Ärzte Zeitung, 09.03.2015

Buchtipp

30.000 Euro für eine Niere

"Du bekommst eine richtig gute Niere von mir!" In "Niere gegen Geld" erzählt Willi Germund von seiner verzweifelten Suche nach einem neuen Organ - und davon, wie er sein neues Leben auf dem internationalen Schwarzmarkt kauft. Viele sind entsetzt.

Von Jana Kötter

30.000 Euro für eine Niere

Eine Narbe, die viel erzählt: Die vier Bewohner des pakistanischen Dorfs Sultanpur haben alle eine Niere verkauft – aus Armut. Buchautor Willi Germund hat sein lebensrettendes Organ einem jungen Afrikaner abgekauft.

© Olivier Matthys / EPA

NEU-ISENBURG. Eines Tages war seine Geduld am Ende. Seit Monaten ging es bergab, dreimal pro Woche musste er sich der Dialyse unterziehen, nachdem seine Nieren wegen eines genetischen Defekts endgültig "den Dienst quittiert hatten".

Da fasste Willi Germund einen Entschluss: Er wollte nicht länger "geduldig in der Wartelistenlotterie von Eurotransplant" warten, er wollte handeln. Und suchte sich deshalb auf dem internationalen Schwarzmarkt ein Spenderorgan.

"Menschen, denen der Tod droht, so heißt es, unternehmen fast alles, um ihm zu entgehen", schreibt der Journalist und langjährige Südostasienkorrespondent nun in seinem Buch "Niere gegen Geld".

"Ich bin die wandelnde Inkarnation eines Patienten, der sich auf dem florierenden, aber weltweit geächteten, gesetzlich regulierten und von vielen als verwerflich betrachteten Organmarkt eine Zukunft gekauft hat."

Der Klappentext verspricht einen "hochspannenden Einblick in das Geschäft mit Medizintourismus und Organhandel". Um diesen öffentlichkeitswirksam zu vermarkten, trat Germund unter anderem in der Talkshow von Markus Lanz auf, um sein Werk vorzustellen.

"Ungeschminkte Darstellung"

Organhandel

Die UNO schätzt, dass jedes Jahr mindestens 10 000 Nieren illegal verpflanzt werden.

Experten der Dokumentation „Schwarzmarkt Organhandel“ (2013) gehen davon aus, dass mehr als 500 Millionen Dollar jährlich umgesetzt werden.

Willi Germund schildert seine Erfahrungen in „Niere gegen Geld“ (Rowohlt, 9,99 Euro, ISBN 978-3-499-61745-4).

"Dieses Buch soll keine Provokation sein", stellt der Autor schon im Vorwort klar - diesen Vorwurf machen nicht nur die ersten Leserkommentare im Internet. "Es stellt gewiss keine Rechtfertigung für meinen Entschluss dar, mir eine neue Niere zu kaufen.

Es ist aber auch keine Anleitung, wie man sich auf dem internationalen Organmarkt eine Niere, ein Herz oder gar eine Lunge besorgen kann." Doch was ist es dann?

"Ich versuche mit diesem Buch in erster Linie, ungeschminkt die subjektive Sicht eines Betroffenen darzustellen", erklärt der Autor seine Intention.

Mehr als 75.000 Menschen schauen sich laut seiner Aussage Jahr für Jahr auf dem internationalen Schwarzmarkt nach einer neuen Niere um. Wer kann, zahlt hier zwischen 30.000 und 150.000 Euro.

Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), der Bundesverband Niere und der Verband Deutsche Nierenzentren (DN) beziehen dazu jedoch klar Stellung.

"Organhandel ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern zu Recht auch ein krimineller und strafbarer Akt in Deutschland und in fast allen anderen Ländern der Welt", teilten die Verbände unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches in einer gemeinsamen Mitteilung mit.

"Die häufig jungen Spender aus Drittwelt- oder Schwellenländern, die eine Niere für einen relativ geringen Betrag veräußern, werden über mögliche gesundheitliche Risiken im Unklaren gelassen. Eine Nachsorge wird ihnen in der Regel nicht zuteil."

Gesundheitliche Risiken für Spender

"Dieses Buch soll keine Provokation sein", stellt der Autor schon im Vorwort klar - diesen Vorwurf machen nicht nur die ersten Leserkommentare im Internet.

"Es stellt gewiss keine Rechtfertigung für meinen Entschluss dar, mir eine neue Niere zu kaufen. Es ist aber auch keine Anleitung, wie man sich auf dem internationalen Organmarkt eine Niere, ein Herz oder gar eine Lunge besorgen kann."

Doch was ist es dann?Tatsächlich war es auch im Fall Germunds ein junger Afrikaner, der ihn rettete: Der 28-jährige Raymond wollte von dem Geld sein eigenes Geschäft aufbauen.

Die gesundheitlichen Risiken, die sich für seinen Lebensretter ergeben, touchiert Germund nur vage.

Doch dabei sind diese keinesfalls gering, wie ein Blick in das einzige Land der Welt zeigt, in dem der kommerzielle Lebendorganhandel seit 1988 erlaubt ist: den Iran.

