Ärzte Zeitung, 22.03.2004

HINTERGRUND

Hochalpine Gefilde sind nichts für Ältere mit Lungenkrankheiten

Von Philipp Grätzel von Grätz

Reisen ins Hochgebirge sind längst nicht mehr nur Freunden des Extremurlaubs vorbehalten. Ob Skifahren in den Hochalpen und den Rocky Mountains oder Trekking in Nepal, extreme Höhen werden als Urlaubsziele im Winter wie im Sommer immer beliebter.

Der Anteil älterer Menschen unter den Höhentouristen steige dabei seit Jahren an, wie Dr. Thomas Küpper vom Centrum für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf berichtet. In einem Vortrag auf dem 5. Forum Reisen und Gesundheit des CRM und des Auswärtigen Amts am Rande der Internationalen Tourismusbörse in Berlin diskutierte er die Probleme, die sich aus diesem Trend ergeben können.

Höhenkrankheit scheint bei alten Menschen selten zu sein

"Wer sich aus dem Flachland ins Hochgebirge begibt, für den ist das Alter an sich kein Risikofaktor", entkräftet Küpper ein weit verbreitetes Vorurteil. Es gebe sogar Hinweise darauf, daß die klassische Höhenkrankheit bei alten Menschen seltener sei, was möglicherweise mit stabilisierenden Einflüssen atherosklerotischer Blutgefäßveränderungen zusammenhänge. Daß alte Patienten im Hochgebirge dennoch häufiger Probleme haben als jüngere, liege vor allem an zuvor nicht erkannten oder unterschätzten Problemen mit kardialen oder pulmonalen Grunderkrankungen.

Herzpatienten vertragen die Höhe oft erstaunlich gut

"Herzpatienten vertragen die Höhe meist noch erstaunlich gut", so Küpper. Wer als herzinsuffizienter Patient allerdings bereits im Tal Schwierigkeiten mit der Luft habe, der solle auf keinen Fall in die Höhe. Jenseits der 2500 Meter hätten herzinsuffiziente Flachländer im NYHA-Stadium III definitiv nichts mehr zu suchen. Aber eigentlich würde Küpper sogar bereits ab NYHA-Stadium II ganz von Gebirgsreisen abraten.

Bei KHK-Patienten mit stabiler Angina pectoris, die bei normaler Belastung beschwerdefrei sind, sieht er dagegen auch in 4000 Metern Höhe noch keine Probleme. Auch nach einem Herzinfarkt sei ein Aufenthalt im Hochgebirge möglich, nicht allerdings in der unmittelbaren Rehabilitationsphase, ist die Erfahrung des Reisemediziners.

"Viel problematischer als Herzpatienten sind Patienten mit Lungenerkrankungen", warnte Küpper. Denn im Gebirge müsse die Lunge in der Lage sein, ein erhöhtes Atemminutenvolumen zu bewältigen. Wer an einer restriktiven Lungenerkrankung leide, bei dem sei das nicht möglich.

"Es gibt leider keinen Parameter, der uns hilft, das Risiko bei Patienten mit restriktiven Lungenfunktionsstörungen, die unbedingt ins Gebirge wollen, abzuschätzen", so Küpper. Wer bereits im Flachland Dyspnoe-Symptome habe, für den seien selbst mittlere Höhen tabu. Wer im Flachland klarkomme, bei dem müsse man es gegebenenfalls auf einen vorsichtigen Expositionsversuch ankommen lassen. Dabei sollten sich die Patienten langsam an die individuelle, kritische Höhengrenze herantasten. Schnelles Abspulen von Höhenmetern und besonders Gondelfahrten seien keine guten Ideen.

Anders sieht es als bei Patienten mit obstruktiven Störungen aus, bei denen es im Gebirge häufig zu erstaunlichen Verbesserungen der Dyspnoe kommt. Vor allem bei Asthmatikern seien viele Kollegen übervorsichtig. Bevor man einem Patienten wegen seines Anstrengungsasthmas zu einem Urlaub in Balkonien rate, sollte diese Diagnose durch eine Bodyplethysmographie vor und nach einer Belastung am Ergometer nachgewiesen werden, empfiehlt Küpper.

Wer nicht ins Hochgebirge sollte

  • Herzinsuffiziente Patienten ab NYHA-Stadium II-III
  • Patienten mit restriktiven Lungenfunktionsstörungen und Beschwerden im Flachland
  • COPD-Patienten während akuter pulmonaler Infektionen oder bei Ruhedyspnoe. Besonders gefährdet sind "Blue Bloater".
  • Patienten unmittelbar nach einem frischen Myokardinfarkt oder bei instabiler AP
  • Patienten mit Sichelzellanämie (Ausbruch einer akuten Krise möglich). Zumindest Vorsicht ist geboten bei anderen Formen der Anämie.
  • Niereninsuffiziente Patienten im Stadium III (dekompensierte Retention)

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