Ärzte Zeitung, 17.12.2011

Der Mississippi-Blues und seine berühmten Söhne

Sie spielten für ein paar Cent Trinkgeld, machten Menschen Hoffnung, die zur Knochenarbeit auf den Baumwollplantagen gezwungen wurden - die Söhne des Blues haben im Mississippi-Delta viele Spuren hinterlassen.

Von Christoph Fuhr

Der Mississippi-Blues und seine berühmten Söhne

Auf den Spuren des Bluesgiganten Robert Johnson: Die Straßenecke in Greenwood (l.), wo er starb , sein Grab (r.), mit Gitarre auf einem Museumsfoto (Mitte, links).

© Streitbörger/memphis & Mississippi / Fuhr

Er konnte seine Finger nicht von einer verheirateten Frau lassen. Genau das wurde ihm zum Verhängnis: Robert Johnson (1911-1938), ein begnadeter Bluesmusiker, trank nichtsahnend vergifteten Wiskey, den ihm ein gehörnter Ehemannn eingeschenkt hatte. Er starb viel zu jung.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde das große Talent dieses Blues-Genies erkannt. Die Rolling Stones ließen sich von ihm inspirieren. Und Megastar Eric Clapton setzte noch einen drauf: "Johnson war der wichtigste Bluessänger aller Zeiten."

Der Mississippi-Blues und seine berühmten Söhne

Das Sun Studio in Memphis. Hier haben Elvis und andere Superstars Songs produziert, die sich millionenfach verkauften.

© Streitbörger/memphis & Mississippi

Wir sind unterwegs auf dem Blues Trail im Mississippi Delta, einer Gegend im Nordwesten des ärmsten Bundesstaats der USA, südlich von Memphis. Hier, in Mississippi, wurde der Blues geboren, und der Trail führt schnurstracks zu den Pilgerstätten dieser Musik.

Er streift Geburts- und Lebensorte großer Musiker, Bars, in denen sie auftraten, Friedhöfe, wo sie begraben liegen. Viele der begnadeten Gitarristen von einst sind tot, ihre Songs aber haben überlebt: "I've still got the blues for you", sang vor Jahren Gary Moore, musikalisch ein Enkel der Blues-Pioniere. Auch er starb jung.

Wer auf dem Blues Trail unterwegs ist, der lernt, dass die frühen Stars der Szene alles andere als Kinder von Traurigkeit waren. Gitarre spielen, saufen, Frauen anbaggern - so sah oft ihr Alltag aus. Die Männer spielten für ein paar Cent Trinkgeld an Straßenecken oder in Lokalen.

Sie genossen das pralle Leben. Ihr Geschäft lief gut, wenn die Plantagenarbeiter den trostlosen Alltag auf den Baumwollfeldern an Wochenenden vergessen wollten und es richtig krachen ließen.

"Dort drüben an der Ecke hat Johnson noch kurz vor seinem Tod gestanden und Songs gespielt", sagt Sylvester Hoover. Er betreibt einen kleinen Gemischtwarenladen im Mississippi-Städtchen Greenwood, genau genommen im bitterarmen Ortsteil Baptist Town.

Früher lebten hier 10.000 Menschen, heute sind es noch 500, berichtet er, fast ausnahmslos Farbige, und die Arbeitslosigkeit liegt bei 75 Prozent.

Hoover versucht, den Tourismus ein wenig anzukurbeln und setzt dabei auch auf die Popularität Johnsons, der hier nicht nur bis zu seinem Tod gelebt hat, sondern auch auf dem Little Zion Church Friedhof von Greenwood begraben liegt.

Der Mississippi-Blues und seine berühmten Söhne

Produkt der Region: die Baumwolle

© Streitbörger/memphis & Mississippi

Drei Gemeinden stritten Jahrzehnte nach Johnsons Tod heftig, wo denn der Bluesman tatsächlich beerdigt worden sei. Am Ende wurden alle Zweifel von einer Frau ausgeräumt, die sich noch genau erinnern konnte.

In Clarksdale, etliche Meilen weiter nördlich, soll Johnson an einer Kreuzung einst seine Seele an den Teufel verkauft haben. Ein genialer Bluesmusiker wollte er werden, das handelte der Draufgänger als Gegenleistung aus. Und der Teufel, so sagt es die Legende, habe ihn nicht enttäuscht.

Tolle Museen mit supermodernem Konzept gibt es im Delta, wie etwa das BB-King Museum in Indianola. Auch King ist ein Sohn des Deltas, Hier erschließt sich nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern auch die Entwicklung des Blues bis in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung.

