Ärzte Zeitung, 07.10.2016

Extremsituationen

Das wahre Ich

In Extremsituationen zeigt sich die wahre Natur eines Menschen - so sagt man. Stimmt das tatsächlich? Forscher haben es herausgefunden.

Das wahre Ich

Wer hilft, wer schaut weg? In Notsituationenzeigt sich die ursprüngliche Tendenz einer Person.

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NEU-ISENBURG. In Extremsituationen, so sagt man, zeigt sich die wahre Natur des Menschen. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung haben in einer jüngst publizierten Studie herausgefunden, dass tatsächlich in Extremsituationen nicht nur unsere schlechten, sondern auch unsere guten Eigenschaften ausgeprägter sind.

Die Ergebnisse legen nahe, dass besonders soziale und uneigennützige Menschen in Notsituation oft mehr helfen als in Alltagssituationen, während Menschen, die zu Egoismus tendieren, hier weniger hilfsbereit sind.

"Notsituationen scheinen somit die ursprüngliche Tendenz zur Kooperationsbereitschaft einer Person zu verstärken", sagt Mehdi Moussaïd, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich "Adaptive Rationalität" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Szenarien am PC

Zu diesen Ergebnissen kamen die Wissenschaftler, indem sie 104 Probanden Szenarien am Computer durchspielen ließen. Bei dem von ihnen entwickelten "Helfen- oder Flüchten-Dilemma-Spiel" mussten die Probanden unter finanziellem und zeitlichem Druck in zwei verschiedenen Situationen – einer alltäglichen und einer Gefahrensituation – entscheiden, ob sie Zeit verlieren, um anderen zu helfen, bevor sie zum Ziel kommen oder sich selbst in Sicherheit bringen.

Nach dem Spiel kategorisierten die Wissenschaftler, ob die Probanden eher zu prosozialem Verhalten oder Individualismus tendierten.

Das erste Szenario spielte in einer alltäglichen Situation am Bahnhof. Ziel war es, einen Zug zu erreichen. Der Zeitrahmen für das Spiel war 60 Sekunden. Als Erfolgsbonus lockte ein Euro, während bei Misserfolg keine Konsequenzen drohten. In der Situation trafen die Probanden auf dem Weg zum Bahnsteig auf acht andere Reisende, die jeweils ihre Hilfe benötigten, um zu ihrem Zug zu finden.

Notsituation im Bahnhof

Die Probanden hatten die Wahl, per Knopfdruck zu helfen oder das Spiel zu beenden (zu "flüchten"), was in der Realität dem direkten Weg zu ihrem Bahnsteig entsprochen hätte. Das frühzeitige Verlassen des Spiels erhöhte Erfolgschancen. Je mehr Menschen sie halfen und je mehr Zeit verging, desto geringer wurde ihre Chance, das Spiel zu gewinnen.

Das zweite Szenario stellte eine Notsituation in einem Bahnhof dar. Nach einer Explosion musste das Gebäude so schnell wie möglich verlassen werden.

15 Sekunden Zeit

Dafür hatten die Probanden lediglich 15 Sekunden, und es drohte ihnen der Verlust von vier Euro, falls sie es in der vorgegebenen Zeit nicht schafften. Bei Erfolg wurde kein Bonus in Aussicht gestellt. Auch hier waren wieder acht andere Reisende eingeblendet, die jeweils Hilfe benötigten, der übrige Spielablauf war wie im ersten Szenario.

Insgesamt betrachtet, halfen alle Probanden in der Notsituation weniger, da sie unter Zeitdruck standen. Mit Blick auf den einzelnen Probanden und dessen sozialer Wertorientierung zeigte sich jedoch, dass in der Notsituation eher diejenigen Probanden halfen, die zu uneigennützigem und prosozialem Verhalten tendierten.

44 Prozent von ihnen verhielten sich in der Notsituation sogar hilfsbereiter als in der harmlosen Alltagssituation. Bei den Probanden mit eher egoistischem Verhalten war das Gegenteil der Fall: Bei 52 Prozent von ihnen verringerte sich die Hilfsbereitschaft in der Notsituation.

"Unser Spiel könnte helfen, Gruppenverhalten während Massenpaniken besser zu verstehen und dies etwa in Evakuierungspläne einfließen zu lassen", sagt Mehdi Moussaïd. (eb)

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