Ärzte Zeitung, 07.04.2011

Strahlenschützer sehen Atomgefahr verniedlicht

Strahlenschützer sehen Atomgefahr verniedlicht

BERLIN (dpa). Die Gesellschaft für Strahlenschutz sieht Gefahren der Atomkraftnutzung international nicht ausreichend beachtet.

Die verantwortlichen Gremien hätten insbesondere die Opferzahlen und das Ausmaß der genetischen Schäden nach der Tschernobyl-Katastrophe "runterdiskutiert", echauffierte sich der Präsident der Fachgesellschaft, Sebastian Pflugbeil, bei der Eröffnung eines internationalen Tschernobyl-Kongresses in Berlin. Explizit nannte er die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), das Wissenschaftliche UN-Komitee für die Wirkung atomarer Strahlung (UNSCEAR) und die Internationale Kommission für Strahlenschutz (ICRP) in seiner Kritik.

Vom Atomunglück in Fukushima erwartet die Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) verheerendere Folgen als die der Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren. "Ich befürchte, dass in Japan der gesundheitliche Schaden den von Tschernobyl um ein Etliches übertreffen wird", sagte Pflugbeil. Er vermutet, dass aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in Japan bis zu 40 Mal mehr Menschen an den Auswirkungen der Radioaktivität leiden werden.

Kritik vor allem an UN-Organisationen

Die Vereinten Nationen widersprechen dem Kernkraftkritiker hingegen: Die Auswirkungen des Unfalls in Fukushima seien geringer als die nach der Katastrophe von Tschernobyl, sagte der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR), Wolfgang Weiss, am Mittwoch in Wien.

Eine umfassende Einschätzung sei jedoch noch nicht möglich, da die verfügbaren Daten dazu nicht ausreichten. Der Ausschuss will innerhalb der kommenden zwei Jahre die gesundheitlichen Auswirkungen des Unfalls untersuchen.

Auf der dreitägigen Tschernobyl-Konferenz der GfS diskutieren Ärzte und Wissenschaftler, welche gesundheitlichen und ökologischen Schäden durch das Reaktorunglück von Tschernobyl vor 25 Jahren entstanden sind. Am 26. April 1986 war es dort aufgrund von Bedienungsfehlern und Sicherheitsmängeln zu einem schweren Unfall gekommen, in dessen Folge sich eine radioaktive Wolke über weite Teile Europas ausbreitete.

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[09.04.2011, 09:30:38]
Dr. Joachim Malinowski 
Die Wissenschaftler rätseln noch um das Problem....
Wie muss man das nennen, was aktuell bei den Wissenschaftlern der AKW-Lobby abläuft? Verdunkelung, Verniedlichung, Rätselraten, Wunschdenken....
In Fukushima wird gar nichts wieder so wie vorher, es bleibt eine verstrahlte Region. Das hat Hr. Pflugbeil schon genau richtig dargestellt.

Wenn ein fremdes Land sich soviel von Japan einverleiben würde wie es jetzt durch die AKW-Katastrophe aus eigener Dummheit für immer verloren hat, würde Japan einen sofortigen Krieg gegen den Eindringling führen.

An dieser Stelle macht Japan jedoch gar nichts. Und der Großteil der japanischen Bevölkerung scheint der Regierung zu vertrauen, und das war`s dann auch schon.

Jeder halbwegs Gebildete, zumal wissenschaftlich Ausgebildete weiß, dass die Katastrophe in Fukushima noch lange nicht zu Ende ist. Sie hat gerade erst begonnen. Ich "warte" auf den Durchbruch der Kernschmelze durch den Erdmantel (ist das etwa ausgeschlossen?), und dann viel Spaß damit.

Ich kann mich noch ganz genau an die Vedunkelungspolitik bei der Tschernobyl-Katastrophe erinnern. Und nun läuft hier haargenau derselbe Schwachsinn ab.

Dumm geboren, nichts dazu gelernt und doof gestorben!

Ich möchte an dieser Stelle der Ärztezeitung danken, dass sie uns alle so umfangreich informiert und auch die alten Berichte zum Nachlesen zur Verfügung stellt. Ich finde es immer wieder spannend, die Aussagen der verschiedenen Politiker, Wissenschaftler und AKW-Betreiber in der Chronik zu vergleichen. Daraus kann man dann sehr schön die richtigen Schlüsse ziehen.

Das gab es damals bei Tschernobyl noch nicht. Insofern hat die Informationspolitik einen Quantensprung gemacht. Fehlt nur noch der Quantensprung in unseren Gehirnen und die politische Konsequenz daraus.

Ansonsten müssen wir eben noch eine AKW-Katastrophe erleiden, bis wir endlich reagieren.

Ohne Leidensdruck passiert leider gar nicht bei uns Menschen...

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