Ärzte Zeitung, 26.04.2011

Tschernobyl: Die Herausforderung bleibt für Jahrzehnte

Im Kampf gegen die schweren gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatstrophe engagieren sich auch deutsche Ärzte. Eine Normalisierung der Risiken ist nicht absehbar. Die Medizin bleibt auf Jahrzehnte herausgefordert.

Von Helmut Laschet

Die Herausforderung bleibt noch für viele Jahrzehnte

Frühzeitige Diagnostik ist die wichtigste Voraussetzung, Kinder vor Krebserkrankungen retten zu können.

© Rüdiger Lubricht

Für Millionen Menschen sollte sich das Leben nach der Reaktorkatstrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 grundlegend ändern: der weit überwiegende Teil lebt heute mit teils mehreren chronischen Krankheiten und mit der Furcht vor frühzeitigem Tod. Die Generation der Kinder hat ferner ein erhöhtes Risiko für genetische Schäden.

Allein in der Ukraine mit ihren insgesamt 46 Millionen Einwohnern sind mehr als 2200 Städte und Dörfer betroffen, in denen rund 2,4 Millionen Menschen den Status "Betroffene von den Folgen von Tschernobyl" erhalten haben. Darunter 280.000 Liquidatoren und 440.000 Kinder.

Erfolge im Kampf gegen Schilddrüsenkrebs

Noch schlimmer hat sich die Reaktor-Explosion beim nördlichen Nachbarn Weißrussland ausgewirkt. 70 Prozent des radioaktiven Fallouts gingen hier nieder, etwa ein Fünftel der Fläche des Landes ist verstrahlt. 193.000 Personen erhielten am 1. Januar 1996 den Status Liquidator.

In den vom Fallout betroffenen Regionen wohnen heute 1,6 Millionen Menschen, darunter 420.000 Kinder und Jugendliche.

Seit 1990 steigt in beiden Ländern die Inzidenz von Schilddrüsenkrebs, vor allem bei Kindern. Zugleich nahm die Säuglings- und Kindersterblichkeit zu, viele Kinder leiden unter Magen-Darm-Erkrankungen, Bronchialerkrankungen, Herzkrankheiten sowie Diabetes Typ 1.

In den Jahren nach der Reaktorkatastrophe kollabierte die Sowjetunion, Staat und Wirtschaft zerfielen - für die Bevölkerung brach eine Zeit der bitteren Not an. Eine gewisse Ausnahme bildete das selbständig gewordene Weissrussland, das die sowjetische Staatsstruktur weitgehend konserviert hat.

Bei aller Disziplin stehen die weissrussischen Ärzte und das Gesundheitssystem vor einer angesichts mangelnder wirtschaftlicher Ressourcen immensen Herausforderung. Allerdings hat sich im Laufe der Jahre Hilfe aus dem Ausland etabliert und ist zu einer verlässlichen Unterstützung im Kampf gegen die Folgen von Tschernobyl geworden.

So wurde 1992 auf Initiative niedersächsischer Landtagsabgeordneter und der Landesregierung die Stiftung "Kinder von Tschernobyl" gegründet. Von Anfang an hat sich die Landesärztekammer Niedersachsen unter der Führung ihres damaligen Präsidenten Professor Heyo Eckel mit ihrem Know-how an der medizinischen Hilfe beteiligt.

Die Herausforderung bleibt noch für viele Jahrzehnte

Hilfe aus der Europäischen Union ist nötig: Krebsbehandlung in einem weißrussischen Kinderkrankenhaus.

© Rüdiger Lubricht

Ein besonderer Schwerpunkt lag bisher auf der Verbesserung der lebensentscheidenden Früherkennung und Behandlung von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen.

Sorge um junge Frauen mit Mammakarzinom

Das Hilfsprogramm hat mehrere Komponenten: Es basiert darauf, dass Schilddrüsenkrebs, wenn er frühzeitig diagnostiziert wird, effektiv behandelt werden kann. Dazu benötigten die weißrussischen Ärzte zweierlei: eine moderne Ausstattung mit Sonografiegeräten, und zwar nicht nur in der Hauptstadt Minsk.

Ferner diagnostischen Know-how-Transfer. Regelmäßig organisiert die Stiftung daher bis heute Fortbildungen für weissrussische Ärzte durch deutsche Mediziner.

