Ärzte Zeitung, 14.07.2006

Leberschäden durch Pillen, Pulver und Heiltees

Symptome sind pathologische Leberwerte, Ikterus, Juckreiz oder Müdigkeit / Gezielte Fragen nach Arzneien wichtig

MÜNCHEN (wst). Scheiden bei erhöhten Leberwerten Ursachen wie Alkoholkonsum oder Virushepatitis aus, kommt die Einnahme von Medikamenten in Frage. Eine entsprechende Anamnese sollte die vergangenen zwölf Monate umfassen.

Als potentiell lebertoxisch kommen nicht nur rezeptpflichtige Arzneimittel, sondern auch frei verkäufliche Präparate, Zubereitungen von exotische Heiltees und Nahrungsergänzungsmittel in Frage. Nach Schätzungen bekommen in den westlichen Industrienationen jährlich etwa 14 von 100 000 Einwohnern einen toxischen Leberschaden durch Arzneien aller Art.

Darauf hat Privatdozent Veit Gülberg vom Klinikum München Großhadern auf einer von der Falk Foundation und Essex Pharma unterstützten Fortbildungsveranstaltung in München hingewiesen. Bei etwa fünf Prozent aller Patienten, die wegen Ikterus in die Klinik kommen, seien unerwünschte Arzneimitteleffekte die Ursache. Das gilt ebenfalls für etwa 20 Prozent aller Patienten mit fulminanten und subfulminanten Leberversagen sowie für 40 Prozent der 50jährigen mit akuten Hepatitiden.

Risikofaktoren für medikamentenbedingte Leberschäden sind ein Alter über 50 Jahren, Unter- oder Übergewicht, Schwangerschaft und chronischer Alkoholabusus. Auch die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente, die Enzyme induzieren oder hemmen, könne der Leber schaden.

Symptome sind Ikterus, Müdigkeit, Juckreiz oder pathologische Leberwerte. Der Verdacht eines unerwünschten Medikamenteneffekts liegt immer dann nahe, wenn solche Auffälligkeiten eine Woche bis drei Monate nach Einnahme des Arzneimittels beginnen und nach dem Absetzen zurückgehen, wie Gülberg betonte. In der Literatur sind sogar Latenzzeiten bis zu einem Jahr beschrieben worden.

Häufig verordnete Medikamente wie Amoxicillin-Clavulansäure, nichtsteroidale Antirheumatika oder Paracetamol sind zwar gehäuft in Statistiken zu medikamenteninduzierten Leberschäden verzeichnet. Doch kommt nahezu jedes rezeptpflichtige und frei verkäufliche Arzneimittel inklusive pflanzlicher Präparate als leberschädigend in Frage.

Dabei sollte auch an eine idiosynkratische Hepatotoxizität gedacht werden. Sie kann bei empfindlichen Patienten durch Substanzen ohne linearen Bezug zu Dosis oder Expositionsdauer bedingt sein. Für andere Menschen sind dieselben Substanzen völlig harmlos, wie Gülberg sagte.

Der Kollege stellte die Kasuistik einer jungen Patientin vor, deren Leberwerte sich immer mehr verschlechterten. Als Ursache wurde schließlich ein exotisches, als gesundheitsfördernd geltendes Getränk (Noni-Saft) ermittelt. Vier Wochen lang hatte die Patientin täglich ein Glas davon getrunken. Nachdem sie auf den Saft verzichtete, besserten sich die Leberwerte rasch.

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