Ärzte Zeitung, 01.07.2016

Vom Grillfest in die Ambulanz

Wenn die Grillbürste zum Gesundheitsrisiko wird

Möglicherweise krebsauslösende Stoffe, die beim Grillen entstehen: Davon hört man oft. Von gefährlichen Drahtbürsten ist eher selten die Rede. Dabei ist die Bedrohung, die von ihnen beim Grillen ausgeht, bedeutend akuter.

Von Robert Bublak

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Die Deutschen lieben Grillen. Über die Gefahr von Drahtbürsten für die Gesundheit haben sich bisher nur wenige Gedanken gemacht.

© LVDESIGN / Fotolia.com

COLUMBIA. Höhere Außentemperaturen bilden für viele Menschen einen schwer zu unterdrückenden Anreiz, ihre Mahlzeiten im Freien einzunehmen. Seit ein paar Hunderttausend Jahren ist es dabei Sitte, am Feuer Platz zu nehmen und die Beute zur geschmacklichen Verfeinerung über der Glut zu garen. Verändert hat sich seither lediglich die Technik: Wo man früher ein Feuerloch grub, steht heute ein Grill.

Die moderne Art zu grillen bringt freilich Probleme mit sich, die man am Feuerloch nicht fürchten musste. Neben Grundsatzreferaten über vegane Ernährung sind das nicht zuletzt Drahtborsten. Letztere stammen von den Bürsten, mit denen die Grillroste vor Gebrauch gereinigt werden.

Dabei verlorene Borsten können sich unbemerkt im Grillgut - sei es vegan oder animalisch - festsetzen. Ihr Verzehr kann schmerzhafte Zwischenfälle provozieren und dazu führen, dass sich das gesellige Beisammensein vom Garten oder Balkon in die örtliche Notfallambulanz verlagert.

Fast 1700 Borstenverletzungen pro Jahr in den USA

Tiffany Baugh, HNO-Chirurgin an der University of Missouri in Columbia, hat zusammen mit Kollegen die Datenbank der US-Kommission für die Sicherheit von Konsumgütern nach Grillunfällen mit Drahtborsten durchkämmt (Otolaryngol Head Neck Surg 2016; 645-649). Aus der ermittelten Stichprobe von 43 Fällen für die Jahre 2002 bis 2014 errechneten Baugh und Mitarbeiter eine Schätzzahl von landesweit insgesamt 1698 Borstenverletzungen.

Das ist nicht viel, bedenkt man, dass insgesamt Jahr für Jahr 56.000 Menschen in den USA wegen einer Verletzung durch Fremdkörper eine Notaufnahme aufsuchen - wobei mehr als 10.000 Fälle auf die unsachgemäße Handhabung von Baumwollstäbchen zurückzuführen sind.

Verletzungen im Rachenraum

Allerdings birgt gerade ihre Seltenheit das Risiko, dass Verletzungen durch Drahtborsten von Grillbürsten der ärztlichen Aufmerksamkeit entgehen. Die Läsionen liegen überwiegend im Oropharynx oder jedenfalls im Kopf-Hals-Bereich und damit in der Domäne der HNO-Medizin.

Bei den in der Literatur beschriebenen Fällen gelang es nur selten, die Borste einfach zu entfernen. Meist musste operiert werden - bis hin zur Neck-Dissection.

Borsten gelangen bis in die Leber und ins Bauchfell

Es sind auch Fälle bekannt, in denen die Borsten in die Leber oder das Omentum majus eingedrungen waren. Von neun Patienten mit abdominellen Verletzungen, die von Schmerzen bis zur Perforation reichten, mussten sechs laparoskopisch oder laparotomisch versorgt werden.

Ärzte sollten das Problem im Blick behalten, raten die HNO-Ärzte um Baugh. Bei einem Verdacht ist zunächst die flexible Endoskopie am Zug. Ist das Ergebnis negativ, sollte als nächstes eine native Computertomografie gefahren werden, da ihre Sensitivität laut Baugh und Kollegen höher liegt als die einer Standard-Röntgenaufnahme.

[01.07.2016, 18:08:38]
Thomas Georg Schätzler 
"Heavy on wire"? - Schwer auf Draht?
Schon der Titel macht stutzig: "Epidemiology of Wire-Bristle Grill Brush Injury in the United States, 2002-2014" von Tiffany P. Baugh et al.
"Published online before print March 1, 2016, doi: 10.1177/0194599815627794 Otolaryngol Head Neck Surg April 2016 vol. 154 no. 4 645-649"
http://m.oto.sagepub.com/content/early/2016/02/24/0194599815627794
publiziert, will uns von ganzen 43 Fällen berichten, die im "National Electronic Injury Surveillance System" (NEISS) als 'Drahtborsten-Grillbürsten-Verletzungen' erfasst und aufgeführt wurden.

In 13 Jahren (2002 zählt als Startjahr mit) wurden also bei ca. 330 Millionen Bewohnern der USA pro Jahr nur 3,3 Fälle von 'Drahtborsten-Grillbürsten-Verletzungen' (1:100 Millionen) dokumentiert. Dies hinderte das Autorenteam allerdings nicht, die wahrscheinliche Inzidenz ausgerechnet mit einem Konfidenzintervall von 95% auf 1.468 bis 1.927 Fälle hochzuschätzen ["extrapolated to an estimated 1698 (95% confidence interval, 1468-1927) emergency department visits nationwide"].

Das lässt sich nur damit erklären, dass die HNO-Spezialisten von frisch drahtgebürsteten Grillrosten ausgehen, bei denen die Anwender das Grillgut dann trotzdem grundsätzlich d i r e k t in die Glut legen, um sich die evtl. dort hineingefallenen Drahtborsten-Bruchstücke zusätzlich mit einzuverleiben? Gleichzeitig würden damit die Grillroste vor erneuter Verschmutzung geschont?

Das ist allerdings genauso strunzdämlich, wie Haustiere, denen im Winter zu kalt geworden ist, in der Mikrowelle wieder aufwärmen zu wollen. Von daher gewinnen "Drahtborsten-Grillbürsten-Verletzungen" eher vorsätzlich-selbstverletzende, psychiatrische, verhaltens- und anpassungsgestörte Aspekte. Eine Verortung derartiger Verletzungen und ihre Ursachenforschung ausgerechnet im Bereich der HNO-Heilkunde vornehmen zu wollen, scheint ebenso deplatziert wie intellektuell überfordernd.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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