Ärzte Zeitung, 11.03.2015

Vier Jahre nach der Katastrophe

Verlorene Heimat Fukushima

Auch vier Jahre nach der Atomkatastrophe sind noch immer knapp 120.000 Menschen aus der Sperrzone rund um das havarierte Kraftwerk Fukushima Daiichi zwangsevakuiert - vielleicht für immer. Noch mehr als ihr Körper an der Strahlung leidet ihre Psyche.

Von Sonja Blaschke

Verlorene Heimat Fukushima

Auf dem Gelände des am 11. März 2011 nach Megabeben und Tsunami havarierten Atomkraftwerkes Fukushima Daiichi in Nordostjapan kämpft der Betreiber Tokyo Electric Power Company noch immer mit Lecks und hoch radioaktiv belastetem Regenwasser, das teils auch in den Pazifik geflossen ist.

© picture alliance/Kyodo

AIZU-WAKAMATSU. "Man sollte den Tokiotern drei Tage lang den Strom abstellen!", schimpft Frau Yamamoto, die ihren vollen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Die 64-Jährige arbeitete 40 Jahre lang als Bürokraft im Atomkraftwerk (AKW) Fukushima Daiichi und lebte nur wenige Kilometer entfernt in der Kleinstadt Okuma.

Dann würden die Tokioter, die jahrzehntelang Strom aus der 250 Kilometer entfernten Präfektur Fukushima bezogen, vielleicht endlich verstehen, was Zwangsevakuierte wie sie in den letzten vier Jahren durchgemacht haben. Der Meiler vor ihrer früheren Haustüre wird von Tokyo Electric Power (TEPCo) betrieben. Der dort erzeugte Strom floss stets nach Tokio.

An diesem Mittwoch jährt sich die Dreifachkatastrophe von Nordostjapan zum vierten Mal. Damals löste ein Erdbeben der Stärke 9,0 bis zu 30 Meter hohe Tsunamiwellen aus, die 400 Kilometer der japanischen Ostküste am Pazifik verwüsteten.

Sie überschwemmten auch das Gelände des AKW Fukushima Daiichi, rissen Arbeiter in den Tod und verursachten Stromausfälle. Das Kühlsystem fiel aus, es kam zur Kernschmelze und zu Wasserstoffexplosionen in drei von vier Reaktoren - und damit dem schlimmsten Atomunfall seit Tschernobyl 1986.

Etwa die Hälfte der Präfektur Fukushima sowie Teile umliegender Präfekturen wurden teils stark verstrahlt.

Im Banne kontaminierten Wassers

Verlorene Heimat Fukushima

In Okuma nahe der Atomruine Fukushima Daiichi entsteht ein Zwischenlager für Atommüll aus der havarierten Anlage.

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Waren es anfangs 3000, sind inzwischen täglich bis zu 7000 Arbeiter in der Atomruine mit dessen Stilllegung beschäftigt. 40 Jahre soll das mindestens dauern, schätzt TEPCo - und Milliarden Euro verschlingen.

Das größte Problem ist die wachsende Menge an kontaminiertem Wasser. An die 400 Tonnen Grund- und Regenwasser fließen täglich in die Keller der Anlage, mischen sich mit verstrahltem Kühlwasser.

Wo früher kleine Wäldchen das AKW vor Blicken abschirmten, stehen nun 1000 riesige Tanks, gefüllt mit über 200.000 Tonnen kontaminierten Wassers. Alle zweieinhalb Tage muss ein neuer, zehn Meter hoher Tank gebaut werden.

Versuche, das Wasser von radioaktiven Partikeln zu befreien, waren von Fehlschlägen begleitet. Auch der Bau einer 1,4 Kilometer langen "Eismauer" rund um das Kraftwerksgelände klappte bisher nicht.

Zur Lösung des Problems legte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) TEPCo nahe, schwach verstrahltes Wasser in den Pazifik zu leiten, wie es in vielen AKW rund um die Welt passiere.

Lokale Fischer sind erzürnt, auch weil TEPCo kürzlich einräumte, ein Leck über Monate hinweg verschwiegen zu haben.

Juan Carlos Lentijo, leitender IAEA-Vertreter, sprach von "signifikanten Fortschritten" bei der Stilllegung des AKW nach einem Besuch vor Ort im Februar. Die erfolgreiche Entnahme verbrauchter Brennstäbe aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 sei ein "Meilenstein". Trotzdem bleibe der Rückbau "sehr komplex".

Zwar ging durch die Dekontaminierung die Strahlung in einigen Teilen des Geländes so zurück, dass Arbeiter weniger oder keine Schutzkleidung mehr benötigen. Das reduziert die Gefahr von Hitzschlägen. In andere Areale können weiter nur Roboter.

Was tun mit den Brennstäben?

Kopfzerbrechen bereitet Experten die Frage nach dem Verbleib und Zustand der Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3. TEPCo setzt nun auf Wissenschaftler des US-amerikanischen Los Alamos National Laboratory, die mittels Myonen-Tomografie herausfinden sollen, wo die geschmolzenen Brennstäbe sind.

Angesichts solcher Schwierigkeiten ist weiter nicht absehbar, wann und ob die Evakuierten wieder in ihrer alten Heimat leben können.

Die Regierung hat drei Zonen eingerichtet: solche, in die eine Rückkehr als "schwierig" gilt, weil dort die jährliche Strahlung über 50 mSv beträgt, solche, die zum Wohnen nicht zugelassen sind (20 bis 50 mSv), und Zonen, die dafür vorbereitet werden, dass der Evakuierungsbefehl aufgehoben wird (bis 20 mSv jährlich).

Zum Vergleich: Normal sind zwischen 2 und 5 mSv pro Jahr. Für Menschen, die beruflich erhöhter Strahlung ausgesetzt sind, wie AKW-, Flug- und medizinisches Personal, ist das Limit bei 400 mSv im gesamten Berufsleben.

Die Dekontaminierungsarbeiten in den betroffenen Dörfern bleiben hinter dem Zeitplan zurück. 119.000 Evakuierte warten weiter auf klare Aussagen der Regierung. Zwei Drittel von ihnen sind in Fukushima geblieben, ein Drittel hat die Präfektur verlassen.

Einige leben noch immer in den in Eile gebauten, hellhörigen und schlecht isolierten Temporär-Unterkünften. Ihre Decken und Bodenbretter beginnen zu schimmeln. Andere konnten in über die öffentliche Hand bereitgestellte, private Wohnungen umziehen.

Bis 2017 sollen, über die ganze Präfektur Fukushima verteilt, 5000 Wohneinheiten speziell für Evakuierte aus der Sperrzone fertig werden. Das Erdgeschoss ist reserviert für ältere und kranke Menschen.

80 Prozent wünschen keine Rückkehr

Der Dekontaminierung zum Trotz kann sich laut einer aktuellen Umfrage nur weniger als ein Fünftel vorstellen, eines Tages wieder in der alten Heimat zu leben. Anreize, wie eine Einmalzahlung von 900.000 Yen (6700 Euro), zu der die Regierung TEPCo angewiesen hat, dürften daran kaum etwas ändern.

Derzeit bekommen Evakuierte 100.000 Yen (750 Euro) pro Monat von TEPCo, vorerst noch für einige Jahre. Die Entschädigung soll ein Jahr, nachdem der Evakuierungsbefehl für den jeweiligen Ort aufgehoben ist, enden.

Es sind vor allem Senioren, die zurück wollen. Sie möchten ihren Lebensabend im gewohnten Umfeld verbringen. Was sie zögern lässt, ist die schlechte medizinische Grundversorgung. In der Sperrzone waren sieben Kliniken.

Derzeit sei völlig unklar, wann und ob sie je wieder funktionstüchtig sein werden, sagt ein Vertreter des Ministeriums für Arbeit auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung".

Fortschritte bei Versorgung

Abgesehen von der Sperrzone ist die medizinische Versorgung in den drei am stärksten von der Dreifachkatastrophe betroffenen Präfekturen - Fukushima, Miyagi und Iwate - fast wieder auf dem Stand von vorher.

Von den 182 Krankenhäusern, deren Betrieb nicht möglich oder eingeschränkt war, sind 172 wieder voll funktionstüchtig. Die verbleibenden zehn - jeweils drei in Iwate und Miyagi und vier in Fukushima - können sich weiter nur eingeschränkt um Patienten kümmern.

Die Zahl der Ärzte in Teil- oder Vollzeit in Fukushima ist leicht unter dem früheren Niveau. Umgekehrt hat in Miyagi und Iwate, die vorher infolge von Abwanderung und Überalterung einen Ärztemangel beklagten, die Zahl der Ärzte leicht zugenommen.

Die Präfektur Fukushima führt mit Universitäten Studien zur inneren Strahlenexposition der Bevölkerung durch. Zwischen Juni 2011 und Januar 2015 wurden 242.974 Menschen untersucht. Bei 242.948 wurde ein Wert von unter 1 mSv gemessen, bei zwei Menschen lag er bei 3 mSv, bei den Verbleibenden dazwischen.

