Ärzte Zeitung, 28.08.2009

Kandidat für den Springer Charity-Award: Das Therapienetz Essstörung

Wenn gesunde Ernährung zur Qual wird

Essstörungen gehören bei Kindern und Jugendlichen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Um Betroffenen zu helfen, wurde das Therapienetz Essstörung gegründet.

Von Pete Smith

Die Zahlen aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey 2007 des Robert-Koch-Instituts sind eindeutig: Knapp 22 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen in Deutschland weisen Symptome einer Essstörung auf. Für sie wurde 2005 das Therapienetz Essstörung gegründet, ein bundesweiter Zusammenschluss spezialisierter Einrichtungen und Experten mit Schwerpunkt in Bayern.

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Gesund essen? Für Jugendliche oft ein Problem.

Foto: imago

Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen liegt die Prävalenz der Anorexia nervosa zwischen 0,5 und einem Prozent, der Bulimia nervosa zwischen zwei und vier Prozent, die Prävalenz für partielle Essstörungen einschließlich der Binge Eating Disorder wird auf zehn bis 15 Prozent geschätzt.

Vorrangig betroffen sind Mädchen und junge Frauen

Vorrangig sind Mädchen und junge Frauen betroffen, aber auch Männer leiden zunehmend unter Essstörungen. Die Ursachen sind vielfältig: Geringes Selbstwertgefühl, Identitätsprobleme, Perfektionismus, familiäre Probleme und auch das gesellschaftliche Schönheitsideal gehören dazu.

Zwar gibt es bundesweit viele therapeutische und medizinische Angebote für Patienten mit Essstörungen, doch im Hinblick auf Qualität und Verteilung bestehen große regionale Unterschiede. Das war 2005 der Ausgangspunkt für die Gründung des Therapienetzes Esstörung. Das Ziel: durch ein Kompetenznetzwerk von professionellen Leistungserbringern unter Koordination durch eine Clearingstelle eine Integrierte Gesundheitsversorgung bei Essstörungen zu etablieren.

Einer der Initiatoren des Therapienetzes Essstörung ist der gemeinnützige Verein ANAD, der vor 25 Jahren in München eine Beratungsstelle für Essgestörte und deren Angehörige gegründet hat, die inzwischen eine der größten in Deutschland ist. 2004 wurde ANAD von der AOK Bayern damit beauftragt, unter Einbeziehung externer Partner ein bundesweit bislang einmaliges Konzept für die Integrierte Versorgung von Patienten mit Essstörungen zu entwickeln.

Heute gehören dem Netzwerk außer ANAD und der AOK Bayern fast alle bayrischen Betriebskrankenkassen, ambulante Fachärzte und Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Ernährungstherapeuten sowie verschiedene Kooperationskliniken in und um München an. Ständig kommen neue Partner hinzu.

Das Therapienetz betreut Betroffene bis zu zwei Jahre lang ohne jede Kosten. Am Anfang stehen maximal fünf Beratungsgespräche in einer Clearingstelle. Hier wird geklärt, ob eine Essstörung vorliegt, wenn ja, wie schwerwiegend diese ist, wie den Betroffenen geholfen werden kann und inwieweit sich Betroffene helfen lassen wollen. Ein Fragebogen gewährleistet die Standardisierung und bildet die Grundlage für eine wissenschaftliche Auswertung.

Teilnehmer müssen AOK- oder BKK-Mitglied sein

Voraussetzung für die Teilnahme am Therapienetz Essstörung ist die Mitgliedschaft bei der AOK oder einer bayerischen Betriebskrankenkasse. Nach den Beratungsgesprächen erfolgt eine umfassende leitlinienorientierte Diagnostik. Dabei werden sowohl die Symptomatik der Essstörung als auch komorbid auftretende Symptome (etwa Interaktionsstörungen, Zwänge oder Depressionen) abgeklärt.

Schließlich entscheidet ein Team von Fachleuten, welcher Behandlungsplan für den betreffenden Patienten optimal ist. In Frage kommen beispielsweise eine (teil-)stationäre Therapie bei mittlerem oder schwerem Verlauf oder ein Aufenthalt in den intensivtherapeutischen Wohngruppen von ANAD e.V. mit anschließender ambulanter Therapie. Betroffene können unter den vorgeschlagenen Psychotherapeuten des Therapienetzes auswählen. Sollte in der gewünschten Therapieeinrichtung nicht sofort ein Platz zur Verfügung stehen, vermittelt das Team Überbrückungsangebote. Die Ergebnisse der Integrierten Versorgung werden wissenschaftlich ausgewertet, um die Qualität der Maßnahmen zu sichern.

Eingebunden in die Therapie werden auch die Eltern der meist jugendlichen Patienten. So bietet ANAD Familiengespräche oder spezielle Seminare für Eltern, in denen jene über Essstörungen allgemein und die Wohngruppenangebote des Vereins informiert werden.

Während der sechsmonatigen Therapie leben die Patienten zusammen mit Gleichaltrigen in einer Wohngemeinschaft in München, wo sie rund um die Uhr von Psychologen, Sozialpädagogen und Ökotrophologen betreut werden.

Therapienetz Essstörung

Das Therapienetz Essstörung ist ein Zusammenschluss von Einrichtungen und niedergelassenen Fachleuten im Bereich Essstörung. Wenn Betroffene nach einem Beratungsgespräch am Therapienetz teilnehmen wollen und bei der AOK oder einer bayerischen BKK versichert sind, erfolgt eine umfassende Diagnostik der Essstörungs-Symptome und Begleiterscheinungen. Danach berät ein Team von Fachleuten, welcher Behandlungsplan optimal ist und organisiert Therapieplätze.

www.anad-pathways.de/de/89/therapienetz-essstoerungen.html

Lesen Sie dazu mehr:
Alle Kandidaten für den Charity-Award 2009 im Überblick

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