Ärzte Zeitung, 02.10.2012

Praxisgründer berichten: Professor Alexander Ehlers

"Auch als Vertragsarzt hätte ich glücklich werden können"

Erst Privatarzt, dann Vertragsarzt, Berufspolitiker und Jurist und am Ende Rechtsanwalt: Den Weg von Professor Alexander Ehlers sind nur wenige Menschen in Deutschland gegangen. Ehlers ist dem Gesundheitswesen treu geblieben. Doch das System hat sich in diesen 30 Jahren aus seiner Sicht unglaublich verändert.

Von Hauke Gerlof

"Auch als Vertragsarzt hätte ich glücklich werden können"

Alexander Ehlers als Arzt in ungewöhnlicher Aktion: bei einem Straßenfest 1984 am Stand "Zum gesunden Krokodil".

© privat

Prof. Dr. med. Dr. iur. Alexander P. F. Ehlers

"Auch als Vertragsarzt hätte ich glücklich werden können"

Aktuelle Position: Gründer und Seniorpartner der Kanzlei Ehlers, Ehlers & Partner; Managing Partner der Conférence Bleue European Lawyers' Conference on Pharmaceutical an Health Care Affairs seit 1997

Werdegang/Ausbildung: geb. 1955 in Berlin, Studium der Medizin und der Rechtswissenschaften in Düsseldorf, Heidelberg und München; Facharzt für Allg.-medizin, Fachanwalt für Medizinrecht

Karriere: Tätigkeit als Allgemeinmediziner in eigener Praxis von 1982 bis 1999; zeitweise intensive berufspolitische Aktivitäten; Rechtsanwalt seit 1987

Privates: Mitglied in zahlreichen wissenschaflichen Gesellschaften, Hobbys: Musik, moderne Kunst, Sport, etwa Marathon, Golf, Segeln

Als sich Alexander Ehlers, damals noch ausschließlich Dr. med., 1982 in eigener Praxis niederließ, da war für die Ärzte die Welt scheinbar noch in Ordnung.

"Das Gesundheitswesen war damals korporatistisch organisiert, Krankenkassen und KVen hatten ein gutes Verhältnis, es gab noch die Einzelleistungsvergütung auch für GKV-Patienten, die Sektoren waren streng getrennt, Wettbewerb war ein Fremdwort - kurz, es ging sehr gesittet zu", erinnert sich Ehlers.

Wer damals seine Approbation gehabt, eine Praxis eingerichtet und am Haus ein Schild aufgehängt habe, "dessen Existenz war schon so gut wie gesichert", so Ehlers.

Wenn er damals darüber gesprochen habe, dass eine Arztpraxis auch ein Dienstleistungsunternehmen ist, sei er ausgelacht worden, erinnert er sich.

Doch schon damals wurde das Geld im Gesundheitswesen knapp: Der demografische Übergang begann, die Lebenserwartung wuchs, und die Arbeitslosigkeit stieg - größere Änderungen im System wurden unausweichlich.

Ehlers, der aus einer alten Arztfamilie stammte, hatte eine "Schwäche" für die Juristerei - und er hatte die Idee, dass die Kombination aus Jura und Medizin in den kommenden Jahren gesucht sein würde. Er behielt Recht.

Mit der Praxis finanzierte Ehlers das Zweitstudium

Zunächst finanzierte er über seine mit einfachen Mitteln eingerichtete Praxis sein Jura-Studium. Er engagierte sich in der Berufspolitik, und wurde Rechtsanwalt, spezialisiert auf das Gesundheitssystem.

Mit den großen Gesundheitsreformen von Norbert Blüm und Horst Seehofer 1989 und 1993 sei dann die grundsätzliche Entscheidung für ein wettbewerbsorientiertes und gegen ein staatlich dominiertes Gesundheitssystem gefallen. Und damit begann auch für Ärzte eine Zeit dramatischer Veränderungen.