Die Fukushima Medical University testete in einer ersten Untersuchung 370.000 Kinder bis 18 Jahre auf Schilddrüsenkrebs, in einer zweiten 385.000 inklusive Neugeborener. Nach Angaben der Präfektur wurde im ersten Durchgang bei 57 Kindern Krebs bestätigt, bei 24 bestand ein Verdacht.

Im zweiten Durchgang wurde bei vier weiteren Kindern Krebs entdeckt, bei denen vorher nichts festgestellt worden war. Fachärzten zufolge dürfte das wirkliche Ausmaß aber erst zehn Jahre nach dem Desaster erkennbar sein.

Greifbarer sind Erkrankungen, die durch die Katastrophe entstanden, aber nichts mit der Strahlenbelastung zu tun haben. Sehr verbreitet sind psychische Probleme, ein Symptom davon sind Schlafstörungen. "Alle nehmen Schlaftabletten", erläutert Frau Yamamoto.

Kritik an Gesundheitspflegern

Mit "alle" meint sie gut ein Drittel der früheren Bürger von Okuma, die wie sie damals nach Aizu-Wakamatsu in West-Fukushima zogen. Viele kämpfen mit dem Wechsel vom milden Pazifikklima zu harten, schneereichen Wintern.

Sie beklagen den Verlust jahrelang gewachsener Beziehungen, laufen Gefahr, zu vereinsamen.

Vor allem Senioren bewegen sich in den engen Übergangsbehausungen zu wenig, gehen kaum hinaus, ernähren sich schlecht, trinken zu viel Alkohol. Zwar machten Hokenshi (Gesundheitspfleger) die Runden, aber sie kämen nicht zu den über das Stadtgebiet verteilten Privatwohnungen, sagt Yamamoto.

"Sie schauen sowieso nur, ob die Leute noch leben, und nicht, ob es ihnen gut geht." Manche Evakuierte ließen ihren Frust ab, indem sie randalierten und Sachen beschädigten oder mangels anderer Ventile Beamte beleidigten, resümiert ein Rathausmitarbeiter. Manche Kollegen seien dadurch krank geworden.

Verlust des Geschmackssinns

Auch für Frau Yamamoto war die plötzliche Umstellung zu viel. Sie verlor zwei Monate nach der Evakuierung ihren Geschmackssinn. Blumen munterten sie nicht mehr auf. Dabei pflegte sie früher 200 Rosensorten in ihrem Garten, hatte ein Haus - wie 70 Prozent der Okuma-Bürger.

Die aktiv wirkende Frau zog sich zurück. Ein Arzt diagnostizierte eine "Anpassungsstörung", eine Depression. Er verschrieb Antidepressiva. Im Jahr darauf ging es ihr schon viel besser, aber noch heute nimmt sie die Medikamente.

Am meisten habe ihr geholfen, wieder unter Leute zu gehen. Sie schloss sich lokalen Vereinigungen an, gründete einen Treff für Okuma-Bürger. Zweimal im Monat kochen und basteln sie gemeinsam, laden Experten zu Vorträgen ein und sprechen über ihre Sorgen.

Aktuell bedrückt sie der Bau eines Zwischenlagers für radioaktiv belastetes Material in ihrer früheren Heimat. "Das wird ein Endlager", befürchtet Yamamoto. Okuma sei in einem Dilemma: Lange lebte das Städtchen dank TEPCo in Wohlstand.

Dann mussten sie wegen der Havarie des Meilers fliehen. Nun sollen frühere Bewohner aus Okuma Vorrang bei der Vergabe von Arbeitsplätzen im Zwischenlager bekommen …

Yamamoto ist wütend auf TEPCo, fühlt sich hintergangen. "Sie haben immer gesagt, dass das AKW sicher ist." Zwar seien Defizite in der Anlage erkannt, sie seien aber nicht beseitigt worden, erinnert sie sich.

Sie lehnt inzwischen die Atomkraft ab: "Das ist nichts für Menschen".

Zwei Drittel der japanischen Bevölkerung denken ähnlich. Trotzdem steht ein Ausstieg nicht zur Debatte. Stattdessen will der Staat alsbald einen Teil der verbliebenen 48 kommerziellen Reaktoren wieder ans Netz bringen.

Sie sind seit September 2013 außer Betrieb. Die Regulierungsbehörde gab ihre Zustimmung für zwei Anlagen in den Präfekturen Kagoshima und Fukui.

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Fukushima: Salat aus dem Reinraum

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