Ärzte Zeitung, 06.07.2006

UND SO SEH' ICH ES

Ein Arzt als Patient - und was man so mit den lieben Kollegen erlebt

Wenn Ärzte in die Klinik müssen, erleben sie nicht nur Positives mit Kollegen. Foto: Bilderbox

Ein Mensch ist zwar keine Maschine, er kann aber auch unter Materialermüdung leiden. Auch beim Menschen entstehen dann Risse und Brüche. Solch ein Malheur passierte einem Arzt, der auf einem völlig ebenen Gehweg urplötzlich einen starken Schmerz im Knie spürte und nicht mehr richtig gehen konnte.

Die Schmerzen wurden immer stärker und alle konservativen Behandlungsversuche brachten keine Linderung. Der behandelnde Orthopäde schaute sich die MR-Aufnahme an und empfahl eine Arthroskopie und die Entfernung des kaputten Meniskus. Tägliches Brot eigentlich für den entsprechenden Spezialisten.

Und hier beginnt die Geschichte erst richtig. Der Kollege stellte sich in der Ambulanz der Unfallklinik eines Krankenhauses der Maximalversorgung vor. Der empfohlene leitende Oberarzt führte eine Blitzuntersuchung durch und machte kurzen Prozeß: "Das muß operativ entfernt werden, aber für einen Kollegen haben wir immer ein Bett frei, rufen Sie an, wann Sie kommen möchten!" Und weg war er. Keine weitere Aufklärung, keine weiteren Informationen. Der Patient war doch selbst Arzt ...

Bei der Aufnahme sagte der Oberarzt: "Eigentlich brauchen Sie keine private Zusatzversicherung, wir operieren auch unsere nicht privatversicherten Kollegen comme il faut. Aber wenn Sie doch eine haben, freuen sich natürlich das Krankenhaus und auch die Kollegen im ärztlichen Pool." Der Wink mit dem Zaunpfahl wurde verstanden.

So landete der Mediziner auf einer gemeinsamen Privatstation für alle operativen Fächer - nicht in einem, wie gewünscht und versichert, Einzelzimmer, sondern in einem Zweibettzimmer, und der Nachbar begrüßte ihn mit den Worten: "Willkommen in diesem gastlichen Haus. Ich muß Ihnen allerdings sagen, daß ich ein bißchen schnarche."

In der Nacht vor dem Eingriff wachte der Arzt gegen 2 Uhr nachts auf. Noch vom Schlaf benommen, hatte er das Gefühl, es sei Krieg. Eine Kaskade von Maschinengewehrsalven in der Stärke von etwa 60 bis 80 Dezibel ratterte durchs Zimmer und hörte nicht auf. Es war das Schnarchen seines Nachbarn.

Den Rest der Nacht verbrachte der Doktor zusammen mit seinem Bett auf dem Flur. Genauso wie alle weiteren Nächte. Das aber interessierte niemanden. Nicht das Pflegepersonal, geschweige denn die Ärzte. Fürwahr eine würdige Unterbringung eines Privatpatienten mit Zusatzversicherung.

Um 7 Uhr morgens am Op-Tag kam der Anästhesist und fragte unter anderem, ob der Arzt Aspirin eingenommen habe. Ja, das habe er, zuletzt vor 48 Stunden wie immer eine halbe Tablette ASS 100. Daraufhin die Anweisung des befragten Chefs: Der Eingriff ist in Vollnarkose statt Lokalanästhesie durchzuführen!

Keine Einwände, der Patient müsse doch wissen, daß man drei Tage vor dem Eingriff kein Aspirin mehr einnehmen dürfe, er sei doch selbst Arzt. Daß er gleichzeitig aber auch ein Patient war, den man vorher hätte informieren sollen, nein, informieren müssen - davon war keine Rede. Die Folgen der Vollnarkose hat der Patient noch sehr lange anschließend gespürt.

Die Arztvisiten an den folgenden Tagen verliefen stereotyp. Ein kurzer Blick aufs Knie genügte, gefolgt von der hingeworfenen Bemerkung: "Sie können es bewegen, dann ist ja alles okay!" Zwei Tage vor der Entlassung kam für zwanzig Minuten eine Krankengymnastin, marschierte mit dem Arzt durch den Flur, zeigte, wie man Treppen hinauf- und heruntergeht - und verschwand schnell wieder. Sie müsse weiter, habe noch andere Patienten und, im übrigen, der Operierte sei doch selbst Arzt. Da wisse er doch Bescheid ...

Ein angeblicher Urlaub führte zu einem Arztwechsel

Der leitende Oberarzt zeigte sich nicht mehr, angeblich war er in Urlaub. Ein anderer Oberarzt vertrat ihn und war der Überzeugung, daß bei dem operierten Kollegen alles in Ordnung sei. Bei der Entlassung war der Patient so frei zu bemerken, daß nichts in Ordnung sei.

Das Knie sei geschwollen, gereizt und fühle sich heiß an, woraufhin er die lapidare Antwort bekam, daß das sicherlich ein kleiner Erguß in der Beckerzyste sei, das sollte er doch eigentlich wissen, er sei doch selbst Arzt. Ein Rezept für Diclofenac bekam er auch noch mit, nein, kein Kassenrezept, ein Privatrezept! Von anschließender Physiotherapie war nicht die Rede.

Orthopäde schimpft lautstark über die Klinik-Kollegen

Der niedergelassene Orthopäde schimpfte bei der Wiedervorstellung wie ein Rohrspatz darüber, daß jetzt er es sei, der die Verordnung von Krankengymnastik ausstellen müsse, was sein Budget belaste - und das bloß, weil die Klinik ihren Etat schonen wolle. Doch auch die Krankengymnastik half nicht viel. Das Knie blieb weiterhin geschwollen und schmerzte stark. Also begab sich der Patient vier Wochen später wieder zum Operateur und klagte seine Beschwerden.

Der leitende Oberarzt bewegte das Bein ganze zwei Mal hin und her und sagte dann: "Dann gehen Sie halt mit Krücken!" Auch jetzt war von begleitender Physiotherapie oder von anderen Reha-Maßnahmen nicht die Rede. Dafür aber wurde die Frage gestellt, der Operierte kenne sich doch in allen ärztlichen Gremien gut aus, ob er ihm nicht bei der Ausstellung des Diploms als operativer Orthopäde helfen könne? Die Berufsordnung habe sich vor kurzem geändert. Und schon war er weg.

Dafür kamen kurze Zeit später die Rechnungen der Klinik für die stationäre Behandlung, vom Chefanästhesisten für die Vollnarkose und auch die vom Chefarzt, den der Patient nicht ein Sterbenssekündchen zu Gesicht bekommen hatte und die vor Extras nur so strotzte.

Übrigens genehmigte die gesetzliche Krankenkasse des Arztes dann längere ambulante Reha-Maßnahmen. Für sie war ihr Versicherter Patient - und nicht Arzt. Und die Moral von der Geschicht’: Doktor, wenn du selbst krank bist und dich in Behandlung deiner Kollegen begibst, erwähne bloß nicht, daß du Arzt bist! Das empfiehlt

Ihr Ironius

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