Ärzte Zeitung, 07.07.2004

HINTERGRUND

Bei hohem Gefäß-Risiko beugen Statine auch Schlaganfällen vor

Von Heinz Dieter Rödder

Erhöhtes Serum-Cholesterin ist bekanntlich ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei erhöhtem LDL-Cholesterin ist vor allem die Gefahr gesteigert, einen Herzinfarkt zu bekommen. Und dieses Risiko wird durch eine cholesterinsenkende Therapie signifikant reduziert.

Viele Patienten mit erhöhtem Herzinfarkt-Risiko, etwa Diabetiker, haben jedoch nicht nur ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko. Sie sind auch besonders gefährdet, einen Schlaganfall zu bekommen. Zum Alter und dem erhöhten systolischen Blutdruck kommt erhöhtes Serum-Cholesterin als Risikofaktor hinzu. Er ist jedoch weniger wichtig als der Hochdruck.

Wie groß ist die Bedeutung des Risikofaktors Cholesterin beim Schlaganfall? Und schützt eine Lipidsenker- Therapie Patienten auch vor einem Schlaganfall? Dies ist weniger geklärt als beim Risikofaktor Hochdruck, aber einige Daten dazu gibt es jetzt.

Epidemiologische Studien liefern keine Zusammenhänge

Die Ergebnisse einiger großer Studien belegen bereits, daß durch Cholesterinsenkung das Schlaganfall-Risiko bei Patienten vermindert wird, die ein hohes kardiovaskuläres Risiko haben, so das Fazit von Professor Pierre Amarenco von der Bichat-Universität in Paris. Der Neurologe hat Studiendaten zum Thema Schlaganfall, Cholesterin und Statin-Therapie analysiert (The Lancet Neurology" 3, 2004, 271).

Aus epidemiologischen Studien und aus Beobachtungsstudien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten sich zunächst keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen der Höhe der Cholesterinspiegel und den Schlaganfall-Raten ableiten lassen. Denn Schlaganfälle waren in diesen Studien relativ selten, weil an den Studien meist Patienten mittleren Alters teilgenommen hatten, deren Herzinfarkt-Gefährdung ermittelt werden sollte. Schlaganfälle kommen aber gehäuft in höherem Alter vor. Der Durchschnitt liegt bei 70!

Belege erst durch Großstudien mit Risikopatienten

Belege für den Zusammenhang zwischen Cholesterinspiegeln und Schlaganfall-Risiko lieferten erst große Statin-Langzeitstudien, an denen Patienten mit Koronarer Herzerkrankung teilgenommen hatten, oder Patienten, die eine große Wahrscheinlichkeit für die Koronare Herzerkrankung hatten. Solche Patienten haben auch ein hohes Schlaganfall-Risiko. Und entsprechend viele Schlaganfälle wurden in den Studien registriert. Schlaganfall war in den Studien jedoch nicht primärer Endpunkt.

Amarenco hat die Daten von über 70 000 Teilnehmern solcher Studien, nämlich der Studien: 4S, CARE, LIPID, HPS, PROSPER, ALLHAT, KLIS, GREACE und ASCOT zusammengefaßt. In diesen klinischen Studien sind Schlaganfälle bei 1500 von 34 684 Patienten in den Kontrollgruppen und bei 1208 von 35 331 Patienten, die ein Statin erhalten hatten, vorgekommen, 4,3 Prozent im Vergleich zu 3,4 Prozent.

Daraus hat Amarenco berechnet, daß durch eine Statin-Therapie die Schlaganfall-Rate im Mittel um 21 Prozent vermindert wird und absolut gesehen um 0,9 Prozent. Dies bedeutet, berechnet für eine Behandlungsdauer von fünf Jahren: Werden 1000 Patienten mit KHK oder hohem Risiko dafür, fünf Jahre lang mit einem Statin behandelt, werden neun Schlaganfälle verhindert. Zum Vergleich: Nach Metaanalysen werden bei plättchenhemmender Therapie oder bei Blutdrucksenkung pro 1000 behandelte Patienten im gleichen Zeitraum 17 Schlaganfälle verhindert.

Wie beugen Statinen Schlaganfällen vor? Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen:

  • durch die Verminderung der Herzinfarkt-Rate gibt es weniger linksventrikuläre Thromben und damit weniger Embolien in den Hirngefäßen,
  • bei der Cholesterinsenkung wird der Blutdruck leicht gesenkt,
  • die Atherosklerose in Karotiden oder Vertebralis-Arterien und die Intima-media-Dicke in den Arterien werden vermindert,
  • die Plaques in den Gefäßen werden stabilisiert,
  • die Endothel-Funktion wird verbessert,
  • es gibt positive Effekte auf das fibrinolytische System und die Plättchenfunktion,
  • diskutiert wird zudem eine Neuroprotektion.

Kann bei Patienten, die einen Schlaganfall hatten, eine Therapie mit einem Statin weiteren Schlaganfällen vorbeugen, wie es für die Prävention von Herzinfarkten bei Patienten, die einen Schlaganfall hatten, belegt ist?

Dies wird derzeit klinisch erforscht: In der SPARCL-Studie etwa wird bei Patienten, die einen Schlaganfall oder eine TIA hatten geprüft, ob eine Statin-Therapie, in diesem Fall mit Atorvastatin, weiteren Schlaganfällen vorbeugt.

FAZIT

Statine vermindern nach den Ergebnissen großer Studien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Schlaganfall-Rate bei Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko, etwa durch koronare Herzkrankheit, Diabetes oder Hypertonie. Nach den Ergebnissen der CARE-Studie ist dies sogar bei normalen Cholesterinwerten der Fall. Bei Patienten, die bereits einen Schlaganfall oder eine TIA hatten, wird die Rate von Herzinfarkten vermindert. Ob das auch für weitere Schlaganfälle gilt, wird derzeit klinisch erforscht.

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