Ärzte Zeitung, 13.09.2006

Kranich-Tourismus in Vorpommern

Die ostdeutsche Küste ist im Herbst Ziel von "Kranich-Touristen". Sie kommen, um Tausende Graue Kraniche zu beobachten, die hier einen Zwischenstopp auf ihrem Flug nach Süden einlegen.

Kraniche in der Abendsonne. Abends fliegen die großen Vögel zu ihren Schlafplätzen. Fotos (2): Willenberg

Heute seid ihr aber unpünktlich", scherzt Franz-Dieter Neuhaus. Ungeduldig sucht der Hobby-Ornithologe mit seinem Fernrohr den Horizont ab. Jeden Abend postiert sich der Rentner nahe dem mecklenburgischen Dörfchen Bresewitz. Das Dorf ist ein heißer Tip unter Vogelfreunden. Deshalb ist Neuhaus auch nicht allein.

Plötzlich geht ein Raunen durch die wartenden Menschen. "Sie kommen", ruft ein kleines Mädchen und deutet aufgeregt in Richtung der untergehenden Sonne. Der glutrote Feuerball scheint Tausende von Kranichen auszuspucken, die sich mit lauten Fanfarenstößen der Küste nähern. Zunächst sind sie nur als schwarze Punkte zu erkennen, die sich wie Perlenschnüre aneinanderreihen.

Kurz darauf gleiten sie über die Köpfe der Menschen hinweg, die andächtig verharren. Zwischen dem eindringlichen "Gruh, Gruh" der Altvögel ist das leise Fiepen der Jungen zu hören. Dann setzen die Vögel zum Landeanflug an. Mit ausgestreckten Füßen und angewinkelten Flügeln trudeln sie ihren Ruheplätzen in den seichten Gewässern und auf den Inseln entgegen. Hier sind sie sicher vor Füchsen und Wildschweinen. Fest zu schlafen scheinen die Vögel nicht, auch nachts ist ihr vielstimmiges Gekackel kilometerweit zu hören.

Gemeinsames Trompeten-Konzert: Kraniche sind monogam. Foto: dpa Ein Hobby-Ornithologe verfolgt den Kranichzug mit seiner Kamera.

Die Rügen-Bock-Region, Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft, gilt als die wichtigste mitteleuropäische Drehscheibe des Zuges der Grauen Kraniche. Mehr als 60 000 Tiere legen im Herbst einen Zwischenstopp ein auf ihrem Weg von den Sommerquartieren in Skandinavien, dem Baltikum und Rußland.

Etwa zwölf Wochen lang schlagen sie sich auf den Feldern die Bäuche voll, bevor sie ihren langen Flug gen Süden fortsetzen. An der ostdeutschen Küste hat sich deshalb im Herbst ein regelrechter "Kranich-Tourismus" entwickelt. Wenn die Badegäste heimgekehrt sind, reisen "Ornis", wie die Vogelfreunde liebevoll genannt werden, zu Tausenden aus ganz Europa an.

Kein anderer Vogel hat die Phantasie der Menschen so beflügelt wie diese majestätischen Vögel. In Asien werden sie als Sendboten des Himmels und als Glücksbringer verehrt. In Hiroshima gelten Kraniche aus Papier als Friedenssymbol. Den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern haben die Grauen Kraniche (lateinisch: Grus grus) allemal Glück gebracht. "Der Vogelzug hilft, die Saison zu verlängern", freut sich etwa Claudia Brondke. Ihr gemütliches Gästehaus in Bresewitz liegt in der Einflugschneise der Kraniche. "Viele Touristen kommen nur deshalb, manche sogar jedes Jahr." Ein Segen für die Region, in der im Winter etwa die Hälfte der Bewohner arbeitslos sind.

Manche Besucher stehen bereits ganz früh auf und pirschen sich in der Dämmerung in die Nähe der ruhenden Kraniche. Das frühe Aufstehen belohnt die Vogelfans mit einem eindrucksvollen Naturspektakel: Noch bevor die Sonne aufgeht, brechen die Vögel wie auf ein Signal hin gleichzeitig auf zu ihren Freßplätzen.

