Ärzte Zeitung, 17.03.2004

HINTERGRUND

Hausärzte sind prädestiniert für die reisemedizinische Beratung von älteren und chronisch kranken Patienten

Von Philipp Grätzel von Grätz

Auf keine andere Bevölkerungsgruppe kann sich die Reisebranche so verlassen wie auf die Senioren: Etwa zwölf Millionen Deutsche über 60 gehen jährlich auf fast 20 Millionen Urlaubsreisen. Verglichen mit 1993 haben sich diese Zahlen mehr als verdoppelt. Jeder vierte Deutsche auf Reisen ist im siebenten oder achten Lebensjahrzehnt, Tendenz steigend. Immer beliebter werden dabei Auslandsreisen: Fast zwei Drittel der Reisen führen alte Menschen über die Bundesgrenzen hinaus. Immerhin jeder zehnte verläßt sogar Europa.

Ältere Menschen suchen oft vor Reisen den Hausarzt auf

Der Hausarzt ist vor Reisen der wichtigste Ansprechpartner: "Besonders ältere Menschen suchen vor einer Reise zunächst einmal den Hausarzt auf", berichtete Dr. Ulrich Klinsing, Allgemeinarzt in Frankfurt am Main und Vorstandsmitglied im Deutschen Fachverband für Reisemedizin, auf dem 5. Forum Reisen und Gesundheit zur Internationalen Tourismusbörse in Berlin. Das sei auch gut so: Weil Hausärzte die Patienten und ihre Grunderkrankungen kennen, könnten sie außer der am Reiseziel orientierten, reisemedizinischen Beratung auch maßgeschneiderte Hilfestellungen bieten: "Gerade für die Zusammenstellung der Reiseapotheke sind wir Hausärzte prädestiniert, denn wir wissen, welche Medikamente unseren oft chronisch kranken Patienten in Problemsituationen geholfen haben. Die können wir dann gezielt mit auf Reisen geben".

Vor allem zwei Problemkomplexe würden von älteren Patienten bei Fernreisen immer wieder angesprochen, so Klinsing, nämlich der Flug und die Frage der Reisetauglichkeit bei chronischen Erkrankungen.

Beim Flug gilt es natürlich, die bekannte Problematik der Reisethrombosen zu berücksichtigen, denn Alter alleine ist schon ein Risikofaktor für eine Thrombose. Privatdozent Tomas Jelinek vom Institut für Tropenmedizin in Berlin empfiehlt älteren Menschen auf längeren Flügen generell Wadenkompressionsstrümpfe der Klasse 1 bis 2.

Bestimmte medizinische Konstellationen schlössen Flugreisen aus, etwa ein weniger als sechs Wochen zurückliegender Herzinfarkt, ein unkontrollierter Bluthochdruck mit Werten oberhalb von 200 mmHg systolisch sowie eine stark eingeschränkte, körperliche Belastbarkeit. Im Zweifel empfehlen die Reisemediziner ihren Kollegen, den flugmedizinischen Dienst der jeweiligen Fluggesellschaft anzurufen und die Frage der Flugtauglichkeit zu klären.

"Wenn es keine Kontraindikation für eine Flugreise gibt, dann versuche ich oft, meine älteren Patienten von Direktflügen zu überzeugen", plauderte Klinsing in Berlin aus dem Nähkästchen. Denn der körperliche und psychische Streß beim Umsteigen auf großen, unübersichtlichen Flughäfen werde von Senioren oft unterschätzt. Komme dann noch Flugangst hinzu, dann reiche das bereits aus, um etwa einen herzinsuffizienten Patienten in eine Dekompensations-Episode zu treiben, die den Urlaub beenden kann, so Jelinek.

Überhaupt chronische Erkrankungen: Sie, und nicht das Alter per se, sind der Grund, warum Hausärzte bei reisenden Senioren in Habachtstellung gehen sollten und sich gerade bei weniger vertrauten Patienten die individuelle Krankheitsgeschichte noch einmal ganz genau ansehen sollten. Mit dem Diabetiker, der über mehrere Zeitzonen reisen möchte, oder einer 70jährigen Asthmatikern, die einen Trekkingtrip ins Hochgebirge plant, vereinbart Klinsing generell eigene Beratungstermine. Ob man dafür dann individuelle Tarife festlege, die sich an der Finanzkraft der Patienten orientieren, wie Klinsing es macht, oder ob man eine feste Preisliste für die reisemedizinischen Beratungen im Wartezimmer aushänge, das sei eine Stilfrage.

Zur Beratung können auch Alternativvorschläge gehören

Klinsings Paradebeispiel ist ein 73jähriger Patient mit einer Affinität zum Buddhismus. Er wollte nach Lhasa in Tibet reisen, 3650 Meter über Normalnull. Gezielte Nachfragen brachten eine Belastungsdyspnoe zu Tage, die sich in der Lungenfunktionsprüfung auf eine bislang unbekannte, restriktive Funktionsstörung mit stark eingeschränkter Vitalkapazität und erheblich reduziertem Einsekundenvolumen zurückführen ließ. "Diesem Patienten habe ich von Lhasa dringend abgeraten und stattdessen Thailand ins Spiel gebracht. Er hat sich informiert, seine Reisepläne geändert und war nach der Rückkehr hochzufrieden."

Reisemedizin durch den Hausarzt ist mehr als Malariaprophylaxe.

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