Jubiläumsausgabe, 09.11.2012

Kooperation

Der Einzelkämpfer wird zum Unikum

Kooperation unter Ärzten und mit anderen Gesundheitsberufen ist Realität und wird weiter an Bedeutung gewinnen. Klar ist: Die Arbeitskraft von Ärzten wird knapp; das erfordert neue Organisationsstrukturen.

Von Helmut Laschet

Der Einzelkämpfer wird zum Unikum

Starke Zugpferde statt einzelne Packesel.

© Christian Schwier / fotolia.com

Der Trend ist unaufhaltsam und inzwischen breiter Konsens unter Ärzten jeden Alters, unabhängig davon, wie sie gegenwärtig arbeiten: Die Einzelpraxis wird zum Ausnahmefall, die Mehrheit der Ärzte wird in Zukunft in kooperativen Organisationsstrukturen arbeiten - wie auch immer diese ausgestaltet sind.

Der Trend hatte sich bereits im letzten Jahrzehnt abgezeichnet, die Politik die Weichen dafür gestellt: durch die Schaffung der Integrationsversorgung mit den Gesundheitsreformen von 2000 und 2003, mit der neuen Organisationsform der Medizinischen Versorgungszentren durch die Reform von 2003, mit der Liberalisierung der Berufsausübungsmöglichkeiten durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz von 2006.

Schließlich auch durch die noch nicht abgeschlossene Debatte um erweiterte Delegationsmöglichkeiten an höher qualifizierte medizinische Assistenz- und Pflegeberufe, wobei strittig ist, ob und inwieweit ärztliche Aufgaben auch durch solche Berufe substituiert werden können.

33 Prozent der Bürger in den neuen Bundesländern sieht bereits jetzt eine Unterversorgung mit Ärzten. Im Westen ist der Anteil nur halb so hoch. Quelle: MLP-Gesundheitsreport 2011

Im Vergleich zu 2007, unserer letzten großen Umfrage, ist der Anteil jener Ärzte, die der Überzeugung sind, dass kooperative Organisationsformen das Arbeitsmodell der Zukunft sind, noch einmal gestiegen.

Fast 85 Prozent der Leser, die 2012 an der Umfrage teilgenommen haben, sind dieser Meinung; vor fünf Jahren waren es 77 Prozent. Gut ein Fünftel sah 2007 in der Einzelpraxis noch eine Zukunft; dieser Anteil ist inzwischen auf 13,5 Prozent geschrumpft.

Die Motivation zu stärkerer Kooperation ist außerordentlich vielschichtig und trifft zum guten Teil auch auf ein politisch günstiges Klima - wobei die Hoffnungen und Erwartungen nicht selten überzogen sind.

Versorgungspolitisch besteht die Erwartung, vor allem multimorbide und chronisch kranke Patienten möglichst "aus einer Hand" auf der Basis definierter Behandlungspfade betreuen zu können - mit besseren medizinischen Effekten und höherer Effizienz, etwa durch Vermeidung von Hospitalisierung oder kürzerer Arbeitsunfähigkeit. Kooperationsstrukturen, die dies nachweislich leisten, sind noch selten.

Weniger Konkurrenzdenken, wachsende Kollegialität unter Ärzten: Nachdem das Thema Ärzteschwemme endgültig abgehakt ist, hat sich berufspolitisch die Lage derart entspannt, dass Ärzte nicht mehr unbedingt darauf bedacht sein müssen, ihre Claims zu schützen. Die Folge: eine offenere Kooperation.

Medizinische Qualität: Kollegiale Kontrolle ist kein Fremdwort mehr. In kooperativen Strukturen lassen sich leichter Fortbildungen organisieren, die am eigenen Arbeitsalltag orientiert sind, beispielsweise Qualitätszirkel.

Überwiegt die Einzelpraxis?

Die Gefahr Versorgungsmangel

Frauen auf dem Vormarsch

Ärzte im MVZ

Ökonomische Aspekte: In größeren Arbeitseinheiten können kapitalintensive Investitionen leichter finanziert werden; Einkaufsgemeinschaften können Preisvorteile erwirtschaften.

Management und administrative Aufgaben können an betriebswirtschaftliche Profis delegiert werden. Andererseits: professionelles Management eines Ärztenetzes oder auch von großen MVZ verursachen nicht unerhebliche Overheadkosten, die durch medizinische Leistungen erwirtschaftet werden müssen.

Ärztemangel und neue Arbeitsformen: Die jüngere Ärztegeneration, erst recht der Nachwuchs, der heute von den Universitäten kommt, ist offenkundig wenig geneigt, die Risiken eines Freiberufler-Daseins auf sich zu nehmen.

Das gilt für Ärzte beiderlei Geschlechts. Wichtiger geworden sind: Konzentration auf die ärztliche Aufgabe, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, befriedigendes und sicheres Einkommen, adäquates soziokulturelles Umfeld.

95 Prozent der Ärzte fordern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, damit auch Ärztinnen mit Kindern Vollzeit arbeiten können. Quelle: MLP-Gesundheitsreport 2011

Die Lasten einer Riesen-Landarztpraxis mit 1500 Scheinen oder mehr, eine 70-Stunden-Woche und Dauerbereitschaft sind auch mit Aussicht auf exzellentes Honorar kaum noch vermittelbar.

Daraus folgt, dass sich die Leistungserstellung in der ambulanten Medizin neu organisiert. Der Prozess hat begonnen und scheint unaufhaltsam. Ablesbar unter anderem an der Entwicklung der Medizinischen Versorgungszentren. Die Zahl steigt unaufhaltsam und hat sich zwischen 2007 und Mitte 2011 auf über 1600 verdoppelt.

Während die Zahl der Vertragsärzte in den MVZ in diesenvier Jahren nur um gut 20 Prozent zugenommen hat (Mitte 2011: 1320), hat sich die Zahl der angestellten Ärzte auf 8114 fast vervierfacht.

Noch ist nicht klar, ob große, leistungsfähige MVZ den Nukleus für eine Reihe von Satellitenpraxen bilden können, die aus einem Zentrum heraus die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen weiträumig sicherstellen können. In die Lücken könnten auch Krankenhäuser vermehrt mit eigenen Versorgungszentren stoßen.

30 Zeitungszeilen kompakt

85 Prozent der Ärzte, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, erwarten, dass die ambulante Medizin in Zukunft durch kooperative Organisationsformen sichergestellt wird. Im Vergleich zu 2007 ist das eine Zunahme von fast acht Prozent. Dagegen geben nur noch 13 Prozent der Einzelpraxis eine große Chance.

Generell sind die Voraussetzungen für eine bessere Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe günstig: Ihre Arbeitskraft ist knapp, der Bedarf steigt in einer alternden Gesellschaft, die einen höheren Anteil chronisch und multimorbide Patienten hat.

Das Konkurrenzdenken unter Ärzten nimmt ab, die Kollegialität gewinnt an Bedeutung. Der Ärztenachwuchs denkt stärker in den Kategorien der Medizin und weniger ökonomisch. Die Präferenzen sind darauf gerichtet, sich als Arzt verwirklichen zu können, Sicherheit spielt eine größere Rolle, ebenso aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nichts für Einzelkämpfer.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »