Ärzte Zeitung, 23.03.2011

Französische Ärzte sehen keine Gefahr in alten Atomkraftwerken

Eines der ältesten französischen Atomkraftwerke steht an der Grenze zu Deutschland. Es entzweit die Gemüter. Während die französischen Ärzte aus dem Ort die "Sicherheitheit für seriös" halten, gehen ihre Kollegen in der deutschen und schweizer Nachbarschaft auf die Barrikaden.

Französische Ärzte sehen keine Gefahr in alten Atomkraftwerken

Das AKW Fessenheim im Elsass, nahe der deutschen Grenze: Das Volk hierzulande probt den Aufstand, die Franzosen lassen alte Meiler hingegen kalt.

© dpa

FESSENHEIM (DDB). Seit mehr als 30 Jahren verunsichert das direkt am Rhein gelegene Kernkraftwerk im elsässischen Fessenheim Atomgegner. Während sich viele deutsche und schweizerische Ärzte gegen das älteste Atomkraftwerk in Frankreich wehren, sind möglichen Gefahren durch das AKW für die französischen Kollegen überhaupt kein Thema.

Das Leben im Dorf Fessenheim, in dem 2000 Einwohner wohnen, geht trotz der Ereignisse in Japan seinen üblichen Gang. Die vier Ärzte in der örtlichen Gemeinschaftspraxis versichern, dass weder sie noch ihre Patienten seit dem Unglück in Fukushima ängstlicher als früher sind.

"Auch wenn wir wissen, dass so etwas immer passieren kann, halten wir alle Sicherheitsregelungen für seriös", so Dr. Jean-Louis Kress, der seit 1982 Patienten in Fessenheim betreut.

Für die örtliche Wirtschaft ist das AKW sehr wichtig - und stärkt so das Vertrauen der Bevölkerung: Jeder zweite Einwohner lebt vom AKW, darunter auch der Ehemann einer Ärztin in der Praxis.

Der Elektrizitätserzeuger EDF zeigt sich oft großzügig dem Dorf gegenüber, spendet Geld für Verschönerungen und Ausbauten. "Vor 1977 lebten die Leute hier im Mittelalter, seitdem sind wir im 22. Jahrhundert", erklärt Kress. Er würde eine Schließung des Atomkraftwerkes für einen Fehler halten.

Eine ähnliche Situation beobachtet auch Dr. Marcel Ruetsch, der im sechs Kilometer entfernten Dessenheim tätig ist. Mit seinen Patienten habe er seit dem 11. März nicht einmal über das Kraftwerk gesprochen. Denn auch hier ist man sich sicher, dass nie etwas in Fessenheim passieren kann, sagt Ruetsch.

Fast alle Atomgegner seien Deutsche, so Kress. Er versteht die "starke Politisierung" seiner Kollegen jenseits des Rheins nur schwer. Für viele deutsche Ärzte ist aber die französische Gelassenheit unverständlich.

Der in Ehrenkirchen bei Bad Krozingen niedergelassene Psychotherapeut Dr. Ludwig Brüggemann zählt zu den 150 Mitgliedern der IPPNW in Südbaden und kämpft seit Jahren für die Schließung Fessenheims.

Er fühlt sich von seinen Patienten unterstützt und prophezeit, dass eine ähnliche Katastrophe wie in Fukushima hier passieren könnte, wenn ein Erdbeben das obere Rheintal erschütterte, wie es bei Basel im Jahr 1356 der Fall war.

Zwar hat er auch Kontakt mit französischen Atomgegnern, doch französische und deutsche Ärzte haben sich bisher nicht getroffen. Die Grenze, die der Rhein darstellt, verläuft weiterhin vor allem in den Köpfen.

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