Ärzte Zeitung App, 23.09.2014

Fukushima-Opfer

Experten fordern Fokus auf Individuen

Japanische und internationale Experten haben Handlungsempfehlungen für den weiteren Wiederaufbau der Katastrophenregion rund um Fukushima erstellt. Sie plädieren vor allem für individuelle Ansätze bei der Betreuung der Opfer.

Von Matthias Wallenfels

Experten fordern Fokus auf Individuen

Ein Rückkehrer entsorgt radioaktiv belastetes Material aus seinem Haus in Namie in der Präfektur Fukushima.

© EPA/Franck Robichon/dpa

FUKUSHIMA / TOKIO. Die Zahl der Heilberufler, die Opfer im Nachgang zu der Naturkatastrophe vom 11. März 2011 mit einem Megabeben der Stärke 9,0 und anschließendem Tsunami im Nordosten Japans einschließlich der Havarie des Atommeilers Fukushima Daiichi betreuen, sollte dringend erhöht werden.

Denn nur so könnte das psychologische Wohlbefinden sowie die Resilienz der Opfer in der Region gestärkt werden.

Dies ist eine von insgesamt sechs konkreten Empfehlungen an den japanischen Premierminister Shinzo Abe, die Experten kürzlich in Fukushima auf dem von der unabhängigen Stiftung Nippon Foundation veranstalteten Symposium unter dem Titel "Beyond Radiation and Health Risk - Towards Resilience and Recovery" gefasst haben.

Im Fokus hätten dabei die Auswirkungen der Atomhavarie von Fukushima Daiichi auf die Gesundheit der lokalen Bevölkerung sowie der Wiederaufbau im Katastrophengebiet gestanden.

Nach Angaben der Stiftung habe deren Präsident Yohei Sasakawa zusammen mit Symposiumsteilnehmern Abe die Liste der Empfehlungen in dessen offiziellen Residenz in Tokio überreicht.

Ruf nach flexiblen Sschutzkriterien

Die Empfehlungen schließen die Einführung von flexiblen, individuellen, lokalen Strahlenschutzkriterien ein. Konkret verbindet sich damit die Forderung, nicht mehr ganze Gebiete anhand einer Referenzmessung der Strahlenbelastung oder theoretisch berechneten Dosen zu klassifizieren, sondern den Fokus auf die individuelle Messung von Bewohnern belasteter Gebiete zu legen.

So könnten auf lokaler Ebene auch opferindividuelle, effektivere Maßnahmen im Umgang mit der jeweiligen Strahlenbelastung vor Ort getroffen werden.

Die Grundprämisse des Symposiums sei laut Nippon Foundation gewesen, dass in dem betroffenen Gebiet bisher keine direkten Gesundheitsauswirkungen durch Strahlung erkennbar seien, wie aus dem Fukushima Health Management Survey der Fukushima Medical University hervorgehe.

Neben der Fukushima Medical University seien unter den Symposiumsteilnehmern auch Vertreter internationaler Organisationen vor Ort gewesen, darunter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), des United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sowie der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP).

Die Experten seien sich jedoch stets der Tatsache bewusst gewesen, dass sich die lokale Bevölkerung unvermindert große Sorgen über die Strahlung mache und dass aufgrund des langen Evakuierungszeitraumes einige sekundäre gesundheitliche und mentale Effekte aufträten, wie zum Beispiel Adipositas und Depressionen.

Die Entscheidung der Menschen respektieren

Laut Nippon Foundation stand das Symposium explizit unter der Prämisse, die Resilienz speziell der Region Fukushima und deren Bewohner zu forcieren.

"Mithilfe wissenschaftlicher Diskussionen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten über den derzeitigen Zustand von Fukushima hoffen wir, Maßnahmen zu identifizieren, welche die Widerstandsfähigkeit und die Wiederherstellung von Fukushima stärken", hob Präsident Sasakawa in seiner Eröffnungsrede hervor.

In ihren Handlungsempfehlungen raten die Experten, die Entscheidung der Menschen in den nach der Katastrophe eingerichteten Notunterkünften, ob sie in ihre Heimat zurückkehren wollen oder sich an einem dritten Ort ein neues Lebensumfeld aufbauen wollen, unbedingt zu respektieren.

Sie appellieren, die betroffenen Katastrophenopfer auf dem Entscheidungsweg aktiv zu begleiten und sie mit den nötigen Informationen zu versorgen.

Hintergrund der Forderung ist, dass noch immer viele der aus Kommunen innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Fukushima evakuierten Bewohner in Notunterkünften leben - eine für japanische Verhältnisse ungewohnte soziale Situation, die bis hin zur teilweisen gesellschaftlichen Stigmatisierung der betroffenen Menschen führte.

Adäquate Infrastruktur notwendig

Um überhaupt den Menschen in Notunterkünften den Weg zurück in ihre Heimat zu ebnen, ist es nach Einschätzung der Experten wichtig, den lokalen Arbeitsmarkt zu stärken und für eine adäquate sichere Infrastruktur inklusive Bildungseinrichtungen und medizinischer Versorgung zu sorgen.

Die Katastrophenregion musste einen massiven Arbeitsplatzabbau hinnehmen, da viele Firmen ihre zerstörten Produktionsbetriebe aus Furcht vor zukünftigen Katastrophen ähnlichen Ausmaßes in anderen, sichereren japanischen Regionen oder im Ausland wiederaufgebaut haben.

Somit ist die Region noch stärker als zuvor von der Fischerei und dem Tourismus abhängig, wobei beide Branchen durch die Diskussion um die radioaktive Belastung zu Wasser und zu Lande einen beträchtlichen Imageschaden wegstecken mussten.

[23.09.2014, 12:04:20]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Die erste Maßnahme zur Verbesserung der "Resilienz" Betroffener wäre das Eingeständnis
der maßlosen Übertreibung der "Atomstrahlungsgefahr".
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