Und zweimal jährlich bereist eine deutsche Ärzte-Delegation weissrussische Städte und ihre Krankenhäuser und entscheidet über die Vergabe von Ultraschallgeräten. Bis 2008 wurden 270 Ultraschallgeräte in den Kliniken von Tschernobyl verteilt. Zeitversetzt hat die Stiftung ein gleiches Programm für die Ukraine gestartet.

Seit einigen Jahren offenbart sich ein neues, ernsthaftes Problem: eine wachsende Zahl von Brustkrebserkrankungen bei jungen Frauen. Für Ärzte eine doppelte Herausforderung: Mammakarzinome sind bei jungen Frauen sehr schwierig zu diagnostizieren und zugleich extrem bösartig.

Aus medizinischer Sicht ist Heyo Eckel gleichwohl vorsichtig optimistisch, den betroffenen weissrussischen Frauen helfen zu können. Ein Programm für den Know how-Transfer steht.

Es fehlt allerdings die Finanzierung. Vorstöße bei der Europäischen Union blieben bislang erfolglos. Die EU steht auf dem Standpunkt, nur in Notfällen helfen zu können - der Kampf gegen den Krebs in Weissrussland und der Ukraine ist aber ein Dauerprogramm.

Die meisten Betroffenen sind schwer krank

Schilddrüsenkrebs im Gebiet Gomel, 13 Jahre vor und nach Tschernobyl
Alter1973 - 1985 1986 - 1998Zunahme
0 - 18 740758fach
19 - 34 402115,3fach
35 - 49 543266fach
50 - 64 633145fach
über 64 561462,6fach
Quelle: "Kinder für Tschernobyl"

Generell ist durch den radioaktiven Fallout nach der Reaktorkatstrophe das Risiko für nahezu alle Krebsarten teils um ein Vielfaches gestiegen. In besonderer Weise sind Kinder dabei von Schilddrüsenkrebs betroffen. Der Grund: In den ersten zehn Tagen nach der Havarie des Reaktors traten massiv erhöhte Werte an Jod-131 auf, besonders hohe Werte im Gebiet von Gomel im Südosten von Belarus.

Dieses Jod-131 wurde vor allem bei Kindern in starkem Ausmaß von der Schilddrüse absorbiert. Der Grund: Belarus, Südrussland und die Ukraine zählen zu den Jodmangel-Regionen. Zudem wurde versäumt, unmittelbar nach der Katastrophe Jod-Tabletten an die Bevölkerung und an die Kinder auszugeben.

Normalerweise ist Schilddrüsenkrebs bei Kindern selten. So waren in Belarus zwischen 1976 und 1986 insgesamt nur sieben Kinder an diesem Krebs erkrankt. 1990 waren es bereits 30mal so viele. Bis 1996 war das Risiko versechzigfacht. Dabei zeigt sich die Aggressivität der Schilddrüsenkarzinome bei Kindern in einer frühen Metastasierung. Schon im ersten Tumorstadium (der Tumorknoten hat dann einen Durchmesser von maximal zehn Millimetern) kommt es in 43 Prozent der Fälle zu Metastasen der regionalen Lymphknoten, in drei Prozent der Fälle zur Metastasierung in anderen Organen.

Grundsätzlich haben fast alle Krebsarten zugenommen. Beispielhaft für die hoch belastete Region Gomel: zwischen 1986 und 2005 stieg die Inzidenz von Hautkrebs um 165 Prozent, die von Dickdarmkrebs um 103 Prozent, die von Nierenkrebs um 206 Prozent und die von Lungenkrebs um 38 Prozent.

Studien aus der Ukraine zeigen, dass die verbleibende Lebenszeit nach der Diagnosestellung im Zeitablauf dramatisch gesunken ist. Konnte ein Kranker mit der Diagnose Lungenkrebs Mitte der 80er Jahre noch etwa 40 Monate im Durchschnitt leben, so reduzierte sich die Zeit bis zum Tod auf zwei Monate im Jahr 1996. Gleiches gilt für Magenkrebs: Die Überlebenszeit sank von 62 auf nur wenig mehr als zwei Monate.

In den ersten zehn Jahren nach der Reaktorkatastrophe ist nur eine Minderheit in der damals betroffenen Bevölkerung noch gesund: Unter den Evakuierten waren 1996 nur noch 18 Prozent gesund, bei den Einwohnern der belasteten Gebiete 20 Prozent und bei den Kindern der Betroffenen nur 30 Prozent.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »