Ärzte Zeitung, 10.05.2012

Rezeptfreie Arzneien raus aus der GKV - das zerreißt den BPI

Rezeptfreie Arzneien raus aus der GKV

Ein Umsatzrückgang von mehr als zehn Prozent macht erfinderisch: Die Idee forschender Pharmafirmen, rezeptfreie Arzneien auszugrenzen, zerreißen den einst mächtigen Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Rezeptfreie Arzneien raus aus der GKV - das zerreißt den BPI

Am 2. Juli 1993 erscheint das erste Budgetbarometer: Bis Mai liegen die Arzneiausgaben um 1,8 Milliarden DM unter Budget.

Salzburg/Frankfurt, Mai/Juni 1993. "Wir müssen Farbe bekennen und praktikable Vorschläge machen, was ausgegrenzt werden kann" - denkbar sei, dass alle rezeptfreien Arzneimittel von der Erstattungspflicht ausgenommen werden. So könnten die Kassen 6,5 Milliarden DM sparen.

Bei einem Pressegespräch während des Mittagessens am Rande der Jahrestagung des Dachverbandes der europäischen Pharma-Industrie geht der sonst außergewöhnlich verschlossene Vorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Hubertus von Loeper, in die Offensive.

Als noch am gleichen Nachmittag der Bericht in der Zentralredaktion der "Ärzte Zeitung" eintrifft, herrscht bei Chefredaktion und Verlagsspitze Entsetzen: "Unglaublich - ist das wahr?"

Denn von Loepers Vorstoß ist ein Affront gegen große Teile des pharmazeutischen Mittelstands, der sein Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln auf GKV-Kosten macht.

Von Loeper versucht zunächst, dem Zorn der Mittelständler dadurch auszuweichen, indem er die Berichterstattung der "Ärzte Zeitung" relativiert. Doch die wird von Verbandsgeschäftsführer Hans Rüdiger Vogel bestätigt - er war Zeuge in Salzburg.

Auf der wenige Tage später in Dresden stattfindenden BPI-Hauptversammlung treten die verbandsinternen Spannungen voll zu Tage.

Von Loeper taktiert, aber er stellt sich schlussendlich auf die Seite der größeren forschenden Unternehmen: "Wir werden Tabus brechen müssen, die uns in wirtschaftlich besseren Tagen ein Nachdenken ersparten."

Im Kern geht es darum, dass die überdurchschnittlich wachsenden forschenden und internationalen Unternehmen durch Ausgrenzung kostenneutral Wachstumsspielräume sichern wollen. Auf Kosten des Mittelstands. Das hält ein Verband wie der BPI, in dem nahezu alle Unternehmen organisiert sind, nicht aus.

Es kommt zum Schisma: Am 25. Juni 1993 erklären die Mitgliedsfirmen der Medizinisch-Pharmazeutischen Studiengesellschaft (MPS) Bayer, Boehringer Ingelheim, Boehringer Mannheim, Schering und Knoll den Austritt aus dem BPI.

Binnen weniger Tage schwillt die Zahl der Kündigungen auf rund 100 an. Der Vorsitzende Hubertus von Loeper wirft das Handtuch.

Aus der MPS wird später der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Ihm gehören heute rund 40 Unternehmen an. Von Loepers Vorschlag, rezeptfreie Arzneien auszugrenzen, wird zehn Jahre später von Ulla Schmidt aufgegriffen. (HL)

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