunsttherapie oft ein Segen.

Zu welchem Zeitpunkt der Erkrankung machen denn solche begleitenden Therapien Sinn?

Prinzipiell zu jeder Zeit. Dann, wenn das Kind einen Zugang hat oder für sich wählt. Im deutschen Gesundheitssystem ist es ja Usus, viele Dinge erst in der Reha anzubieten. Denn man geht davon aus, dass die Kinder erst jetzt wieder Kapazitäten haben. Meine Erfahrung ist aber, dass es den Kindern und auch Erwachsenen zu jeder Phase guttun kann, ein solches Angebot wahrzunehmen.

Bei dem Harfenbaukurs auf Schloss Wernsdorf geht es ja darum etwas selber zu bauen, dann aber auch damit Musik zu machen.

Beim Bauen einer Harfe wird die Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes als die Erkrankung gelenkt. Es geht hier auch um Selbstwirksamkeit, also um das Gefühl, etwas selbst zu bewerkstelligen oder etwas selbst zu schaffen. Die Kinder erfahren, es entsteht ein Produkt, mit dem sie etwas anfangen können. Sie bekommen Zugang zu ihren Ressourcen.

Welchen Sinn macht es, Eltern und Geschwister mit an Bord zu nehmen?

Ein an Leukämie erkranktes Kind mit schlechter Leukozytenlage kann beispielsweise keinen Fußball spielen. Es ist schnell erschöpft, das normale Spiel mit seinen Geschwistern fällt aus. Mit den Geschwistern wieder in einen gleichberechtigten Prozess einzutreten, ist etwas, das sehr stärken kann.

Für die ganze Familie gilt: es wird mit dem kranken Kind eine Zeit verbracht, die krankheitsunbelastet ist. Das wird von den Kindern wie eine krankheitsfreie Zone erfahren. Die Aufmerksamkeit wird auf einen gemeinsamen Prozess gelenkt, der nicht von der Krankheit dominiert wird, sondern von etwas Schönem.

Auch für die Geschwister ist es wichtig, dass sie in diesem Prozess einen Platz finden. Sie werden nicht umsonst als "Schattenkinder" bezeichnet, die schnell in den Hintergrund geraten und mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen oftmals vergessen werden.

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