Der Blues hat viele Kinder

Was macht den Blues aus? Er beschrieb die Plagen des Alltags auf den Baumwollfeldern, erläutert Hoover, er transportierte Emotionen. Melancholie, Verzweiflung, Angst vor der Zukunft.

Der Blues ist die Quelle der heutigen Populärmusik und er hat viele Kinder. Rock'n Roll, Jazz, Country und sogar den Hip Hop.

Wir sind in Memphis, Tennessee angekommen. Hier - zum Beispiel im legendären Peabody Hotel - kann für Touristen die Reise ins Mississippi-Delta beginnen. Noch besser aber ist es, sie dort abzuschließen.

Reise-Infos Blues -Trail

Flüge nach Memphis z. B. nonstop ab Amsterdam mit Delta.

Hotels in Memphis z. B.
www.peabodymemphis.com

In Greenwood:
www.thealluvian.com

Highlights/Museen in Memphis und auf dem Trail:
www.elvis.com/graceland
www.sunstudio.com
www.bbkingmuseum.org

Informationen, Prospekte und Tipps zur Reise-Vorbereitung:
www.memphis-mississippi.de/

 Go north! Raus aus dem Delta, nur weg in die gelobte Stadt - das war auch das Ziel vieler Musiker, die die Nase voll hatten vom ärmlichen Leben im Süden. Sie träumten von der großen Karriere, die meisten vergebens.

Wer Memphis besucht, der hat keine Chance, an Graceland vorbei zu kommen, dem Ort, an dem Elvis Presley lebte und viel zu jung im August 1977 starb. 650 000 Besucher pro Jahr wollen Graceland sehen, USA-weit ist der Touristenandrang nur im Weißen Haus in Washington größer.

Der spröde Charme der siebziger Jahre ist in dem bombastischen Bauwerk mit seinen vielen Zimmern überall zu spüren, der King hatte ein aus heutiger Sicht irritierendes Verständnis von Luxus. In gemütlicher Atmosphäre konnte der Meister etwa mit seinen Knarren frei herumballern - auch auf eine menschliche Silhouette, die Teil seines reichhaltigen Waffen-Equipments war.

Die berühmten, eng geschnittenen Show-Anzüge des Rock'n-Rollers sind in Vitrinen ausgestellt. Wir erinnern uns: Elvis war Anfang der siebziger Jahre ziemlich dick geworden, er schien beim berühmten Konzert auf Haiwaii 1973 buchstäblich aus allen Nähten zu platzen.

Der Rundgang endet an einer aufwendig gestalteten Grabstätte. Da liegt er, der König des Rock'n Roll, und bewegt immer noch die Herzen vieler Menschen. Elvis forever, die Legende lebt.

In der Beale Street geht die Post ab

Es gibt ein zweites Memphis-Highlight, an dem kein Weg vorbei führt: die Beale Street. Vor Jahrzehnten noch völlig heruntergekommen, steht hier heute ein Blues-Club neben dem anderen. Vor allem an Samstagen geht die Post ab. Hunderte, wenn nicht tausende von Besuchern, erstklassige Blues-Musiker, Live-Acts an allen Ecken und Enden.

Und schließlich lockt das berühmte Sun Studio, ein unscheinbares Gebäude aus den fünfziger Jahren irgendwo in Memphis. Hier haben die Großen des Geschäfts ihre Welterfolge produziert. Elvis, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis, Roy Orbison und wie sie alle hießen.

Ihre bei Sun Records gemachten Platten haben sich millionenfach verkauft. Um die Bedeutung dieses beinahe sakralen Orts wissen auch Weltstars, die hier gar nicht produziert haben. Der große Bob Dylan etwa, verrät Sun Records-Tourguide Lydia, sei einst ins Studio gekommen, habe voller Respekt den Boden geküsst und sei dann wieder spurlos verschwunden.

Besucher sollten das Sun-Studio nicht verlassen, ohne ein Original-Mikrophon in die Hand zu nehmen, das Elvis einst selbst benutzt hat. Wer da nicht selbst zumindest für ein paar Sekunden zum King of Rock'n Roll wird, der ist selber schuld.

Bluesman Johnson übrigens, der sich selbst an den Teufel verkaufte, fand trotz seines frühen Todes offenbar doch noch seinen Seelenfrieden. Das legt zumindest der bekannteste Song des Meisters nahe: "I went down to the crossroads, fell down on my knee, ask the Lord up above for mercy, take me, if you please..."

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