Ärzte Zeitung, 12.06.2006

Wenn einer über alle Gartenzäune hinweg blickt

Der Pharmakologe Ernst Mutschler wurde 75 / Grenzüberschreitungen mit gemischten Berichten aus der Forschung

Wenn ein vielgeehrter Forscher und Hochschullehrer, Autor eines Standard-Lehrbuchs, Mitglied vieler wissenschaftlicher Gesellschaften und Vereinigungen, 75 Jahre alt wird, wird er in der Regel von Kolleginnen und Kollegen in einer großen Veranstaltung gefeiert, werden seine Verdienste gerühmt.

Ernst Mutschler: Es ist fahrlässig, von Austauschbarkeit zu reden, wo nichts bewiesen ist. Foto: sbra

Prof. Ernst Mutschler, einer der führenden Pharmakologen in Deutschland, Hauptautor des Standard- Lehrbuchs "Arzneimittelwirkungen", hat sich solchen Ehren zu seinem 75. Geburtstag am 24. Mai 2006 auf eine listige, für ihn charakteristische Weise entzogen.

Er hat ein Symposium veranstaltet, auf dem Wissenschaftler und Autoren ganz verschiedener Disziplinen über ihre Arbeit berichtet haben. Über künstliche Intelligenz, über Gehirnforschung, über die Philosophie des Verzeihens, über Bild- und Grenzüberschreitungen in Bildern des Malers Vittore Carpaccio und über Horizonte bei Johann Sebastian Bach.

Eine bemerkenswerte Mischung von Themen, die wenig oder nichts mit Mutschlers eigenem Gebiet - der Pharmakologie - zu tun haben, aber viel mit Mutschler selbst und den Vorlieben dieses Wissenschaftlers, über alle Gartenzäune hinweg zu blicken.

Mutschler ist den Lesern der "Ärzte Zeitung" durch viele Stellungnahmen besonders vertraut. In der "Ärzte Zeitung" nahm er in einem großen Interview die Arzneimittel-Forschung vor den politisch motivierten Kampagnen gegen sogenannte Me-too-Arzneimittel in Schutz. Aussagen, die es so bis dahin für eine größere Öffentlichkeit noch nicht gegeben hatte.

Und er war lange Jahre Präsident der unabhängigen Jury des Galenus-von-Pergamon-Preises, dessen Stifter die "Ärzte Zeitung" ist. Mutschler hat sich mit seinem Symposium, das unter dem Titel "Horizonte" Ende Mai in der Akademie der Wissenschaften in Mainz stattfand, zwar den üblichen Feiern entzogen. In der "Ärzte Zeitung" aber kommt er um eine Laudatio nicht ganz herum.

Prof. Erland Erdmann, Kardiologe an der Uni Köln und Mutschlers Nachfolger als Präsident der Galenus-Preis-Jury, würdigt Mutschler als einen Wissenschaftler, dessen Arbeiten bis heute zu den Grundlagen unseres gesicherten Wissens gehören. (HR)

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ZUR PERSON

Ehrungen, Preise und mehr als 600 Publikationen

Ernst Mutschler ist Pharmazeut und Arzt, seit 1964 habilitiert, in beiden Fakultäten promoviert und seit 1968 Professor. 1973 wurde er zum Ordinarius für Pharmakologie im Fachbereich Biochemie, Pharmazie und Lebensmittelchemie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main berufen.

Mehrfach war er Dekan seiner Fakultät, er ist Ehrenmitglied vieler internationaler akademischer Gesellschaften, 1988 bis 1992 bekleidete er das Amt des Präsidenten der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft. Die Zahl der ihm verliehenen wissenschaftlichen Preise ist groß. Die Universität Regensburg und die Humboldt-Universität Berlin ernannten ihn zum Ehrendoktor.

Mutschler hat über 600 wissenschaftliche Publikationen in internationalen Journalen verfaßt, er ist Herausgeber und Autor vieler Lehrbücher und wissenschaftlicher Handbücher. Das bekannteste Lehrbuch: "Arzneimittelwirkungen". Prof. Erland Erdmann von der Uni Köln: "Mutschlers Arbeiten über Antiarrhythmika und Diuretika, Acetylcholin und Serotonin-Derivate sowie über die Pharmakokinetik vieler Arzneistoffe sind heute Grundlage unseres gesicherten Wissens." 

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