Ärzte Zeitung, 12.03.2004

Der Begründer der Chemotherapie bekam den Nobelpreis für Medizin

Paul Ehrlich wurde am 14. März 1854 geboren / Mit seiner Seitenketten-Theorie erklärte er als erster die passive Immunisierung

Von Wolfgang U. Eckart

Wenn die moderne Medizin der Infektionstherapie mit einem Namen verbunden ist, dann zweifellos mit dem ihres Begründers: Paul Ehrlich, der vor 150 Jahren, am 14. März 1854, in Strehlen in Oberschlesien geboren wurde.

Ehrlich stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie. Sein Vater Ismar war Lotterie-Einnehmer. Noch als Student der Medizin gelang ihm im Wintersemester 1875/76 in Freiburg die Differenzierung der Mastzellen von den Plasmazellen, die kurz zuvor von Wilhelm von Waldeyer (1836 bis 1921) entdeckt worden waren.

Aufgrund dieser Arbeit wurde Ehrlich bald nach seiner Promotion 1878 als Oberarzt an die I. Medizinische Klinik von Friedrich Theodor von Frerichs (1819 bis 1885) nach Berlin berufen. Keine zehn Jahre später habilitierte er sich 1887 mit einer Arbeit über "Das Sauerstoffbedürfnis des Organismus". In der Folge wurde er außerordentlicher Professor und leitenden Anstaltsarzt der Charité.

Zweiter deutscher Nobelpreisträger für Medizin

Wichtiger aber: Robert Koch berief ihn 1890 an sein Institut für Infektionskrankheiten. Für die Arbeiten, die er dort auf dem Gebiet der Immunologie und Serumtherapie geleistet hatte, wurde ihm 1908 zusammen mit Ilja Metchnikov (1845 bis 1916) der Nobelpreis für Medizin verliehen. Ehrlich war damit nach Emil von Behring, der 1901 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war, der zweite deutsche Nobelpreisträger für Medizin.

Erste Schritte auf dem Weg zu einer antibakteriellen Therapie gelangen Ehrlich als Mitarbeiter Emil von Behrings. Paul Ehrlich war von der Entdeckung des Diphtherie-Antitoxins fasziniert und bemühte sich um die Klärung seiner Wirkungsweise. Er schloß, daß sich eine besondere Haftgruppe (Haptophoren-Gruppe) am Toxinmolekül - analog zum Schlüssel-Schloß-Prinzip - an einer entsprechenden Rezeptorgruppe (Seitenkette) der Körperzelle anlagere und erst dort ihre toxische Wirkung entfalten könne.

Auf solche Bindungen reagiere die Körperzelle durch die Bildung und die Ausstoßung immer neuer Rezeptoren ins Blutplasma. Dort, so Ehrlich, würden sich dann Toxine und Antitoxine durch die Haptophoren-Gruppe verbinden, ohne daß die Körperzelle überhaupt erreicht und geschädigt werde.

Diese Theorie, die als Seitenketten-Theorie zum ersten Mal den Vorgang der passiven Immunisierung in der Serumtherapie erklärte, bildete zugleich den theoretischen Ausgangspunkt für Forschungen, die auf eine unmittelbare antibakterielle Therapie zielten. Analog zu den Immunisierungsvorgängen im Organismus postulierte Ehrlich, daß es auch bei der Herstellung chemischer Heilmittel möglich sein müsse, solche Haptophore zu finden, die zu den Körperorganen nur eine geringe Affinität hätten, zu entsprechenden Rezeptorgruppen von Parasiten aber eine vergleichsweise hohe. Der therapeutische Koeffizient eines Heilmittels bestimme sich aus eben dieser Eigenschaft.

Paul Ehrlich blieb nicht bei der theoretischen Konzeption einer antibakteriellen, chemotherapeutischen Wirksamkeit stehen. Intensive chemische Forschungsarbeiten sollten die Theorie praktisch belegen. Wenig erfolgreich waren zunächst Versuche mit Farbstoffen. Als mehr erfolgversprechend erwiesen sich arsenhaltige Präparate (Atoxyl, Arsenophenylglyzin, Arsazetin), deren "Entschärfung" oder Aussonderung Schritt für Schritt gelang.

