Ärzte Zeitung, 09.05.2008

UND SO SEH´ ICH ES

Der honorarpolitische Zynismus hat seinen Ursprung in der Antike

Der Philosoph Diogenes von Sinope suchte einen Menschen - die Kassenärzte suchen auch danach. Viele Vertragsärzte glauben, die Gründe ihrer schlechten materiellen und psychischen Verfassung lägen im ideologisch-philosophischen Konzept der Verantwortlichen für das Gesundheitswesen. Doch das stimmt so nicht!

Erstens ist es zweifelhaft, ob die Schöpfer der bisherigen Reformen überhaupt an irgendetwas gedacht haben, als sie begannen, hin und her zu reformieren - und wenn, dann wohl nur an die Kosten und deren Minimierung. Und sollte trotzdem irgendeine philosophische Doktrin dahinter stecken, dann höchstens die der alten griechischen Philosophen, wie von Diogenes von Sinope. Wobei man das "von Sinope" hinzufügen sollte, denn es gibt unzählige "Diogenes", die alle Kluges und Wissenswertes hinterlassen haben.

Bleibt den Ärzten nur die Askese als finanzierbare Lebensform?

Warum aber von Diogenes, könnte man fragen. Der lebte doch runde vierhundert Jahre vor Christus und hatte etwas völlig anderes im Sinn als unser Gesundheitswesen. Diogenes von Sinope war der bekannteste Vertreter der philosophischen Richtung der Kyniker, von denen sich der heutige Zynismus ableitet - und da wären wir schon ganz nah an den heutigen Zeiten; denn was den Ärzten heutzutage als Honorar angeboten wird, ist eigentlich Zynismus.

Diogenes von Sinope predigte seinen Schülern, sie sollten auf alle kulturellen Güter verzichten, er nannte das Askese: Er selbst hatte keinerlei Besitz, wohnte in einer Tonne und ernährte sich von dem, was ihm seine Schüler brachten. Heute sieht es ganz so aus, als wollten die Verantwortlichen im Gesundheitswesen diese Askese auch den Ärzten predigen. Dabei bleibt offen, ob sie sich auch in eine Tonne zurückziehen und dort praktizieren sollen.

Man erzählt sich, dass Diogenes von Sinope am helllichten Tag mit einer Laterne in der Hand über den Marktplatz von Athen ging. Er leuchtete hier einem, dort einem ins Gesicht, schüttelte den Kopf und ging weiter, so lange, bis ihn einer fragte, was er denn suche. "Ich suche", sagte Diogenes, "ich suche einen Menschen."

Grundlage der Humanmedizin ist seit eh und je die Menschlichkeit gewesen. Die heutige Reduzierung der Heilkunde auf rein Ökonomisches, das nicht den Kranken, sondern allein die Kosten im Fokus hat und den Patienten geradezu als Störfaktor ansieht, ist inhuman und grenzt an Unmenschlichkeit. Diogenes hat keinen Menschen gefunden. Und auch wir sind derzeit in der Gesundheitspolitik erfolglos auf der Suche nach Menschlichkeit - meint

Ihr Ironius

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »