Ärzte Zeitung, 01.07.2010

Alte Herrentruppe, Deppen und Party in der Winterkälte

Aus 32 mach Acht: Vor den Viertelfinals am Freitag und Samstag steigt die Spannung. Zeit für eine kurze Bilanz über die WM - wer und was ist Top, was ist Flop?

Alte Herrentruppe, Deppen und Party in der Winterkälte

Fußball-Gott, Clown oder ein normaler Trainer? Diego Armando Maradona begeistert das Publikum.

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TOPS:

Südamerika: Vier Mannschaften im Viertelfinale. Das gab es für Südamerika noch nie. Das neue Powerhaus der Fußball-Welt. Brasilien und Argentinien drücken dem Turnier den Stempel auf, haben aber auf dem eigenen Kontinent durch Paraguay, Uruguay und Chile Konkurrenz bekommen. Die WM 2014 in Brasilien wird noch mehr Rückenwind geben.

Müller: Vor einem Jahr kannte den Jungen aus Weilheim in Oberbayern noch niemand. Heute kennt ihn die ganze Fußball-Welt. Während Superstars wie Rooney und Ronaldo betröppelt heimfahren, eifert der 20-Jährige seinem berühmten Namensvetter Gerd Müller nach. Drei WM- Tore hat er schon, noch mehr Treffer wären bombig.

Fans: Die Stadien mögen nicht ausverkauft sein, aber trotz Regens und Kälte machen die Fans Party. Die Stimmung in den Arenen ist ausgelassen und friedlich. Südafrikaner kennen ohnehin keine Fan-Randale. Nun staunen sie über kostümierte Besucher aus aller Welt. Karneval am Kap: Genau so soll es sein.

Jugend Forsch: Bloß keine alten Eisen! Die Rentner-Teams aus Frankreich und Italien sind schon lange zu Hause. Auch England setzte nicht auf frische Kräfte und wurde bestraft. Deutschland und Ghana hingegen, die Teams mit den meisten U-23-Akteuren, mischen am Kap weiter mit. FIFA-Chef Blatter (74) ist begeistert.

Rasen: Er wird gehegt und gepflegt und macht einen guten Eindruck. Der WM-Rasen galt als Sorgenkind. Beim Confed-Cup 2009 sahen die Spielflächen schon beim Anpfiff aus wie der Center Court in Wimbledon am Final-Wochenende. Diesmal ist alles im grünen Bereich. Platzsperren für's Abschlusstraining können hingenommen werden.

Südafrika: Was hatte die Fußball-Welt für eine Angst. Gewalt und Verbrechen fürchtete sie beim wichtigsten Turnier. Vom erwarteten Organisationschaos mal ganz abgesehen. Bislang blieb jedes Schreckensszenario aus - zum Glück. Südafrikas Menschen heißen die Welt freundlich, neugierig und unaufgeregt willkommen.

Alte Herrentruppe, Deppen und Party in der Winterkälte

Krach ohne Ende: Die Vuvuzelas bereichern das Straßenbild, nerven und verbreiten gar Grippeviren.

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Mein lieber Scholli: 2001 gewann er mit dem FC Bayern die Champions League. Jetzt setzt die ARD voll auf Mehmet Scholl als Nachfolger des ausscheidenden Experten Günter Netzer. Sein fundiertes Fachwissen und seine angenehme, weil nicht auf Effekt zielende Sprache machen Scholl zu einem Hoffnungsträger bei den Fußball-Plauderstunden im Fernsehen.

Diego: Göttlich war er als Fußballer. Peinlich im Leben danach. Doch bei der WM ist Diego Armando Maradona wieder eine Lichtgestalt. Mit ergrautem Bart und grauem Anzug hüpft er an der Seitenlinie wie Rumpelstilzchen ums Feuer. Bei Toren ist keiner vor seinen Umarmungen sicher. Fans und auch die eigenen Spieler lieben ihn. Eine echte Type des Turniers.

Fan-Meilen: Da staunten die südafrikanischen TV-Experten nicht schlecht, als die Bilder von den Fan-Meilen in Germany eingespielt wurden. Proppevoll, friedlich und ausgelassen. Das Massen-Event elektrisiert wieder die Nation und wie vor vier Jahren feiern die Deutschen ihren Fußball - und auch ein bisschen sich selbst.

FLOPS:

FIFA: In Südafrika gibt der Fußball-Weltverband, der durch seinen Präsidenten Joseph Blatter am liebsten den Weltfrieden propagiert, kein gutes Bild ab. Jede Verantwortung für Probleme wird abgeschoben, an Polizei oder nationales OK. "No comment", ist die Standard-Vokabel.

Schiedsrichter: Die Pfeifenmänner sind die Deppen des Turniers. Von der nostalgischen FIFA aller nötigen technischen Hilfsmittel beraubt, müssen sie sekundenschnell mit ihrer Augenkraft entscheiden, was die Fußball-Welt in Super-Slomo und 3-D sehen darf. Und reden dürfen sie über ihr Dilemma auch nicht. Was für arme Gestalten in Schwarz.

Frankreich: Les Miserables. Die WM war für die "Grande Nation" ein riesiges Desaster. Sportlich nicht konkurrenzfähig, total zerstritten und in der Außenwirkung beschämend. Jetzt kümmert sich die Politik und macht alles nur noch schlimmer. Wäre die FIFA konsequent, müsste sie die Pariser Ränkespiele stoppen.

Alte Herrentruppe, Deppen und Party in der Winterkälte

Das Turnier ist aus - Die Franzosen durften deutlich eher heimfahren, als ihnen lieb war.

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Italien: Mamma Mia. Schlechter hätte es für Bella Italia nicht laufen können. Dabei war man doch vom Confed-Cup gewarnt. Ein Fußball-Zwerg wie Neuseeland durfte die alten Männer des Weltmeisters vorführen.

Vuvuzelas: Kulturelle Akzeptanz hin oder her. Vuvuzelas mögen zu Südafrikas Fußball gehören, aber das Getröte geht auch den größten Gutmenschen auf den Geist. Und schlimmer noch: Alle Vielfalt wird im akustischen Einheitsbrei vernichtet.

Polizei: Grüne Jungs in blauen Uniformen. Nach dem Ordnerstreik mussten Absolventen der Polizei-Grundschule den Sicherheitsdienst in den Stadien übernehmen. Freundlich sind sie, aber effektiv? Ein Schwätzchen am Security-Check ist immer drin. Wirklich kontrollieren tut aber niemand.

Leere Sitze: 97 Prozent aller Karten verkauft. Ticket-Umsätze höher als in 2006 in Deutschland. Die Jubel-Meldungen der FIFA waren beachtlich. Die Realität ist eine andere. Viele Plätze in den Stadien sind leer, weil Karten einfach an Behörden und Verbände verkauft worden, und nicht bei den Fans landeten. Schade.

W. Rooney: Im TV-Spot adelt ihn die Queen. Bei der WM war Rooney ein Ritter der traurigen Gestalt. Der bullige Stürmer wurde zum Sinnbild der durch die englischen Medien angeheizten Selbstüberschätzung.

C. Ronaldo: Nicht nur die Mädchen auf Madeira weinen. Ihr schöner Cristiano ist bei der WM glanzlos ausgeschieden. Und er entpuppte sich auch noch als spuckender Rüpel. Ein schwacher Trost: Das für viele schönste WM-Trikot trug der Beau aus Madeira. (dpa)

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