Ärzte Zeitung, 09.06.2006

UND SO SEH' ICH ES

Die Nationalelf spielt auch für das Gesundheitswesen

Die Erde hat sich vom Globus in einen Plastikball verwandelt, der aber nur, wenn er das FIFA-Siegel trägt, überhaupt Wert hat. Für die nächsten fünf Wochen führen allein der Weltfußballverband FIFA und ihr Boß Joseph Blatter das Zepter. Unsere Rechtsordnung wurde für die Zeit der WM 06 außer Kraft gesetzt, jetzt müssen wir den Gesetzen der FIFA Folge leisten. Gut so, sagen viele, denn am Fußballwesen soll unsere Wirtschaft genesen! Folgen wir ergo der FIFA, weil sie, wenn’s ums Geldscheffeln geht, wahrlich jetzt schon Weltmeister ist.

Wir leben in einem Ausnahmezustand. Ganz Deutschland ist der Fußballsucht verfallen. Infolge dieser Sucht befindet sich die ganze Nation in einem Zustand ständiger Euphorie, der nur ab und zu durch ein paar kurze Momente des Zweifels und leichter Depressionen unterbrochen wird, wenn irgend jemand der Gedanke kommt, wir würden vielleicht doch nicht Weltmeister. Aber das sind nur passagere Episoden, jedem qualifizierten Psychologen bekannt. Sonst befinden sich fast alle in der typischen manischen Phase und in einem seelischen Hoch.

      Schon Sartre wußte: Der Gegner macht das Spiel kompliziert.
   

Fußball ist ein Narkotikum. Es fesselt die Aktiven und die Passiven, sowohl die Spieler als auch die Zuschauer. Mit Fußball befassen sich Literaten wie Peter Handke, der über die "Angst des Tormanns vor dem Elfmeter" schon 1970 ein Opus schrieb, Philosophen wie Jean-Paul Sartre, der anmerkte, daß sich "bei einem Fußballspiel alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft" kompliziere", oder der Literaturkritiker Professor Helmut Karasek, der Fußball für "das erfolgreichste Theater der Neuzeit" hält.

Genug der Literatur. Kommen wir zum Ort des Geschehens. Das Fußballstadion ist der einzige Ort, an dem man brüllen kann, ohne daß man gleich zum Pöbel gezählt oder für einen erfolglosen Sänger gehalten wird. Dort spricht man die herrlichste aller Sprachen, die Fußballersprache.

Noch heute amüsiert man sich über Bruno Labbadias medizinischen Gedankengang: "Es war einfach nur eins-null, mehr ist das nicht; es wird wieder alles irgendwo hochsterilisiert." Bestechend auch die klare Sicht des ehemaligen Bundestrainers Berti Vogts: "Ich glaube, daß der erste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann", die des berühmten griechischen Gottes "Rehakles" (Otto Rehagel), der erklärte: "Mal verliert man, mal gewinnen die anderen", oder die Anordnung des ehemaligen Bundesligatrainers Fritz Langner: "Ihr fünf spielt jetzt vier gegen drei!"

Besonders ist das Geständnis des Fußballrebells Paul Breitner im Gedächtnis geblieben: "Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief‘s ganz flüssig." Klar doch - schoß er doch das so wichtige Tor im Finale der Weltmeisterschaft 1974!

Wünschen wir unserer Elf auch jetzt viele entscheidende, verwandelte Tore, damit es nicht so geht, wie der Kicker Jürgen Wegmann formulierte: "Erst hatten wir kein Glück, dann kam noch Pech hinzu." Nein! Wir wünschen der deutschen Nationalmannschaft schon heute viel Erfolg, gegen Costa Rica und in allen weiteren Spielen. Schon aus Sorge um unser Gesundheitswesen: Das hätte wahrlich nicht das Geld, um Millionen und Abermillionen von Patienten mit Depressionen zu behandeln -

meint

Ihr Ironius

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