Ärzte Zeitung, 24.03.2006

Britischer Fernsehkoch erzieht seine Landsleute zu gesunder Ernährung

Starkoch Jamie Oliver zeigt in TV-Shows, was in Fast Food so alles drin steckt / Süßigkeiten und Softdrinks an britischen Schulen bald verboten

Der britische Fernsehkoch Jamie Oliver verdirbt seinen Landsleuten mit seinen Häcksel-Shows den Appetit. Foto: dpa

Von Christoph Sator

Das Experiment, mit dem der britische Starkoch Jamie Oliver seinen Landsleuten regelmäßig den Appetit verdirbt, ist einfach. Der Fernsehkoch und Bestseller-Autor ("Genial Italienisch") nimmt eine Portion Chicken Nuggets, häckselt sie in der Küchenmaschine klein und hält das Ergebnis dann in die Kameras: eine fetttriefende, ekelhafte, rosa Pampe. Anschließend fällt es leichter, die Briten davon zu überzeugen, daß frisches Gemüse gesünder ist als die ewigen Fish and Chips.

Die Häcksel-Show gehört zum Standardprogramm der Initiative "Feed me better" ("Ernähr’ mich besser"), mit welcher der 30jährige seinen Landsleuten von klein auf besseres Essen beibringen will. Und sie hat Erfolg. Nicht nur, daß inzwischen an vielen britischen Schulen nach Olivers Rezepten gekocht wird. Auf Beschluß einer Regierungskommission soll nun von September an auch der Verkauf von Süßigkeiten und Soft-Drinks an allen britischen Schulen verboten sein.

Mit den neuen Essens-Regeln reagiert die Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair auf alarmierende Zahlen, wonach immer mehr britische Schulkinder an Fettleibigkeit leiden. Nach dem jüngsten Bericht des britischen School Food Trust (SFT) ist inzwischen jedes vierte Kind zu dick. Vor zehn Jahren war es nur jedes zehnte Kind. Zudem ist mehr als die Hälfte (53 Prozent) der vier- bis 18jährigen Briten bereits wegen Karies oder Parodontose beim Zahnarzt in Behandlung.

Ab dem Schuljahr 2006/07 soll es deshalb in der Kantine keinerlei Schokoriegel mehr geben. Stattdessen muß jede Schule ein Angebot an Äpfeln, Orangen und Bananen zur Auswahl haben. Aus den allgegenwärtigen Automaten werden Cola, Chips und sonstige Dickmacher verbannt. Künftig sollen die Kinder Tee, Obstsäfte oder Joghurt-Getränke mit weniger als fünf Prozent Zuckergehalt zu sich nehmen. Zugleich sollen Wasserspender aufgestellt werden - und zwar nicht auf der Toilette.

Suzi Leather, Vorsitzende des School Food Trust, ist sich aber bewußt, daß nur ein allgemeiner Sinneswandel helfen kann. "Die neuen Schul-Standards werden das Essen vom September an besser machen. Aber das kann nur Erfolg haben, wenn die Kinder auch sonst nicht ständig von Schokolade, Chips und Cola umgeben sind."

Für die Nahrungsmittelindustrie, der wegen der verharmlosenden Werbung die Hauptschuld am Übergewicht von Kindern gegeben wird, sind die neuen Richtlinien ein neuer Schlag. Allein mit den Softdrinks aus den Schulautomaten machte sie im vergangenen Jahr in Großbritannien einen Umsatz von mehr als 70 Millionen Euro.

Schon hat ein Umdenken eingesetzt. Der weltgrößte Getränkekonzern Coca-Cola zum Beispiel setzt verstärkt auf kalorienarme Getränke. Der größte britische Schoko-Hersteller Cadburys hat den ersten Schokoriegel mit "nur 99 Kalorien" auf den Markt gebracht.

Es gibt aber auch schon die ersten Klagen über das neue Ernährungsprogramm. Nicht aus der Industrie, sondern von Leuten aus der Praxis - von Küchenhilfen aus den Schulkantinen. Einige Frauen, die dort regelmäßig Dienst tun, ärgern sich mächtig über die Ideen von Jamie Oliver. Sie haben eine Initiative gegründet, weil sie durch das Schälen von frischem Gemüse jetzt mehr Arbeit haben. (dpa)

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