Salvarsan war das erste wirksame Mittel gegen Syphilis

Das Präparat mit der Versuchsnummer 606 brachte endlich einen ersten Teilerfolg. Mit ihm, der ersten "Zauberkugel" gegen Infektionskrankheiten, wie Ehrlich es nannte, gelang es endlich, grobspezifisch und ohne schwerwiegende Beeinträchtigung des Patienten gegen die Erreger der gefürchteten Syphilis vorzugehen.

Das Präparat kam 1910 als Salvarsan in den Handel. Der hohe Arsengehalt des Präparates war jedoch immer noch recht gefährlich. In den folgenden Jahren gelang es, ein mit weniger Nebenwirkungen behaftetes Medikament zu entwickeln, das 1912 als Neosalvarsan zugelassen wurde.

Das Arsenpräparat war nicht ungefährlich

Damit waren erste wichtige Schritte auf dem Weg zu einer antibakteriellen Therapie erfolgt, wenngleich Ehrlichs Ziel, die "Therapia sterilisans magna", nur annähernd erreicht war. Die neuen Präparate waren immer noch mit zu vielen Begleitwirkungen und Gefahren in der Anwendung behaftet, als daß man sie bedenkenlos hätte einsetzen können.

Ehrlichs letzte Lebensjahre waren vom Streit um das Salvarsan überschattet. Durch unsachgemäße Anwendung war es zu Zwischenfällen bei der Salvarsanbehandlung gekommen. Er wurde zum Opfer einer antisemitischen Kampagne und als "jüdisch-kapitalistischer Verbündeter" der Farbenindustrie denunziert. Der Erste Weltkrieg beendete den Streit.

Am 20. August 1915 starb der Forscher an den Folgen eines Schlaganfalls in Bad Homburg. Emil von Behring hielt die Trauerrede.

Die Nationalsozialisten schwiegen den Forscher und seine Verdienste tot. Erst nach 1945 erinnerte man sich wieder an den Begründer der Chemotherapie.

Professor Wolfgang U. Eckart leitet das Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg.

Das Institut, das Paul Ehrlichs Namen trägt

Paul Ehrlich ist Namensgeber eines Instituts, dem er als erster Direktor vorstand und das seit dem 1. November 1972 Bundesamt für Sera und Impfstoffe ist. Als "Institut für Serumforschung und Serumprüfung" wurde es am 1. Juni 1896 in Steglitz bei Berlin gegründet.

Ehrlich, der das Institut bis zu seinem Tod 1915 leitete, hatte damals den Auftrag erhalten, die Grundprinzipien staatlicher Arzneimittelkontrolle zu entwickeln und umzusetzen. Hintergrund für diesen Auftrag, so das Paul-Ehrlich-Institut auf seiner Homepage, sei die stark schwankende Qualität und Wirksamkeit des neuen Diphtherie-Heilserums Emil von Behrings gewesen.

Anfangs überprüften Ehrlich und seine Mitarbeiter in einer ehemaligen Bäckerei monatlich zwischen zehn und 60 Muster Diphtherie-Heilseren. Heute bearbeitet das Personal der Bundesoberbehörde jedes Jahr etwa 9000 Chargen; die Zahl von Zulassungen und Verlängerungen liegt jährlich zwischen 400 und 500.

Seit 1990 ist das Institut in Langen bei Darmstadt beheimatet. Zu seinen Aufgaben zählen die Zulassung und chargenweise Prüfung von (immun)biologischen Arzneimitteln für Mensch und Tier. Diese umfassen nach Paragraph 77 des Arzneimittelgesetzes Sera, Impfstoffe, Blutzubereitungen, Testallergene, Testsera und Test-antigene. Hinzu kommen die Überwachung der Sicherheit der betreffenden Arzneimittel sowie Forschungsaufgaben.

Zum 150. Geburtstag seines Namensgebers veranstaltet das Paul-Ehrlich-Institut am 15. und 16. März in Frankfurt/Main ein großes Symposium, Titel: "Die Bekämpfung von Krankheitserregern und Krebs". (Smi)

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