Ärzte Zeitung, 09.07.2012

2002: Der Euro kommt

2002: Der Euro kommt

In einer Frage sind sich heute fast alle einig. Die Exportnation Deutschland hat von der Einführung des Euro stark profitiert. Aber rückblickend kann festgestellt werden: Viele Fachleute lagen mit ihren Prognosen zur Zukunft des Euro voll daneben.

2002: Der Euro kommt

Eine riesige Euro-Münze überragt die Menschen in der Frankfurter City.

© dpa

1. Januar 2002. Viel Euphorie, aber auch Skepsis herrscht an Neujahr 2002, als in Deutschland und elf weiteren Staaten der EU der Euro offizielles Zahlungsmittel im Bargeldverkehr wird.

Besonders ältere Menschen, die nach den beiden Weltkriegen Inflationen erlebt haben, betrachten die neue Währung mit Sorge.

Die D-Mark galt seit der Währungsreform 1948 als stabil. Da sah die Sache mit der italienischen Lira zum Beispiel ganz anders aus.

Doch wurden auch die Vorteile gesehen. Bei vielen Reisen entfielen der lästige Geldwechsel und die Umrechnerei von einer Währung zur anderen. Auch für Geschäftsbeziehungen in andere Euro-Staaten war die neue Währung eher Segen als Fluch.

Viele falsche Vorstellungen

Ärzte betraf die Umstellung auf den Euro in gleicher Weise wie alle anderen Bürger. In den Praxen änderte sich wenig, sieht man davon ab, dass es in der Umrechnung der privatärztlichen Honorare nach GOÄ zu Irritationen bei der Rundung kam. Diese lagen allerdings im Cent-Bereich.

Die "Ärzte Zeitung" nahm die Einführung des Euro zum Anlass, ein Sonderheft herauszugeben mit vielen Informationen rund um den Euro und zu den Gesundheitssystemen Europas. Für die Euro-Ausgabe erhielt die "Ärzte Zeitung" übrigens damals einen Preis: den European Newspaper Award 2002.

Wer dieses Sonderheft heute zur Hand nimmt, wird außerdem an einen häufig zitierten Satz erinnert: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen."

Die Zahl der falschen Vorhersagen, die von anerkannten Experten Anfang 2002 über die Zukunft des Euro getroffen wurden, ist sagenhaft.

So sah der damalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Professor Norbert Walter, alle Skeptiker widerlegt, die befürchteten, "dass die zur Kontrolle der Budgetdefizite notwendige Haushaltsdisziplin fehlen würde".

Auch schrieb Walter damals in der "Ärzte Zeitung": "Es gibt immer noch deutsche Michel, die glauben, dass - nur weil manche EWU-Mitglieder von der Südseite der Alpen kommen - eine schwächere Geldpolitik verfolgt wird. Irrtum! Die stabilitätspolitischen Falken sind heute primär in Italien und Spanien angesiedelt."

Deutschland hat weltweite Wirtschaftskrise bislang realtiv gut überstanden

Heute würden sich viele Europäer nichts mehr wünschen, als dass Norbert Walter Recht behalten hätte, aber die Realität sieht anders aus.

Vor allem die südeuropäischen Länder Griechenland, Italien und Spanien haben so stark gegen zahlreiche Auflagen verstoßen, die die Stabilität der gemeinsamen Währung sichern sollten, dass die Zukunft des Euro gefährdet ist.

Kurios aus heutiger Sicht: In unserem Sonderheft schrieb damals ein weiterer Experte: "...mittel- und langfristig wird die deutsche Reformunfähigkeit die Stabilität des Euro negativ beeinflussen."

Ein Jahr später leitete ausgerechnet der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 deutliche Einschnitte im deutschen Sozialsystem ein, die heute dazu beitragen, dass Deutschland die weltweite Wirtschaftskrise bislang relativ gut überstanden hat und in Europa als wenig beliebter Klassenprimus gilt.

Wie die Zukunft des Euro zehn Jahre nach seiner Einführung aussieht? Da würden die meisten Menschen wohl prophezeien: eher düster.

Die Geschichte des Euro in Daten

1951 Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Italien schließen sich zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zusammen.

1958 Römische Verträge Die Gemeinschaft wird auf weitere Wirtschaftsgebiete zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG und Euratom) ausgebaut, Ziel ist die Errichtung eines gemeinsamen Marktes.

1958 bis 1968, ZollunionBinnenzölle für gewerbliche Güter werden bis 1968 weitgehend abgeschafft und einheitliche Tarife für den Handel mit Drittländern eingeführt.

1970, Werner-PlanDer Werner-Bericht von 1970 ist die Geburtsstunde des Euro. Die vom luxemburgischen Premier Pierre Werner geleitete Kommission liefert die Grundlage für den im Jahr 1971 verabschiedeten Stufenplan zur Vereinheitlichung von Wirtschaft und Währung.

1979 bis 1986 Auf Initiative von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d‘Estaing wird das Europäische Währungssystem geschaffen. Als Grundlage der Berechnung wird die ECU (European Currency Unit) eingeführt.

7. Februar 1992, Vertrag von Maastricht Laut Vertragstext soll bis zum 1. Januar 1999 eine gemeinsame Währung, der Euro, eingeführt werden. Länder, die an der Währungsunion teilnehmen wollen, sollen bestimmte Kriterien erfüllen, um die Stabilität der Währung zu sichern.

1. Januar 2002 In zwölf EU-Ländern wird der Euro eingeführt, fünf weitere folgen.

2010 Die griechische Staatsschuldenkrise wirkt sich auf die gesamte Eurozone aus.

Sommer 2012 Ein EU-Gipfel zur Eurorettung jagt den nächsten, der deutsche Bundestag stimmt dem europäischen Fiskalpakt und dem dauerhaften Rettungsschirm ESM mit Zweidrittelmehrheit zu.

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