"Wettbewerb ist letztlich ein Instrument, um Lösungen zu finden zu einem vertretbaren Preis und zu guter Qualität", sagt Ehlers. Im beginnenden Wettbewerb hätten es die frühen Impulsgeber nicht immer leicht gehabt.

So habe Dr. Axel Munte für seine Idee eines Ärztehauses und einer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis bis vors oberste Sozialgericht gehen müssen - wo er schließlich Recht bekam.

"Die höchste Rechtsprechung hat letztlich immer pro Liberalisierung entschieden", fasst Ehlers zusammen. Auch bei der schrittweisen Aufweichung des Werbeverbots sei es so gewesen. "Früher ging es bei Auseinandersetzungen über die Größe des Praxisschildes um Millimeter, heute ist das alles überhaupt kein Thema mehr."

Die Gesetzesänderungen, etwa mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz und jetzt dem GKVVersorgungsstrukturgesetz hätten vielfach Änderungen kodifiziert, die in der Rechtsprechung längst etabliert waren.

"Letztlich verhalten sich Gesetze im Gesellschaftssystem wie Knochen im Körper: Sie passen sich an die Anforderungen etwa durch viel Bewegung an", resümiert Ehlers.

In den vergangenen 30 Jahren gab es für freiberuflich tätige Ärzte insofern viele Normen, die sich anpassen mussten, erinnert sich der Rechtsanwalt. Die wichtigsten Änderungen aus seiner Sicht:

Persönliche Leistungserbringung: Auf ihr gründete das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Ähnlich wie im Krankenhaus wurde zuerst in MVZ, dann auch in Praxen die Anstellung von Ärzten erleichtert. Und mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz ist die Frage der Delegation ärztlicher Leistungen an Assistenzberufe verstärkt aufgekommen.

Spezialisierung: Der Fortschritt der Medizin führt zu einer immer stärkeren Spezialisierung. Durch Weiterbildung können niedergelassene Ärzte Qualifikationen erwerben, die sie auf dem Praxisschild oder auf Websites bewerben dürfen.

Werbung: Die Spezialisierung führt zu einem stärkeren Bedürfnis nach Öffentlichkeitsarbeit. Denn nun wird es für Ärzte zunehmend wichtig, ihre Qualifikation über den normalen Aktionsradius einer Praxis hinaus - bei Hausärzten in der Stadt etwa 2,5 Kilometer - bekannt zu machen. Das kann bis zu einem bundesweiten Aktionsradius führen.

Arztbewertung:Wenn Ärzte stärker in der Öffentlichkeit aktiv sind, müssen sie sich auch der Öffentlichkeit stellen, sagt Ehlers, der vor Jahren die zweite "Focus"-Ärzteliste vor Gericht durchgefochten hat. Dazu gehören auch Arztbewertungsportale, sei es privater Anbieter oder von Krankenkassen. Sie seien eine Chance, eigene Qualitäten bekannt zu machen.

Kooperationen: Viele neue Kooperationsformen sind entstanden. Auch bei der Rechtsform - von der GbR zur nun auch für Kooperationen möglichen GmbH - gab es eine Liberalisierung. Über die Möglichkeit der Filialisierung soll die Versorgung auf dem Land gestärkt werden.

Aufweichung der Sektorengrenzen: Über die Integrierte Versorgung und über MVZ als "Schuhlöffel" für Kliniken, in die ambulante Versorgung vorzustoßen, hat sich der Wettbewerb der Sektoren intensiviert.

Ehlers entschied sich 1999 endgültig für den Beruf des Rechtsanwalts mit Spezialisierung auf das Gesundheitswesen. Aber es war keine Entscheidung aus Frust, im Gegenteil.

"Ich wäre auch in eigener Praxis oder in der Berufspolitik glücklich geworden. Wandel bringt immer Verwerfungen mit sich. Aber das führt dazu, dass etwas Neues entsteht - und das ist für mich immer unglaublich spannend."

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