Ärzte Zeitung, 22.06.2016

Medizinische Textilien

Krabbenpanzer für die Forschung

Krabben können nicht nur ein Leckerbissen sein. Die Tiere sind auch wegen ihres Panzers in der Forschung gefragt: In Dresden tüfteln Wissenschaftler an einem Garn aus Krabbenpanzern, das in medizinischen Textilien Einsatz findet.

Von Christiane Raatz

Krabbenpanzer für die Forschung

Aus Krabbenpanzern wollen Forscher medizinische Produkte herstellen: Diese sind antibakteriell und lösen sich im Körper auf.

© photos.com

DRESDEN. Diese Fäden sind aus einem ganz besonderen Material. Doch man sieht es ihnen nicht an: Sie glänzen weiß, sind fest und elastisch.

Dr. Rolf-Dieter Hund wiegt eine Spule in der Hand. "Für ein Abfallprodukt so eine tolle Verwendung zu finden, ist eine klasse Sache", sagt der Textilforscher von der Technischen Universität Dresden. Der Grundstoff für die Garne ist Chitin.

Gewonnen wird das Chitin aus Panzern von Krabben, Krebsen und anderen Meerestieren. Das Besondere: Textilien aus den speziellen Garnen eignen sich für den medizinischen Bereich.

Garn aus Chitosan-Pulver

"Jedes Jahr fallen riesige Mengen Chitin in der Nahrungsmittelindustrie an", sagt Hund. Die Wissenschaftler von der TU Dresden beziehen es als weiß-graues Pulver namens Chitosan. In einem sogenannten Nassspinnverfahren entsteht in Dresden aus dem Pulver rein biologisches Garn, das sich im menschlichen Körper abbauen kann.

Wegen der blutstillenden und antibakteriellen Eigenschaften eignen sich Textilien aus Chitosan für Pflaster, Verbände, chirurgisches Füllmaterial, OP-Materialien oder Kleidung für Neurodermitis-Patienten.

"Die Wirksamkeit hängt davon ab, wie rein der Grundstoff ist und wie hochwertig das Material in der Herstellung", sagt Dr. Uta-Christina Hipler, Leiterin des In-vitro-Forschungslabors am Jenaer Universitätsklinikum. Auch in diesem Labor arbeiten Wissenschaftler seit Jahren mit Chitosan-Produkten.

An der TU Dresden wird das Garn in einer kleinen, separaten Halle gesponnen. Glänzende Kessel, Behälter, Düsen und Walzen reihen sich aneinander.

Das Pulver wird gelöst, gefiltert, unter Vakuum von Luftblasen befreit und durch kleine Düsenlöcher gedrückt. Die so entstehenden Fäden werden gewaschen, getrocknet und mit einer Schutzschicht versehen. An mehreren Tagen im Monat läuft die Anlage, zwischen 30 und 40 Meter Garn werden pro Minute gesponnen.

100-mal teurer als normales Garn

Entstanden ist die Idee für das Krabben-Garn vor etwa sieben Jahren: Die Forschungsgruppe für Bio- und Medizintextilien der TU Dresden interessierte sich für Chitosan in textiler Form - allerdings habe sich nirgendwo ein solches Garn auftreiben lassen, erklärt Hund. "Also haben wir beschlossen, dass wir es selbst machen. Das war die Geburtsstunde des Garns."

Seit etwa drei Jahren nun kann die Forschungsgruppe mit dem Hightech-Garn arbeiten und testet verschiedene Anwendungen - unter anderem in der regenerativen Medizin. "Zum Beispiel als maßgeschneiderte Implantate für Bauchdeckenrekonstruktion, für Knorpel und Knochendefekte", sagt Ronny Brünler von der Gruppe.

Über ihre Entwicklung sprechen die Dresdner Wissenschaftler auch auf der internationalen Messe für Technische Textilien "mtex+", die noch bis zum 2. Juni in Chemnitz läuft. Ein Schwerpunkt der Messe in diesem Jahr sind Textilien für die medizinische Anwendung.

"Das sind Hochleistungsprodukte, die ganz neue Methoden der Diagnostik und Therapie ermöglichen", sagt Uwe Mazura, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie. Insgesamt verbucht die Branche pro Jahr einen Umsatz von rund 32 Milliarden Euro. Die Hälfte davon entfällt auf technische Textilien - und die Tendenz ist steigend.

Von einer industriellen Produktion sind die Wissenschaftler der TU Dresden derweil allerdings noch etwas entfernt - zurzeit geht es vor allem um Forschung und Entwicklung.

"Solche Dinge benötigen ihre Zeit, wenn man der Industrie etwas mit Hand und Fuß übergeben will", sagt Hund. Noch spielt auch der Preis eine Rolle: "Im Chitosan steckt viel Arbeit, das macht das Garn recht teuer."

Tatsächlich ist das Garn aus den Krabbenpanzern mindestens 100-mal so teuer wie ganz normales Textilgarn. (dpa)

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