Die Studie "Quality of life in Iranian kidney donors" der Kermanshah Universität zeigte 2001, dass 58 Prozent der insgesamt 300 befragten Organverkäufer ihren allgemeinen Gesundheitszustand sechs bis 132 Monate nach der Nierenentnahme mit "sehr negativ" angaben.

85 Prozent der Verkäufer würde ihre Niere mit Sicherheit nicht mehr verkaufen, 76 Prozent würden potenziellen Nierenverkäufern dringend davon abraten "ihren Fehler zu wiederholen".

Hierzulande ist der Ablauf der Lebendnierenspende seit 1998 im Transplantationsgesetz und seit 2012 in dessen Novelle geregelt.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist - neben den gesundheitlichen Bedingungen - die persönliche Beziehung zwischen Spender und Empfänger.

"Die hohen Anforderungen an die persönliche Verbindung zwischen Spendern und Empfänger dienen ausdrücklich dem Spenderschutz", betont Ralf Zietz, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Nierenlebendspende.

"Eine Organspende darf nur aus freiem Willen und ohne kommerziellen Druck erfolgen", erklärt auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO).

Die Herausforderung der Lebendspende ist dabei aktueller denn je: In den letzten zehn Jahren hat die Nierenlebendspende aufgrund des Organmangels und der daraus resultierenden Wartezeiten von bis zu sieben Jahren für eine Transplantation an Bedeutung zugenommen.

 Laut des Klinikums der Universität München erreicht der Anteil der Lebendspenden an der Gesamtzahl der Nierentransplantationen in Deutschland aktuell rund 25 Prozent.

Schwerwiegende Komplikationen treten laut DSO hierzulande in nur etwa einem Prozent der Fälle auf - im Gegensatz zum internationalen Schwarzmarkt.

Denn hier sieht das anders aus: Nicht nur die Spender tragen aufgrund mangelnder Nachsorge hohe gesundheitliche Risiken, auch bei den zahlungsbereiten Kunden könne es zu Komplikationen kommen, betont Dr. Michael Daschner von DN.

"Wir Nierenärzte erleben durchaus, dass Patienten mit einer neuen Niere von einem Auslandsaufenthalt zurückkommen, sich aber bei der Transplantation mit Hepatitis C oder HIV infiziert haben."

Anstatt die Legalisierung des Organhandels zu fordern, sind sich die bundesweiten Nierenverbände einig, "sollte überlegt werden, wie man den eklatanten Mangel an Spenderorganen nachhaltig beheben und damit letztlich auch den illegalen Organhandel zerschlagen kann".

Mehr Spenderorgane nötig

"Dieses Buch soll keine Provokation sein", stellt der Autor schon im Vorwort klar - diesen Vorwurf machen nicht nur die ersten Leserkommentare im Internet.

"Es stellt gewiss keine Rechtfertigung für meinen Entschluss dar, mir eine neue Niere zu kaufen. Es ist aber auch keine Anleitung, wie man sich auf dem internationalen Organmarkt eine Niere, ein Herz oder gar eine Lunge besorgen kann." Doch was ist es dann?

"Natürlich muss es das oberste Ziel sein, das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende wieder herzustellen", erklärt Professor Jürgen Floege, Präsident der DGfN.

"Vor allem muss bekannt gemacht werden, dass die Kontrollinstrumente gestärkt und Lücken im System geschlossen wurden."

Publikationen wie jene von Willi Germund jedoch seien kontraproduktiv, um das zweifelsohne verlorengegangene Vertrauen in die Organspende in Europa wieder aufzubauen, befürchten Experten.

Die Nummer eins der Herausforderungen, mit der die Organspende sich konfrontiert sieht, ist laut Eurotransplant schon heute die Planung "geringer Ressourcen aufgrund eines Mangels an Spenderorganen".

Wenn genügend Spenderorgane zur Verfügung stünden, gibt Floege zu bedenken, wäre der illegale Handel zerschlagen. Auch Germund hätte dann keinem 28-jährigen Afrikaner eine Niere abkaufen müssen.

[09.03.2015, 18:55:26]
Heidemarie Heubach 
"Genügend Organe" wird es nie geben !
- jedenfalls nicht nach sogenanntem Hirntod. Denn gerade die Transplantationsmedizin produziert ja steigenden Organbedarf, weil die notwendigen Immunsuppressiva häufig massive Nebenwirkungen, speziell auch auf die Nieren bringen.
Ich halte diese Versuche zur Lebensverlängerung für ethisch zweifelhaft, sei es nach der eigens dafür konzipierten, fremdnützigen - juristisch trickreichen - Todesdefinition wie derzeit in Deutschland im TPG verankert, sei es nach weiteren - bereits in Insiderkreisen diskutierten - Kriterien, die die Organzahlen steigern sollen.
Ich sehe auch einen generellen Schaden für den gesamten Ärztestand daraus erwachsen, daß immer mehr Menschen Vertrauen verlieren und Skepsis zeigen für die Methoden der modernen Medizin allgemein.
Die Frage, ob mein Arzt jetzt, bei mir für oder gegen mich handelt, ist heutzutage doch nachvollziehbar, oder ?! zum Beitrag »

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