Ärzte Zeitung, 02.03.2005

GANZ NEBENBEI

Ganz tiefer Griff in die Mottenkiste der Vorurteile

Was macht eine Krankenkasse, deren Beitragssatz anerkanntermaßen nicht zu den niedrigsten gehört? Sie lädt die Versicherten, die den Höchstbeitrag zahlen, zu einem Info-Abend ein, um ihnen zu zeigen, warum es sinnvoll ist, nicht die Kasse zu wechseln. In diesen Tagen so praktiziert von der Barmer Ersatzkasse.

"Sie sind VIP-Kunden", gibt Frank Mayer von der Barmer in Frankfurt zur Begrüßung unumwunden zu. Und um diese wichtigsten Kunden bei der Stange zu halten, wird schon mal ein Abend mit einem Abteilungsleiter spendiert, der die Vorzüge des neuen Fünf-Sterne-Programms der Barmer erläutert. Ganz nebenbei erfahren die Anwesenden auch einiges über die Sicht eines - typischen? - Kassenmitarbeiters von den Ärzten.

"Der eigene Geldbeutel sitzt den Leuten am nächsten"

Das beginnt zunächst beim Geld: "Man merkt doch immer wieder, daß den Leuten der eigene Geldbeutel am nächsten sitzt, besonders den Ärzten", erläutert Mayer unbefangen seinen Zuhörern, als er die neue Regelung beim Zahnersatz erklärt. Ärzte und Zahnärzte landen so mir nichts dir nichts in einem Topf.

Mayer warnt seine Zuhörer, kritisch zu sein, weil Ärzte nicht immer nur das empfehlen, was für den Patienten das Beste ist, sondern zuerst auf ihren Vorteil schauen. Ob das bei Versicherungen auch gilt? Mayer jedenfalls empfiehlt unter dem Schlagwort "Extras sichern" eine private Zusatzversicherung für Zahnersatz.

In der Pause zeigt sich, daß auch bei den Krankenkassen die Segnungen der freien Wirtschaft in Form von Marketing-Partnerschaften angekommen sind. Bei einem kostenlosen Häppchen und einem Schluck Rotbäckchen vom Reformhaus Freya geht es um Abrechnungsbetrug von Ärzten.

Hier beweist Mayer eine weit stärker differenzierte Sicht von den Dingen, als das oft in Mitteilungen der Krankenkassen üblich ist. Heute sei es nicht mehr so einfach, bei der Abrechnung zu betrügen, da gebe es nur noch wenige schwarze Schafe, so die Einschätzung des Barmer-Mannes. "Man muß wissen, daß Abrechnungsbetrüger vor allem Kollegen schaden." Die Kassen würden gar nicht geschädigt.

Der Kassen-Abteilungsleiter meint zu wissen

Nach der Pause kommt der Vertrag der Barmer mit Hausärzten und Apothekern über Integrierte Versorgung zur Sprache. Ein Vorteil für Patienten sei die höhere Sicherheit bei Medikamenten. Nun greift Mayer ganz tief in die Mottenkiste der Vorurteile: "Der Arzt verschreibt oft, was der Pharma-Referent empfiehlt. Er ist mit Wechselwirkungen überfordert", meint der Kassen-Abteilungsleiter zu wissen. Die Hausapotheke des Patienten lege dagegen eine Liste der abgegebenen Medikamente an und prüfe kompetent auf Wechselwirkungen.

Zum Abschied gibt es noch einen Rabatt-Gutschein für einen Einkauf beim Reformhaus Freya und ein Erste-Hilfe-Set als Werbegeschenk. Jeder VIP-Kunde wird mit Handschlag verabschiedet: "Bis zum nächsten Jahr", wünscht sich Mayer. Welches Arztbild haben die Versicherten wohl mit nach Hause genommen? (ger)

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