Ärzte Zeitung, 04.11.2015

Buchtipp

Eine Kindheit mit gehörlosen Eltern

Schreien im Notfall bringt nichts, wenn man gehörlose Eltern hat. Das ist eine der Lektionen, die Véronique Poulain gelernt hat. In ihrem Buch beschreibt sie ihre Kindheit mit spürbarer Liebe zu den Eltern - spart Kritisches aber nicht aus.

BERLIN "Hallo, Ihr Arschlöcher!" konnte Véronique Poulain ihre Eltern begrüßen - und wurde liebevoll umarmt. Ihre Eltern sind gehörlos. In "Worte, die man mir nicht sagt" beschreibt sie ihre Kindheit in Facetten, die man sich als Normalhörender kaum vorzustellen vermag.

So humorvoll und versöhnlich ihre Beschreibungen sind, klingt doch immer wieder durch, mit welchen Kränkungen und Problemen ihre Kindheit belastet war.

Das Buch ist auch und vor allem ein Rückblick: Denn heute bei gehörlosen Eltern aufwachsende Kinder dürften in den meisten Fällen eine weit weniger diskriminierende und abwertende Reaktion ihrer Umwelt erleben.

Bilder der Kindheit

Poulain beschreibt zunächst kurz, in welche Welt ihre gehörlosen Eltern hineingeboren wurden und entwirft dann in immer neuen Anekdoten ein Bild ihrer eigenen Kindheit.

Für sie habe das ein Leben in zwei Welten bedeutet: "Im dritten Stock, bei meinen Großeltern, höre und spreche ich. Viel. Und sehr gut. Im zweiten, bei meinen Eltern, bin ich taub. Verständige mich mit den Händen."

Als Kind habe sie das nicht negativ bewertet. "Es sind die anderen, die meine Eltern ansehen, als wären sie debil. Es sind die anderen, die denken, es sei tragisch, gehörlose Eltern zu haben."

Poulain erzählt von einem Tag am Strand, als der Bademeister dem kleinen, verloren gegangenen Mädchen helfen und seine Eltern ausrufen möchte - und zur Antwort erhält: "Nein danke. Sie sind taub. Ich warte hier." Nach zwei Stunden sei sie von Mutter und Vater schließlich gefunden worden.

Problematisch sei ein fehlender Hörsinn auch für die Kommunikation daheim: Um ihre Eltern auf sich aufmerksam zu machen, habe sie drei Optionen: "Warten, bis sie sich umdrehen und sie ansehen, aufstehen und auf die Schulter tippen, Licht an und aus schalten. Oder ich werfe einen Gegenstand nach ihnen."

Unmöglich sei es, sich eben mal nebenbei mit einem Gehörlosen zu unterhalten, während man in einer Schublade nach etwas suche oder sich schon mal die Schuhe zubinde: Man verpasse sofort Gesten und verstehe nichts mehr.

Geräusche beim Pupsen

Ein Leben mit Gehörlosen bedeute keinesfalls, von absoluter Stille umgeben zu sein, betont Poulain. Wo sich ein Hörender selbst kontrolliere, habe ein Gehörloser keinerlei Hemmungen - entsprechende Geräusche mache er beim Essen und Pupsen.

Selbst die Gemütsbewegungen von Gehörlosen könne man hören, bei ihrer Tante zum Beispiel ein ticktack-Geräusch mit dem Gaumen bei Erregung. Ihr Onkel wiederum stöhne vor Zufriedenheit, wenn er auf der Straße ein hübsches Mädchen sehe. Bei allem Humor spart Poulain nicht an Kritik.

Ihre Eltern seien hemmungslos begafft, verlacht und diskriminiert worden. 1977 aber habe sich der Verein für die Rechte von Gehörlosen gegründet, der unter anderem um die Anerkennung der Gebärdensprache zu kämpfen begann - nach dem Vorbild der USA, wo Gehörlose längst dieselben Möglichkeiten hatten wie andere Menschen.

"Ich kann es kaum fassen. Die Gehörlosen erleben ihr Coming-out", erinnert sich Poulain an ihre Gefühle damals. Bei den Fernsehnachrichten sei nun ein Gebärdendolmetscher eingeblendet worden und Untertitel bei Filmen.

Verändert hätten sich auch die Blicke der Menschen - eine Revolution, der auch ihren eigenen arroganten, abwertenden Blick auf die Eltern habe schwinden lassen.

Ihr Vater habe einmal gesagt, dass ihm ein gehörloses Kind lieber gewesen wäre. Sie stoße sich anders als viele Menschen aber nicht daran, weil sie es gut verstehen könne. Zeitweise habe sie sich für ihre Eltern geschämt, sie zurückgestoßen, gar gehasst. "Heute bin ich stolz. Ich bekenne mich zu ihnen. Vor allem aber liebe ich sie." (dpa)

Véronique Poulain: Worte, die man mir nicht sagt. Mein Leben mit gehörlosen Eltern, Ullstein Buchverlage Berlin, 2015, 160 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 9-783-8649-3034-8

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