Ärzte Zeitung, 19.06.2006

UND SO SEH' ICH ES

Wir sind schon Weltmeister - Weltmeister der Bürokratie

Die Weltmeisterschaft hat uns fest im Griff. Alle sind zufrieden, viele sogar begeistert, aber drei Spielübertragungen am Tag schaffen uns doch. Während die Nationalmannschaft sich um den Titel müht, haben andere längst festgestellt, daß wir schon seit Jahren Weltmeister sind - Weltmeister der Bürokratie.

Auf Schritt und Tritt verfolgen uns Formulare. Geld ist fast überall knapp, nur Papier für Formulare scheint es überall in Hülle und Fülle zu geben. Ohne Formulare ist man ein Nichts, gilt man nichts bei Kranken- und Rentenkasse, ist man nicht einmal Mensch - selbst bei der Ankunft eines neuen Erdenbürgers geht es nicht ohne. Von der Wiege bis zur Bahre - Formulare, Formulare...

Plötzlich scheint es einen neuen Trend zu geben. Während unsere Nationalmannschaft sich bemüht, den Titel zu erringen, versucht man auch abseits der Fußballfelder, Erfolge zu erzielen. Während die einen versuchen, Tore zu schießen und sich vor Gegentoren zu schützen, kämpfen die anderen - endlich - gegen die Torheiten der Bürokratie.

In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Kommission, die alle Verordnungen und Landesgesetze durchkämmt, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Angeblich hat man schon über vierzig Verordnungen auf der Strichliste, und man arbeitet fest weiter. Über ähnliche Erfolge wird von der KV Baden-Württemberg berichtet, wo man ebenso bemüht ist, die Papierflut zu bändigen.

Da wollte die Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk, nicht hintanstehen. Sie erklärte, daß das Formular zum Beantragen eines Formulars bald der Vergangenheit angehören werde. Bis Jahresende solle Schluß mit diesem Unsinn sein, eine Arbeitsgruppe aus Kassen- und Ärztevertretern unter ihrer Führung wolle diesen Papierdschungel ausmisten.

Man glaubt, nicht richtig gehört zu haben: ein Formular zum Beantragen eines Formulars! Das hört sich an wie ein Witz, ist aber Realität. Man kann beispielsweise das Formular namens Vordruck Nr. 60 nur bekommen, wenn man es mittels eines Formulars anfordert.

Über die Sintflut an Formularen bei den Disease-Management-Programmen wurde schon genug geschrieben. Daß sie abnehme, was immer wieder behauptet wird, vermag man kaum zu glauben. Denn noch immer scheint es, daß die Ärzte ihr Geld oft nur für den Kampf mit den Formularen bekommen, während sie ihre Patienten sie zwar nicht umsonst, aber ohne Honorar behandeln.

Hoffen wir, daß die Schlacht gegen die Papierbürokratie so siegreich geführt wird, wie wir es unserer Elf auf ihrem Weg ins Finale wünschen. Doch cave: Achten wir auf die Fanatiker, die, bevor sie ein Formular wegwerfen, von ihm - sicherheitshalber - noch schnell zwei Kopien machen! Das meint

Ihr Ironius

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