Das Schlagen Tausender von Flügeln erinnert an den Lärm eines rasenden Schnellzuges. Bis zu 25 Kilometer weit fliegen die Kraniche in das Hinterland und fallen in Scharen über die Felder her. Ihr lautes Trompeten mischt sich mit dem Geschnatter Zehntausender Wildgänse, die hier gleichfalls Rast machen. Bis zu 300 Gramm verputzt ein bis zu 1,30 Meter großer Kranich am Tag, um sich ein Fettpolster anzufressen - Treibstoff für den Flug in den Süden.

Wenn sich im November der Winter mit ersten Nachtfrösten ankündigt, brechen die Tiere auf nach Südeuropa und Nordafrika. Den langen Hals weit nach vorne gereckt und mit waagrecht nach hinten weisenden Beinen erreichen sie bis zu 80 Kilometer die Stunde. 2000 Kilometer nonstop können Kraniche mit ihrem langsamen, kräftigen Flügelschlag zurücklegen. Bei ihrem Langstreckenflug nutzen sie Thermik und Winde, um Kraft zu sparen. Sie schließen sich zu großen Geschwadern zusammen und schreiben mit ihren Körpern ein riesiges V an das Firmament.

Sicher geleiten die Altvögel ihre Jungen ans Ziel, mit lauten Rufen verständigen sie sich untereinander. Den anstrengendsten Job hat der Vogel an der Spitze. Meistens ist es ein starkes und erfahrenes Männchen, das nach getaner Führungsarbeit abgelöst wird und sich wie ein Radprofi in den Windschatten der anderen zurückfallen läßt. Um Kurs zu halten, orientieren sie sich am Stand von Sonne und Planeten. Das Magnetfeld der Erde dient gleichsam als Kompaßnadel, eine innere Uhr zeigt ihnen die Tages- und Jahreszeit an.

Nach ihrer anstrengenden Reise verbringen die meisten europäischen Kraniche den Winter in der spanischen Extremadura. Ende Februar zieht es die Tiere wieder gen Norden, wo sie brüten und ihre Jungen aufziehen. Bei der Rückkehr aus dem Süden legen die Kraniche aber nur eine kurze Rast an der Ostseeküste ein.

Sie fliegen dann weiter nach Nordeuropa. Dort landen sie an einem kleinen Waldmoor oder auf einer freien Sumpffläche, die schon im Jahr zuvor als Brutplatz dienten. Wenn der Frühling naht, beginnen die Kraniche zu tanzen. Ihr mächtigen Schwingen ausgebreitet, springen sie in die Höhe, laufen umher und werfen Steine oder Stöckchen in die Luft. Ein Ritual, mit dem sich die Paare ihre lebenslange Verbundenheit versichern.

Ulrich Willenberg

Reisetips

Die Grauen Kraniche rasten von Mitte September bis Anfang November an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten Vögel sind im Oktober zu beobachten.

Die besten Standorte, um die Kraniche zu beobachten, sind:

Halbinsel Zingst: Ufer gegenüber der Insel Kirr oder in Pramort; Brücke zur Halbinsel Darß/Zingst
Südliche Boddenküste: bei Bresewitz (am Ende der Landzunge mit Blick auf die Insel Oie); hahe der Orte Bisdorf, Kinnbackenhagen, Barhöft und Zarrenzin (Blick auf die Insel Bock)
Insel Rügen: bei den Ortschaften Streu und Tankow
Übernachtung:

Das Hotel Martens in Bresewitz bietet Pauschalangebote während des Kranichzuges im Herbst. Das Gästehaus liegt direkt in der Einflugschneise der Vögel.

Hotel Martens
Dorfstraße 27/28
18356 Bresewitz
Telefon: 03 82 31 / 34 34

Spezial-Veranstalter:

Natur und Kultur Wanderstudienreisen
Blütenweg 32
89155 Ringingen
Telefon: 073 44 / 92 12 22
E-Mail: natur-und-kultur@t-online.de
travel-to-nature
Franz-Heß-Straße 2
79282 Ballrechten
Telefon: 076 34 / 50 55-0
E-Mail: info@traveltonature.de
Internet: www.birdingtours.de

Informationen:

Kur- und Tourismusbetrieb
Ostseebad Zingst
Telefon: 03 82 32 / 81 50
Im Kranich Informationszentrum in Groß Mohrdorf informiert eine ganzjährig geöffnete Dauerausstellung über das Leben der Vögel und gute Beobachtungsplätze.

Telefon: 03 83 23 / 805 40. 

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