Ärzte Zeitung, 16.07.2011

Kapstadt

Auf den Spuren eines faszinierenden Arztes

Die Notaufnahme, in die die erste Herzspenderin der Welt nach ihrem tödlichen Unfall eingeliefert wurde, ist heute Eingang eines Museums in Kapstadt, das Christiaan Barnard gewidmet ist.

Von Nicole Nelißen

Auf den Spuren eines faszinierenden Arztes

Weiter Blick auf Kapstadt. Wer in die Stadt reist, darf auf keinen Fall einen Besuch des Herzmuseums versäumen.

© Friedrich Stark / imago

"Es war der einsamste Moment in meinem Leben, als ich in den Brustkorb ohne Herz blickte", erinnert sich Christiaan Barnard in einer Dokumentation an seine Pioniertat von 1967. Soeben hatte der damals 45-jährige Chirurg das Herz einer hirntoten Frau entnommen und seinem Patienten verpflanzt.

Es war weltweit ein Eingriff von beispielloser Tragweite. Zum ersten Mal gelang Barnard und seinem Team in Kapstadts Groote Schuur-Hospital eine Herztransplantation.

Über vier Jahrzehnte später: Die Uhr im Operationssaal steht beharrlich auf zwei Minuten vor sechs Uhr. Genau um diese Zeit war damals, am 3. Dezember 1967, nach fünf Stunden eine Operation beendet worden, die Medizingeschichte schrieb.

Barnard war auch ein Lebemann

Kurator Hennie Joubert hat über viele Jahre hinweg das medizinische Wunder mit penibler Genauigkeit rekonstruiert und die Geschehnisse im Herzmuseum in Kapstadt zusammen getragen. Es ist alles da: Das Tierlabor, in dem Christiaan Barnard Transplantationen an Hunden perfektionierte.

Filmaufnahmen und Fotos der ersten einhundert Herzrezipienten und des weltberühmten Herzchirurgen, der auch ein Lebemann war, mit Grace Kelly oder Indira Ghandi. Die Notaufnahme, in die die erste Herzspenderin nach ihrem tödlichen Unfall eingeliefert wurde, ist der heutige Museumseingang.

Aber es ist noch viel mehr, was Kurator und Museumsleiter Joubert akribisch ermittelt hat. Er brachte beteiligte OP-Schwestern zusammen, um die medizinischen Instrumente und die Szenerie exakt so nachzustellen, wie sie in besagter Nacht ausgesehen hat.

Viele der damals benutzten Instrumente sind jetzt wieder im Original-Operationssaal im alten Hauptgebäude zu sehen. Staatskrankenhäuser pflegen nicht mehr gebrauchtes Material zu behalten und in Kellern zu verstauen.

"Der ursprüngliche Boden wurde wieder frei geschabt, die grünen Kacheln mussten neu gebrannt werden, da keine mehr in der ursprünglichen Farbe hergestellt werden", so Joubert. So stehen in dem OP und dem angrenzenden Raum, in dem der Organspender aufgebahrt wurde, noch alte amerikanische Herzlungenmaschinen und ein in München hergestellter Elektrokardiograph.

Einige der Augenzeugen wie frühere OP-Schwestern konnte er gewinnen, heute Besucher durch das Museum zu führen.

Barnard hatte mit seiner Op an einem Tabu gerüttelt: Seit jeher galt das pulsierende Organ in der Brust als Sitz der Seele. Nie zuvor hatte jemand gewagt, dieses zum menschlichen Gefühlszentrum verklärte Organ zu verpflanzen. "Wäre es schief gegangen, hätte Barnard im Gefängnis landen können."

Nach dem Tod der Spenderin Denise XXX , um 5.55 Uhr am 3. Dezember 1967, begann ihr Herz wieder zu schlagen, diesmal in der Brust eines anderen. Louis Washkansky überlebte 18 Tage, dann starb er an einer Lungenentzündung. Noch heute sind beide Herzen in Säure konserviert im Museum zu sehen.

Auf den Spuren eines faszinierenden Arztes

OP-Saal von einst, für Museumsbesucher nachgebaut.

© Nelißen

Barnards Ruhm hat der Tod des Patienten nicht geschadet, er wurde als Medizinpionier über Nacht weltberühmt, schrieb international Schlagzeilen, verkehrte mit Stars und wurde selbst einer. Doch wie kein anderer löste er mit der Übertragung eine energisch geführte ethische Debatte aus.

Bei einer Audienz in Rom soll ihm der Papst gesagt haben: "Ich kann nicht sagen, was richtig oder falsch ist, ich kann nur für Sie beten."

Barnards Medizinkollegen neideten ihm nicht nur seinen Ruhm. Sie warfen ihm auch vor, im Wettlauf um den Erfolg übereilt gehandelt zu haben. Denn weltweit standen viele Ärzteteams vor ähnlichen Eingriffen.

Drei Tage nach Barnards Operation etwa übertrugen Ärzte um Norman Shumway in New York einem Säugling ein Spenderorgan - das Baby starb aber nach wenigen Stunden. Barnard kam seinem US-Kollegen, dessen innovative Gefäßnahttechnik er sich abgeschaut hatte, also nur um kurze Zeit zuvor. Aber er war auch besser: Fast alle seine Patienten lebten länger, als die Herztransplantierten, die in den ersten Jahren nach seinem Eingriff anderswo operiert wurden.

Weißer Herz-Empfänger, farbiger Spender

Im Januar 1968 gelang dem 45-jährigen Chirurgen eine weitere Sensation: Dem weißen Zahnarzt Philip Blaiberg wurde im strikt auf Rassentrennung bedachten Südafrika das Herz eines farbigen Arbeiters eingesetzt. Doch da die ganze Welt voller Spannung auf Südafrika blickte, hielt sich die Regierung mit Kritik zurück, die dem ramponierten Image des Landes nur geschadet hätte.

So avancierte Blaiberg zu Barnards "Vorzeigepatient", von dem die Weltöffentlichkeit bis ins kleinste Detail erfuhr, wie sich ein Mensch mit fremdem schwarzen Herzen rasierte oder duschte. Blaiberg lebte 18 Monate mit dem Spenderorgan.

Dennoch erhielten bis Oktober 1968 weltweit 66 Patienten ein fremdes Herz - viele von ihnen überlebten nur Tage oder Wochen. Der erste Deutsche, dem im Februar 1969 ein Spenderorgan in die Brust genäht wurde, starb am selben Tag. Anfang der Siebziger Jahre standen Herztransplantationen wegen der häufigen Abstoßungsreaktionen vor dem Aus.

Museums-Kurator Joubert knipst das Licht an, die Besucher sind noch in den Abspann der Barnard-Dokumentation versunken. Lachen sei Herzmassage, klingen die Worte des weltberühmten Chirurgen nach: "Ein Leben ist ausreichend, wenn es denn intensiv genug gelebt wurde." Nachdenkliche Worte, die dem Museumsbesuch eine fast spirituelle Komponente verleihen.

Herzmuseum Kapstadt, Groote Schuur Hospital, Main Road, Observatory, www.heartofcapetown.co.za

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