Ärzte Zeitung, 28.11.2016

Crystal Meth

"Wunderwaffe" vieler Sportler

Manager, Politiker, Spitzensportler: Eine Psychiaterin erklärt, wer sich der Droge Crystal Meth zuwendet – und welche Gründe dahinter stecken.

Von Pete Smith

Wunderwaffe vieler Sportler

Aufputschend, kein Schmerzempfinden: Crystal Meth war anscheinend schon bei einigen Sportlern und Managern beliebt.

© ekaterina_belova / Fotolia

Crystal Meth sei "eine Droge für Menschen, die mehr schaffen wollen, als sie können", sagt die Psychiaterin Dr. Loretta Farhat, Ärztliche Direktorin des Sächsischen Krankenhauses Großschweidnitz, in deren Klinik Meth-Süchtige behandelt werden. Konsumenten selbst beschreiben die Droge gern als "Doping fürs Gehirn".

Tatsächlich ist Methamphetamin, ob als Pervitin oder als Crystal Meth, über Jahrzehnte auch als Dopingsubstanz im Spitzensport genutzt worden: im Fußball, in der Leichtathletik, von Ruderern, Boxern und Tennisspielern.

Als der deutsche Mittelgewichts-Meister Josef "Jupp" Elze am 12. Juni 1968 gegen den Italiener Carlo Duran in den Ring steigt, geht es um den wichtigsten Kampf seiner Karriere: die Europameisterschaft. Elze, 28, hat sich intensiv auf den Fight vorbereitet – allerdings nicht allein mit lauteren Mitteln.

In Runde 15, genau 157 Sekunden vor dem letzten Gong, wirft ihn ein Haken seines Gegners zu Boden. Elze verliert das Bewusstsein und wird sofort in ein Kölner Krankenhaus eingeliefert. Obwohl die Ärzte sogleich seine Schädeldecke öffnen, können sie sein Leben nicht mehr retten.

Pervitin kann jegliches Schmerzempfinden ausschalten

Acht Tage später stirbt der Boxer in Folge einer Gehirnblutung. Vor dem Knockout hatte er 150 Kopftreffer weggesteckt. Das Gerichtsmedizinische Institut in Köln wies nach, dass Elze mit dem Methamphetamin Pervitin vollgepumpt war, durch das er jegliches Schmerzempfinden verlor.

Heute gilt Jupp Elze als der erste Dopingtote in der Geschichte des deutschen Sports. Pervitin galt schon vor den tragischen Ereignissen 1968 als beliebte Dopingsubstanz im Spitzensport.

So kommt die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderte Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" der Berliner Humboldt-Universität zu dem Schluss, dass einige der Fußball-Weltmeister von 1954 aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Leistung mit Pervitin gesteigert hätten. Bewiesen ist das aber nicht.

Waren die "Helden von Bern" mit Crystal Meth gedopt?

Die "Spritzenaffäre" von Spiez war ans Licht gekommen, als einige der "Helden von Bern" im Herbst 1954 an Gelbsucht erkrankten. Damals hieß es, der deutsche Mannschaftsarzt Dr. Franz Loogen habe ihnen eine harmlose Vitamin-C-Injektion verabreicht, leider mit einer verunreinigten Spritze.

Eine Darstellung, an der schon damals erhebliche Zweifel bestanden. Die WM-Spieler haben aber die Anschuldigungen immer zurückgewiesen. "Wir haben Traubenzuckerspritzen bekommen, und da war für jeden Einzelnen ja keine Spritze da", erklärte etwa Horst Eckel 2004 in der ARD-Sendung "Report". Er war 1954 mit 22 Jahren der jüngste Spieler im DFB-Team und machte alle sechs WM-Partien mit.

Wenige Monate vor Beginn der Fußball-WM 1954 hatte der Leichtathlet Oskar Wegener an der Universität Freiburg unter dem Titel "Die Wirkung von Dopingmitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leistung" eine lange unter Verschluss gehaltene Dissertation vorgelegt.

Darin kommt er zu dem Ergebnis, dass Pervitin die Leistungsfähigkeit austrainierter Athleten um fast 25 Prozent steigere. Tatsächlich finden sich in der Sportgeschichte viele Athleten, die angeblich mit Methamphetamin gedopt haben sollen.

Beispielsweise sollen gedopt haben: Der Luxemburger Leichtathlet Joseph Barthel, 1952 Olympiasieger von Helsinki über 1500 Meter (der ein Jahr zuvor in dieser Disziplin noch der 41. der Weltrangliste war), die Ruderer des Kölner Achter, die 1952 deutsche Meister wurden, der österreichische Alpinist Hermann Buhl, der 1953 als Erster den Nanga Parbat bestieg, oder etwa die Fußballer des BFC Dynamo, die zwischen 1979 und 1988 zehnmal in Folge DDR-Meister wurden.

Andre Agassi gibt Konsum zu

1997 wurde mit Andre Agassi einer der berühmtesten Tennisspieler positiv auf Methamphetamin getestet. Wie er Jahre später in seiner Autobiographie zugab, hatte er Crystal Meth geschnupft, weil er sich damals in einem Formtief befunden habe.

Um die dreimonatige Sperre sei er herum gekommen, weil er der Tennisorganisation ATP einen rührseligen Brief geschrieben habe, einen "Brief voller Lügen, verwoben mit kleinen Wahrheitsschnipseln", in dem er behauptete, die Substanz versehentlich eingenommen zu haben und um Nachsicht bat. Die wurde ihm gewährt.

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