Ärzte Zeitung online, 08.06.2016

Altern in Deutschland

Fängt mit 66 Jahren das Leben an?

Aktiver, engagierter, gesünder: Älterwerden fühlt sich in Deutschland nach einer Langzeitstudie immer besser an. Die Kehrseite: Es gibt noch große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Auch und gerade bei der Hausarbeit.

Von Werner Herpell

Fängt mit 66-Jahren das Leben an?

Altwerden fühlt sich in Deutschland gut an.

© Scott Griessel/thinkstock.com

BERLIN. Vier von fünf Menschen über 70 sehen ihr Leben in Deutschland positiv. 85 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 40 und 65 sind mit ihrem Job zufrieden. Zwei Drittel der Bürger mittleren bis höheren Alters sagen, sie seien bei guter Gesundheit. Neun von zehn Menschen finden ihre Wohnsituation gut bis sehr gut. Und immerhin jeder Vierte engagiert sich ehrenamtlich - vor 20 Jahren 11 Prozent.

"Erfreulich" nennt Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) die Ergebnisse einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie mit dem sperrigen Namen "Deutscher Alterssurvey 2014". Ein spannender "Blick in die Glaskugel" sei der 500-Seiten-Report über Beruf und Ruhestand, Familie und Sozialkontakte, Freizeit und Gesundheit der heute 40- bis 85-Jährigen.

Denn auch zur Zukunft des Älterwerdens liefere die repräsentative Untersuchung viele Hinweise. Große "Baustellen" sieht Schwesig noch bei Bildung für möglichst alle Bürger und gesundheitlicher Prävention.

Von gut 81 Millionen Bundesbürgern sind nach Daten des Statistischen Bundesamtes etwa 58 Prozent 40 Jahre und älter, per Definition also in ihrer zweiten Lebenshälfte. Zur klassischen Gruppe der "Senioren" über 60 gehören gut 27 Prozent. 6000 Menschen befragte das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) 2014 erstmals für seine 1996 gestartete Langzeitstudie, mehr als 4000 zum wiederholten Mal.

Job ist Normalität

Immer mehr Menschen über 40 sind erwerbstätig - waren es 1996 rund 60 Prozent, so arbeiten jetzt zwei von drei Bürgern (74,1 Prozent). Bei den 54- bis 65-Jährigen wuchs der Anteil am deutlichsten - um etwa 20 Prozentpunkte. Aber: Immer weniger Älteren gelingt inzwischen ein nahtloser Übergang in die Rente.

Arbeiten nach dem Renteneintritt ist inzwischen für gut jeden Neunten (11,6 Prozent) in Deutschland Realität. Beim ersten "Alterssurvey 1996" lag dieser Anteil knapp über 5 Prozent. Erwerbstätigkeit im Ruhestand wird dabei überwiegend in Teilzeit absolviert. Viele arbeiten dann als Selbstständige - bei den 66- bis 71-Jährigen beispielsweise über 38 Prozent.

Die große Mehrheit der 40- bis 65-Jährigen (81,2 Prozent) fühlt sich durch ihre Tätigkeit insgesamt weder unter- noch überfordert. In der Altersgruppe der 54- bis 59-Jährigen zeigt sich allerdings eine vergleichsweise hohe zeitliche und nervliche Belastung im Job (51,4 Prozent), auch der körperliche Stress wird hier am stärksten empfunden (35,7 Prozent).

Männer: Viel Bewegung - aber nicht im Haushalt

Es gibt immer weniger Alleinverdienerhaushalte, in denen nur der Mann im Beruf steht - dafür sind bei mehr als der Hälfte der älteren Paare bis 65 beide Partner erwerbstätig.

Dennoch tragen viele Frauen weiterhin die Hauptlast beim Putzen, Bügeln und Kochen: Wie schon 2008 übernehmen "in sechs von zehn Paarhaushalten überwiegend die Frauen die Hausarbeit", heißt es in dem Altersreport. Das "Pascha-Verhalten" betreffe alle Männer-Altersgruppen, bedauert DZA-Experte Clemens Tesch-Römer.

Unzufriedenheit ist bei Frauen hoch ausgeprägt (31,6 Prozent), wenn sie neben ihrer Berufsarbeit auch noch die Hauptverantwortung für den Haushalt tragen. Männer können mit dieser Situation offenbar gut leben - nur knapp 6 Prozent äußern sich dann unzufrieden.

Sobald Männer und Frauen partnerschaftlich mit der Hausarbeit umgehen, sind lediglich 5,5 Prozent der Männer und 5,8 Prozent der Frauen mit dem fairen Arrangement unzufrieden.

Fast 69 Prozent der Menschen in der zweiten Lebenshälfte fühlen sich körperlich kaum eingeschränkt. Bei guter Fitness sehen sich sogar unter den über 70-Jährigen noch gut 48 Prozent. Interessant: Je niedriger die Bildung, desto schlechter wird die eigene Gesundheit eingeschätzt.

Bewegung trägt zum insgesamt verbesserten Bild bei: Die 40- bis 85-Jährigen treiben viel häufiger Sport als vor 20 Jahren - besonders die über 60-Jährigen.

Oma und Opa sind engagiert

Während von 1996 bis 2008 der Anteil der Omas und Opas, die ihre Enkel betreuen, rückläufig war, engagieren sich dafür jetzt wieder mehr Großeltern. Der Anteil stieg innerhalb von sechs Jahren deutlich von einem Viertel (24,7 Prozent) auf knapp ein Drittel (30,2). Und viele unter 66-jährige Großeltern (23,4 Prozent) konnten sogar Erwerbsarbeit und Enkelbetreuung kombinieren.

Der Wandel von der Ehe zur Partnerschaft ohne Trauschein setzt sich fort: Waren 1996 noch drei Viertel der 40- bis 85-Jährigen verheiratet, so ging diese Quote auf knapp 68 Prozent zurück.

Nichts geändert hat sich am engen Band der Familie: "Sie ist und bleibt die wichtigste Stütze" für ältere Menschen, sagt Ministerin Schwesig. Meist seien Eltern und erwachsene Kinder "in gutem Kontakt" - trotz wachsender Wohnentfernung. (dpa)

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