Ärzte Zeitung, 24.05.2011

Ein Engel für Menschen, die im Abseits stehen

Kandidat für den Springer Medizin CharityAward 2011: Jenny De La Torre-Stiftung

Ein Engel für Menschen, die im Abseits stehen

Sie hat ein großes Herz für Hilfsbedürftige, die auf der Straße leben und opfert dafür seit Jahren ihre ganze Kraft: Die Ärztin Jenny de la Torre hat mit viel Energie ein Gesundheitszentrum für Obdachlose in Berlin aufgebaut.

Von Pete Smith

Ein Engel für Menschen, die im Abseits stehen

Unermüdlich für Obdachlose im Einsatz: Jenny De la Torre Castro in ihrer Praxis.

© Jenny De la Torre-Stiftung

Seit fast zwei Jahrzehnten widmet Dr. Jenny De la Torre Castro ihr Leben den Menschen auf der Straße. Eine von ihr gegründete und nach ihr benannte Stiftung ist Trägerin des Berliner "Gesundheitszentrums für Obdachlose", in dem Betroffene medizinische Hilfe und menschliche Zuwendung bekommen.

"Wir dürfen die Obdachlosen nicht aufgeben", sagt Jenny De la Torre Castro, "sonst geben wir uns selbst auf." Das ist das Credo der gebürtigen Peruanerin, die als Kind selbst Armut und soziale Ungerechtigkeit erlebt hat. In den 1980er Jahren siedelt sie nach Ostdeutschland über und beginnt in der ehemaligen DDR ein Medizinstudium, das sie mit dem Facharzt für Kinderchirurgie abschließt.

Nach der Wende arbeitet sie in mehreren Kliniken Deutschlands und Österreichs, doch kommt ihr im Krankenhausbetrieb die menschliche Zuwendung zu kurz.

In einem Kellerraum fing alles an

1994 zieht sie aus ihrem Unbehagen die Konsequenz und beginnt auf dem Berliner Ostbahnhof damit, obdachlose Menschen zu behandeln. Ihre Praxis ist in einem Kellerraum untergebracht, wo sie täglich etwa 25 Patienten empfängt. Ihr selbstloses Engagement spricht sich herum, über die Grenzen ihrer Heimatstadt hinaus erwirbt sie sich den Ruf eines "Engels der Obdachlosen".

Jenny De la Torre-Stiftung

Ein Engel für Menschen, die im Abseits stehen

Die Jenny De la Torre-Stiftung wurde 2002 von der in Peru geborenen Obdachlosenärztin Dr. Jenny De la Torre Castro gegründet. Die Stiftung ist Trägerin des 2006 eröffneten "Gesundheitszentrums für Obdachlose" in Berlin.

Hier werden täglich 40 bis 60 Bedürftige betreut. Medizinische Hilfe finden sie in einer Allgemeinarzt-, Augenarzt- und Zahnarztpraxis, zudem erteilen Anwälte, eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin juristische, soziale und psychologische Beratung.

Schließlich stehen für Obdachlose im Gesundheitszentrum auch noch eine Kleiderkammer, eine Suppenküche und Duschmöglichkeiten bereit. Acht festangestellte und 20 ehrenamtliche Mitarbeiter sind im Gesundheitszentrum tätig.

www.delatorre-stiftung.de

Als Jenny De la Torre Castro 2002 den vom Mitteldeutschen Rundfunk und der Zeitschrift "Superillu" verliehenen Medienpreis "Goldene Henne" erhält, kann sie sich den lang gehegten Traum einer eigenen Stiftung für Obdachlose erfüllen.

Mit den vom Ostdeutschen Sparkassen-und Giroverband gestifteten 25 000 Euro Preisgeld und vielen weiteren Spenden hebt sie im Dezember 2002 die Jenny De la Torre-Stiftung aus der Taufe, Trägerin des vier Jahre später eröffneten "Gesundheitszentrums für Obdachlose".

In dem dreistöckigen Haus in der Pflugstraße 12 in Berlin-Mitte kümmern sich acht festangestellte und etwa 20 ehrenamtliche Helfer täglich um 40 bis 60 Bedürftige. Menschen ohne Ausweis und Krankenversicherung, Menschen, die in keiner herkömmlichen Klinik oder Hausarztpraxis Hilfe fänden.

Die medizinische Versorgung der Obdachlosen ist jedoch nur ein Aspekt der umfangreichen Betreuung, denn im Gesundheitszentrum hat man auch die allgemeinen Bedürfnisse der Betroffenen im Blick.

So können sie in den großzügigen Räumlichkeiten beispielsweise duschen, ihre dreckigen Kleider gegen frisch gewaschene tauschen, sie erhalten im Winter Decken oder Schlafsäcke und täglich ein Frühstück sowie eine warme Mahlzeit. Bei den Zuwendungen gehe es nicht um die Verteilung von Almosen, sondern darum, Mitmenschen in besonderen Situationen ihre Würde zurückzugeben, so die Stiftung.

Viele Obdachlose kommen mit Infektionen, Parasitenbefall, Wunden, Schmerzen oder Atemwegserkrankungen ins Berliner Gesundheitszentrum. Über die allgemeinmedizinischen Praxisräume hinaus verfügt das Zentrum über eine Augenarzt- und Zahnarztpraxis.

Neben der medizinischen Betreuung erhalten die Obdachlosen bei Bedarf auch eine rechtliche, soziale oder psychologische Beratung. Einmal in der Woche bietet ein Friseur seine Dienste an. Der ganzheitliche Ansatz verfolgt das Ziel, den Betroffenen verloren gegangenes Vertrauen wiederzugeben und ihnen dadurch eine Chance auf einen Neubeginn jenseits der Straße zu verschaffen.

Weitere Projekte werden vorbereitet

"Wir können nur eine gerechtere Gesellschaft aufbauen, indem wir sie menschlicher gestalten", sagt Jenny De la Torre Castro. "Das wird nur möglich, wenn wir in diesem Sinne etwas verändern. Kein Paradies, aber eine Welt, in der jeder Mensch das Gefühl hat, ein Mensch zu sein."

Für die Zukunft plant die Stiftung weitere Projekte. In Vorbereitung ist unter anderem ein Nachbarschaftscafé im Gesundheitszentrum, um die Bedürftigen mit den Anwohnern in Kontakt zu bringen.

Darüber hinaus beabsichtigen Jenny De la Torre Castro und ihre Mitstreiter Hausbesuche bei ehemaligen Patienten, die in Unterkünfte vermittelt werden konnten, sowie regelmäßige Klinikbesuche bei Obdachlosen, die vorübergehend stationär betreut werden. Auch diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass das Vertrauen der Obdachlosen gefestigt wird.

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Springer Medizin CharityAward 2011

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Am 20. Oktober 2011 wurde von Springer Medizin zum 3. Mal der CharityAward verliehen.

Mit diesem Preis wird das herausragende Engagement einer Stiftung / Organisation / Institution ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise der Gesundheitsversorgung in Deutschland verpflichtet fühlt.

Damit würdigt die Fachverlagsgruppe die vielen Menschen, die Tag für Tag ehrenamtlich für Patienten, ihre Angehörigen sowie für andere bedürftige Gruppen unverzichtbare Dienste leisten.

Der Preis ist mit einem Springer Medizin-Medienpaket im Wert von 100.000 € dotiert.