Ärzte Zeitung, 04.04.2012

EBM und GRG - Ärzte im Mehrfrontenkampf

EBM und GRG - Ärzte im Mehrfrontenkampf um zentrale Reformen

Die Gesundheitslobby gegen Blüm, KBV gegen Bundesärztekammer, freie Verbände gegen KBV: 1988 brachen Fronten unter Ärzten und in der Medizin auf, die für viele Jahre bestimmend sein sollten.

Köln/Bonn, im Dezember 1988. Mit Reformelan war Professor Siegfried Häußler 1985 als KBV-Vorsitzender angetreten - als er am 3. Dezember 1988 vor der Vertreterversammlung in Köln seinen Abschied nimmt, klingt Verbitterung durch.

"Der Umgangston miteinander sei rüder geworden... Was mich erschüttert, war das sprachliche und argumentative Niveau, auf das viele Leserbriefe und Beiträge von Kollegen innerhalb weniger Jahre absanken."

Mit der Reform des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes 1987, der Einführung des Arztes im Praktikum zum 1. Juli 1988 (18 Monate mit weniger als dem halben Gehalt), und den vielen auch Ärzte betreffenden Reglements des Gesundheits-Reformgesetztes (GRG) war die verfasste Ärzteschaft in einen Mehrfrontenkampf unter sich sich selbst und mit der Politik verstrickt worden.

Mit der EBM-Reform, die am 1. Oktober 1987 in Kraft getreten war, wollte Häußler die sprechende Medizin aufwerten. Dafür gab es neue, hochwertige Beratungs- und Untersuchungsziffern.

Der Preis dafür waren ein Honorardeckel und floatende Punktwerte. Für die Ersatzkassen, deren Honorare damals noch zentral über die KBV abgerechnet wurden, waren die Effekte einigermaßen transparent.

Die Honorare aller anderen Kassen wurden dezentral über die Länder-KVen abgewickelt - und da herrschte Datenkonfusion.

"Unsere Probleme sind so vielfältig - das lässt sich überhaupt nicht abdrucken", klagte der Leiter der KBV-Honorarabteilung, Dr. Manfred Moewes. Sinkende Punktwerte, Umverteilung zwischen und innerhalb der Fachgruppen, wachsende Planungsunsicherheit und Korrekturläufe brachten der KBV und insbesondere Häußler eine Menge persönlicher Anfeindungen. Die Gewinner genossen still, die Verlierer protestierten lautstark.

Innerärztlichen Streit produzierte auch das GRG. Die KBV wollte mit der Politik im Gespräch bleiben, nicht zuletzt, um ihr Ziel, eine kassenarztspezifische Qualifikation, in Gesetz zu bekommen.

Das sollte die Qualität der hausärztlichen Versorgung stärken. Das widersprach den Zielen des Marburger Bundes und der Bundesärztekammer. Die KBV konnte sich in diesem Punkt politisch nicht durchsetzen, wurde nun aber von freien Verbänden, allen voran vom Hartmannbund, einer Appeasement-Politik gescholten.

Der Hartmannbund und sein Chef Horst Bourmer hatten sich an die Spitze des GRG-Protests gesetzt und 90.000 Wartezimmer-Plakate sowie 700.000 Handzettel drucken lassen.

Die Angst, die bei Patienten verbreitet wurde, veranlasste Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Hartmannbund zu seiner Hauptversammlung ein geharnischtes Grußwort zu schicken: "Es ist ein Skandal, wenn die Vertrauensstellung des Arztes missbraucht wird. Die Politisierung des Wartezimmers ist mit der Würde und der Ethik des Arztes unvereinbar." (HL)

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