Ärzte Zeitung, 21.04.2012

Herzlich willkommen im Land der Bären!

Für viele Kanada-Touristen ist es das Größte, einen Bären in der freien Natur zu beobachten. Doch Vorsicht: Die faszinierenden Vierbeiner mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen zu nah auf den Pelz rückt.

Von Ulrich Willenberg

Herzlich willkommen im Land der Bären!

Ja, wo laufen sie denn? Eine Bärenmutter überquert mit ihrem Nachwuchs in aller Seelenruhe den Highway.

© Willenberg

Die Geschichte ist kein Witz: Ein Bär tappt in den frühen Morgenstunden in einen Schnellimbiss nahe der westkanadischen Metropole Vancouver. Der vor sich dösende Verkäufer schreckt auf, rettet sich in einen hinteren Raum und verschließt die Tür.

Derweil schnuppert der Bär an den feilgebotenen Sandwiches, findet aber offenbar keinen Geschmack daran und verlässt den Laden wieder.

Das spricht nicht gerade für die Qualität der US-Imbisskette mit Tausenden von Filialen. Denn eigentlich ist der Bär ein Allesfresser und verschmäht so gut wie nichts.

"Manchmal fressen sie auch Touristen", scherzt Terrance Young, der am Rande des westkanadischen Wells Gray Provincial Park wohnt, in dem viele Bären leben.

Menschen gehören nicht zur Beute

Der Mechaniker, dessen Werkstatt auch von defekten Urlauberautos lebt, macht natürlich nur Spaß. Denn Menschen gehören nicht zur Beute von Bären. In der Regel sind die mächtigen Tiere scheu und gehen Zweibeinern aus dem Wege.

Doch immer mehr Straßen, Siedlungen und Campingplätze zerschneiden das Reich der Bären. Das macht die Suche nach Futter gerade im Frühjahr zu einem Hindernislauf.

Dann erwacht der Petz mit einem Bärenhunger aus seiner mit Moos und Zweigen ausgepolsterten Höhle. Recht abgemagert ist er nach der Fastenzeit vor allem mit Fressen beschäftigt.

Überwiegend ernährt er sich vegetarisch. Gerne vertilgt er junge Triebe, Gras und auch Blumen. Die wachsen vor allem auf den Grünstreifen entlang der Autostraßen. Insbesondere mag er Löwenzahn.

"Bären lieben Löwenzahn. Die Blume ist sehr schmackhaft", weiß Expertin Anick Cadieux, die im beliebten Banff National Park arbeitet.

Im Frühjahr und Frühsommer sind Bären in der Dämmerung an den Straßenrändern recht häufig zu beobachten. Auch entlang viel befahrener Verkehrswege wie dem Trans-Canada Highway oder dem berühmten Icefields Parkway.

Diese Straße in der Provinz Alberta führt durch die Rocky Mountains und gilt als eine der schönsten Bergstrecken Nordamerikas.

Touristen völlig aus dem Häuschen

Tausende von Touristen sind in der Reisesaison hier täglich unterwegs. Für viele von ihnen ist es das Größte, einen Bären in der freien Natur zu beobachten, und so geraten manche völlig aus dem Häuschen wenn sie ein Tier erspähen. Oft kommt es dann zu "Bear jams", durch Bären verursachte Verkehrsstaus.

Anick Cadieux warnt vor so einem leichtsinnigen Verhalten. Bären mögen es gar nicht, wenn man ihnen zu dicht auf den dicken Pelz rückt. Vor allem wollen sie nicht beim Fressen gestört werden, schon gar nicht wenn sie Junge haben.

Bären sind unberechenbar. Schnell kann aus dem friedlich grasenden Tier ein wutschnaubender Angreifer werden.

Autofahrer sollten einen Abstand von mindestens 100 Metern halten und niemals aussteigen, mahnt Anick. Am besten gleich weiterfahren, um die Tiere nicht zu beunruhigen. Auch wenn es schwer fällt.

Wanderer und Radfahrer sollten nur gekennzeichnete Wege benutzen und sich bemerkbar machen. "Lassen sie den Bären wissen, dass Menschen in der Nähe sind", sagt Anick.

Dann hat das Tier Zeit, sich zurückzuziehen. "Viel Lärm machen und rufen, singen oder in die Hände klatschen", empfiehlt sie.

Was aber tun, wenn es zu einer Begegnung mit einem Bären kommt? Man braucht starke Nerven, um die Ratschläge der kanadischen Parkverwaltung umzusetzen.

Blickkontakt streng verboten!

"Sprechen Sie ruhig und bestimmt mit dem Bären. Dadurch merkt er, dass Sie ein Mensch sind und kein Beutetier." Man sollte keinen Blickkontakt aufnehmen und langsam rückwärts gehen.

Weglaufen ist zumeist zwecklos, da der Bär kurzzeitig schneller rennen kann als ein Pferd. "Angriffe von Bären sind aber selten", beruhigt Anick Cadieux. Viel häufiger werden Touristen von Hirschen angegriffen und verletzt.

Um die Camping- und Rastplätze bärenfrei zu halten, finden sich überall in Kanada einzementierte Müllcontainer, die nur von Menschen geöffnet werden können.

Dennoch lassen manche Touristen Essensreste herumliegen oder füttern die Bären sogar. Verliert das Raubtier seine Scheu und sucht Nahrung beim Menschen, wird es schnell zum "Problembären".

Wie viele Bären in ganz Kanada leben, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Die Zahl der Schwarzbären wird auf bis zu 30.000 geschätzt. Grizzly soll es mindestens 7000 geben.

"Es gibt genug Bären", glaubt Jägerin Dorothee Gaus. Die aus Stuttgart stammende Frau betreibt am Canim See in Westkanada einen Campingplatz und vermietet Ferienhäuser. Zwei Bären darf sie pro Jahr schießen.

Das Fleisch verarbeitet sie zu Braten oder macht daraus Gulasch. Dazu gibt es manchmal selbstgemachte Spätzle. Den ausgestopften Bären bietet sie Touristen für 1200 kanadische Dollar zum Kauf an.

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