Ärzte Zeitung, 12.09.2016

Suizid

Ein Tabu, das auf den Hinterbliebenen lastet

Der Selbsthilfeverein Agus hilft Menschen, die nach dem Suizid eines Angehörigen ratlos und mit einem Stigma zurückbleiben.

Von Britta Schultejans

Ein Tabu, das auf den Hinterbliebenen lastet

© fotolia.com

MÜNCHEN/BAYREUTH. Elfriede Loser war 30 Jahre alt, als sie ihren Lebensgefährten Horst verlor. "Er kam einfach nicht mehr heim", sagt die Bayreutherin. "Ich habe ihn gesucht, weil er zwei Tage verschwunden war und als ich dann im Wald in Richtung seines Lieblingsplatzes lief, kam mir schon die Polizei entgegen. Sie hatten ihn gefunden." Er hatte sich das Leben genommen. Das war 1990.

Heute - mehr als 25 Jahre danach - arbeitet Loser für den Verein Agus. Sie hilft Hinterbliebenen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, der nicht mehr leben wollte - oder konnte. 850 Mitglieder hat der Verein, 60 regionale Selbsthilfegruppen und Kontakt zu rund 5000 Betroffenen in ganz Deutschland.

Nachdem die Zahl der Suizide in Deutschland jahrelang zurückgegangen war (von mehr als 14.000 im Jahr 1991 auf 9400 im Jahr 2007), steigt sie seit 2007 wieder an, sagte der Psychiater Manfred Wolfersdorf zum Welttag der Suizidprävention am Samstag. Er ist Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth und Leiter des Depressionszentrums.

Im Jahr 2014 nahmen sich laut Statistischem Bundesamt 10.209 Menschen das Leben, 7624 davon Männer. Woran der Anstieg liegt, sei in der Forschung umstritten. Einige Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang mit "Suizidmodellen" wie dem Tod von Fußball-Torwart Robert Enke im Jahr 2009, andere wie Wolfersdorf sehen das als "Ausdruck der wirtschaftlichen Situation": 2007 ging die Finanz- und Wirtschaftskrise los.

Ihr Freund habe zwar einen Abschiedsbrief hinterlassen, doch der habe für sie mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben, sagt Elfriede Loser, die heute 56 Jahre alt ist: "Die Suche nach dem Warum ist eine Lebensaufgabe. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass er die Antwort mit ins Grab genommen hat."

"Suizid ist eine sehr stigmatisierte Todesursache", sagt die Geschäftsführerin des Vereins Agus, Elisabeth Brockmann. "Hinterbliebene werden schief angeguckt."

Elfriede Loser hat den Verlust ihres Lebensgefährten verarbeiten können, ist heute glücklich verheiratet. "Das ist schon ein jahrelanger Prozess, aber die Verzweiflung und auch die Wut haben aufgehört." Es sei für Hinterbliebene wichtig, "gnädig zu sein zu sich selbst", sagt sie. "Ich habe alles getan zu Lebzeiten, was ich tun konnte, aber an seiner letzten Entscheidung war ich nicht beteiligt." Sie befürchtet: "Auf dieser Todesart wird immer ein Tabu bleiben." (dpa)

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