Ärzte Zeitung, 28.10.2005

UND SO SEH' ICH ES

Ehre wem Ehre gebührt!

Jährlich werden im goldenen Oktober die Namen der Empfänger der Nobelpreise verkündet, die dann im Weihnachtsmonat Dezember in Stockholm offiziell feierlich überreicht werden. Ebenfalls im Oktober, so war unlängst zu lesen, werden an der Harvard-Universität "Ig-Nobelpreise" verliehen.

"Ig" bedeutet "ignobile" (unwürdig). "Gewürdigt" werden mit Ig Arbeiten, die in namhaften wissenschaftlichen Organen veröffentlicht wurden, die jedoch "nicht wiederholt werden können oder sollten", und die eigentlich völlig unnütz und überflüssig sind.

Victor Benno Meyer-Rochow, von der International University Bremen, bekam seinen "Ig-Nobelpreis" beispielsweise für die Dynamik der Flüssigkeiten: Er fand heraus, daß Pinguine ihren Kot mit einem Druck ausstoßen, der dem Luftdruck von Autoreifen entspricht.

Der Kot fliege, so heißt es in der Arbeit, in einem dickflüssigen Strahl mit entsprechendem Druck bis zu 40 Zentimeter weit. (Polar Biology 27, 2003 Seite 56 ff.)

In Bremen gibt es zweifellos genug Autoreifen - aber ob es auch genug Pinguine gibt, die mit ihrem Kot all die Reifen aufpumpen könnten?

Ig-Nobelpreisträger für Medizin war Gregg A. Miller aus Oak Grove, Missouri, der Hundehoden-Prothesen erfand, sogenannte Neuticles, die als Ersatz für herausoperierte Hoden, z.B. bei kastrierten Hunden, dienen sollen. Sie wurden in den USA bereits patentiert (US-Patent Nr. 5868140), sind in drei Größen und Dichten zu haben und sollen auch für Katzen und Pferde geeignet sein.

Kaum zu glauben, aber schon mehr als 100 000 Haustiere in den USA tragen solche Prothesen. Was soll man nun mehr bewundern: die Sorge der amerikanischen Tierhalter, die ihre Lieblinge zuerst kastrieren lassen, um ihnen dann aus Angst, daß sie dadurch psychischen Schaden erleiden könnten, die Neuticles einsetzen lassen - oder aber den Erfindergeist, der aus allem Möglichen Geld zu machen versteht?

Der "Ig-Nobelpreis" für Ökonomie wurde Gauri Nanda vom Massachusetts Institute of Technology zugesprochen, die einen Wecker konstruierte, der nach Druck auf die Schlummertaste wegrollt, sich versteckt, "jedesmal woanders", wie es heißt, und der dann immer weiter läutet, bis auch der letzte Morgenmuffel endlich wach geworden ist. (www.clocky.net)

Solche Wecker müßte man eigentlich unserer neuen Regierung schenken, damit sie nicht nur wach wird, sondern auch wach bleibt, um uns aus unserer finanziellen und wirtschaftlichen Misere herauszuholen. Zusätzlich sollte man auch unsere Bürokraten auf allen Ebenen, die an ihren Schreibtischen schlummern, mit solchen Weckern ausstatten, damit sie endlich wach werden und in ihren Köpfen nicht länger mehr unsinnige Vorschriften aushecken.

Den "Ig-Nobelpreis" für Physik bekamen zwei Australier, John Mainstone und Thomas Parnell von der Universität Queensland, die ein Experiment, das seit dem Jahr 1927 läuft, weiter fortgeführt haben: Die Beobachtung von zähem Teer, der aus einem Trichter tropft. Bisher sind insgesamt 8 (in Worten: acht) Tropfen gefallen, der nächste wird zwischen 2007 und 2010 erwartet. (European Journal of Physics, 1984, Seite 198 ff.)

Hier fragt man sich, was man mehr bewundern sollte: Die Zähigkeit des Teers oder aber die der Beobachter?

Last but not least wurde auch der "Ig-Friedensnobelpreis" verliehen, mit dem Claire Rind und Peter Simmons von der Universität Newcastle für die Erforschung natürlicher Reaktionen ausgezeichnet wurden.

Sie nahmen elektrische Signale in Gehirnen von Heuschrecken auf, während den Heuschrecken heranrasende Raumschiffe im Film "Star Wars" vorgeführt wurden. "Die Arbeit berühre auch eine grundlegende Fähigkeit von Lebewesen in Konflikten: Die Kunst des Ausweichens", so die Autoren. (Journal of Neuropsychology, 68, 1992, Seite 1654 ff.)

Man würde hier wirklich gern ausweichen und den Mantel des Schweigens über dieses Experiment decken. Andererseits aber sollte man es auch die große Allgemeinheit wissen lassen: Manche Wissenschaftler scheinen Heuschrecken im Gehirn zu haben - das meint

Ihr Ironius

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