Ärzte Zeitung, 26.12.2014

Schiffsarztbörse

Wer will mit an Bord?

Nichts geht ohne Ärzte auf Passagierschiffen. Ein Berliner Chirurg hat eine spezielle Vermittlungsbörse gegründet, um Mediziner für den Einsatz an Bord zu gewinnen.

Von Dirk Schnack

Wer will mit an Bord?

Traumhafte Umgebung: "Mein Schiff 1" von TUI Cruises im norwegischen Geirangerfjord. Auch der Reisekonzern TUI benötigt Schiffsärzte.

© Hollemann / dpa

LÜBECK. Die expandierende Kreuzfahrtbranche führt zu einem steigenden Bedarf an Schiffsärzten. Die von Privatdozent Christian Ottomann gegründete Schiffsarztbörse in Lübeck vermittelt Ärzte, die auf große Fahrt gehen wollen.

Exotische Ziele hat Chirurg Ottomann im Laufe seiner Fahrten reichlich kennengelernt.

Seit über drei Jahren aber war der reiselustige Mediziner selbst nicht mehr unterwegs - seine Arbeit im Unfallkrankenhaus Berlin und in der von ihm gegründeten und geleiteten Schiffsarztbörse in Lübeck lässt ihm dafür keine Zeit.

Mehr als 100 Ärzte vermittelt

Wer will mit an Bord?

Vermittelt Ärzte an Bord, aber auch für Expeditionen: Privatdozent Dr. Christian Ottomann.

© Schnack

Inzwischen hat seine Börse mehr als 100 Kollegen für die verantwortungsvollen Aufgaben an Bord vermittelt. Sie wurden rund um den Globus eingesetzt, mal auf privaten Luxusjachten, mal im rauen Offshore-Bereich, mal auf Kreuzfahrtschiffen.

Diese Branche hat in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt - und damit ist auch die Nachfrage nach qualifizierten Schiffsärzten gestiegen.

Mit Urlaub hat die Arbeit der Bordärzte auf einem Kreuzfahrtschiff wenig zu tun. Die Einsätze dauern in aller Regel mindestens sechs Wochen, weil die Kapitäne Wert auf Erfahrung legen und eine Vertrauensbasis zum Arzt wünschen.

"Deshalb sollten Schiffsärzte nicht zu häufig wechseln", sagt Ottomann. Und auch fachlich ist die Tätigkeit durchaus anspruchsvoll. In erster Linie ist der Schiffsarzt der Hausarzt für Passagiere und die Besatzung.

Die nächste kollegiale Unterstützung kann er aber erst im nächsten Hafen erwarten.

Und er wird im Extremfall mit Szenarien konfrontiert, die er in einer deutschen Klinik oder Praxis nicht kennenlernt: Der Ausbruch einer Epidemie an Bord etwa und die dann notwendigen Vorkehrungen, damit erstens die Gesundheit aller an Bord befindlichen Menschen bestmöglich geschützt wird und zweitens die Interessen der Reederei gewahrt bleiben.

Macht der Schiffsarzt in solch einem Fall einen Fehler, der das Auslaufen des Schiffes aus dem gerade angesteuerten Hafen verzögert, kann dies für die Reederei erheblichen finanziellen Schaden nach sich ziehen.

Als reizvoll schildert Ottomann die kaum vorhersehbaren Ereignisse einer solchen Reise. Erfahrungen zeigen, dass sich das Schiffsteam an Bord, die Passagiere eher an Land verletzen.

Mit unterschiedlichen Kulturen auseinandersetzen

Der Arzt muss sich aber auch mit den unterschiedlichen Kulturen der Nationen an Bord auseinandersetzen. "Auf einem Schiff befinden sich bis zu 80 unterschiedliche Nationen. Der Schiffsarzt wird mit unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten konfrontiert", sagte Ottomann.

Mangelnde Erfahrung kann dabei weitreichende, manchmal tragische Folgen haben. Ottomann berichtet von einem Kollegen, der überarbeiteten asiatischen Seeleuten einen kurzen Erholungsurlaub verordnete.

"Er wollte Gutes tun. Die Seemänner sahen das anders. Nach ihrer Auslegung hatten sie ihr Gesicht verloren und sprangen deshalb über Bord", erzählt Ottomann.

Damit Ärzte die Tätigkeit an Bord nicht unvorbereitet angehen, bietet die Schiffsarztbörse eine zehntägige Fortbildung während einer Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer an.

Unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Maritime Medizin absolvieren die Teilnehmer während dieser Zeit praktische Übungen an Bord und lernen das Arbeiten auf dem Schiff aus erster Hand kennen.

Dabei wird ein Modulsystem angeboten, aus dem sich die Teilnehmer 100 Lernstunden selbst zusammenstellen können.

Hierzu zählen etwa die Technik und Infrastruktur an Bord, die Risiken und die persönliche Sicherheit des Schiffsarztes, die maritime Medizin auf Großseglern, die Seediensttauglichkeitsuntersuchung, interkulturelle Verhaltensmuster, aber auch die speziellen Anforderungen des Mitveranstalters TUI Cruises.

Denn der hofft während der Fortbildung auf die Rekrutierung weiterer Schiffsärzte für seine Kreuzfahrtschiffe. Das Zertifikat für das Absolvieren des Kompaktkurses (120 Fortbildungspunkte) erhöht nach Ansicht Ottomanns die Chancen für ein Anheuern auf einem Kreuzfahrtschiff.

Kilimandscharo und Antarktis

Der Reiz der schiffsärztlichen Tätigkeit liegt für ihn in der Abwechslung. Weil er Monotonie hasst, realisiert der umtriebige Chirurg inzwischen zwei weitere Projekte: die Landarztbörse und die Expeditionsarztbörse.

Die zweite vermittelt Kollegen für Reisen mit Expeditionscharakter, für die besondere Voraussetzungen erforderlich sind. Als Beispiele nennt Ottomann die Ziele Kilimandscharo (Höhenmedizin), Antarktis (Kälte- und Polarmedizin) und Brasilien (Tropen- und Reisemedizin).

 Für die Landarztbörse steht er in engem Kontakt zu kroatischen Kollegen, die gezielt für eine Tätigkeit auf dem Land vorbereitet werden sollen.

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