Ärzte Zeitung, 25.01.2005

HINTERGRUND

Hitze und Infektionen sind die größten Gefahren während der Pilgerreise

Zehntausende von Pilgern drängen sich während des Hadsch in Mekka. Foto: Deutsches Grünes Kreuz

Von Pete Smith

Beobachter sprechen vom größten Hadsch aller Zeiten. Mehr als 2,5 Millionen Muslime haben sich in der vergangenen Woche bei ihrer traditionellen Pilgerreise an den heiligen Stätten in Saudi-Arabien, am Berg Arafat, in Mekka und Medina versammelt.

Das dreitägige islamische Opferfest ("Eid al-Adha"), das den Abschluß der Feierlichkeiten zum Hadsch bildete, haben weltweit mehr als eine Milliarde Muslime begangen. Seit dem Wochenende sind die Pilger, Hunderttausende davon aus Europa, auf den Heimweg.

    Mehrfach ist es
zu Ausbrüchen
von Meningitis
gekommen.
   

Die mehrwöchige Pilgerreise, die jeder erwachsene Muslim einmal in seinem Leben antreten muß, birgt viele Gesundheitsgefahren. Nicht nur Sonne und Hitze sind hier zu nennen, sondern auch die Risiken durch Infektionskrankheiten, die sich bei Massenveranstaltungen rasant ausbreiten können. Schließlich stellt auch die Menschenmenge selbst eine Gefahr dar, weil bei dichtem Gedränge Massen schnell außer Kontrolle geraten und sich Pilger zum Teil schlimme Verletzungen zuziehen.

Im vergangenen Jahr war bei der rituellen "Steinigung des Teufels" eine Massenpanik ausgebrochen, bei der etwa 251 Pilger zu Tode getrampelt wurden. In diesem Jahr hatten die Behörden angeordnet, daß die Pilger ihr Gepäck zurücklassen mußten, bevor sie zu dem Steinigungs-Ort aufbrachen. Außerdem wurden Barrieren errichtet und eine neue Verkehrsführung organisiert, so daß es keine nennenswerten Vorfälle gab.

Noch bei der letzten Etappe ihrer mehrwöchigen Pilgerreise, der Rückkehr in die Heimat, drohen den Pilgern Gesundheitsgefahren. Sonne und Hitze, so schreiben die in Großbritannien praktizierenden Ärzte Abdul Rashid Gatrad und Aziz Sheikh im "British Medical Journal" (330, 2005, 133), stellten für viele das größte Problem dar.

Vor allem jene, die sich vor den Strapazen der Reise nicht ausreichend (nämlich ein bis zwei Wochen) akklimatisiert hätten, seien während der Reise gefährdet. Am besten wandere man nachts, raten die britischen Ärzte. Wer jedoch viel Zeit in der sengenden Sonne zubringt, sollte wenigstens ausreichend Wasser trinken (bis zu fünf Liter täglich), den Salzverlust ausgleichen, einen weißen Sonnenschirm aufspannen (Kopfbedeckungen sind für Männer verboten) und sich durch Cremes mit hohem Lichtschutzfaktor gegen Sonnenbrand schützen.

Tausende von Pilgern erleiden jedes Jahr einen Hitzschlag. Am gefährdetsten sind alte Menschen, Kinder und Diabetiker. Extreme Müdigkeit, Beinkrämpfe, Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel können Symptome eines Hitzschlags sein. Solche Patienten sollten sofort in den Schatten getragen, entkleidet und durch Luft-Zufächeln und Wasser-Sprühen gekühlt werden. Seit den 80er Jahren, so Gatrad und Sheikh, seien entlang der Pilgerroute auch Stationen eingerichtet worden, in denen sich die Pilger abkühlen können.

In den vergangenen Jahrzehnten hat es während des Hadsch wiederholt Ausbrüche von Meningokokken-Meningitis gegeben. Saudi-Arabiens Behörden haben darauf reagiert und verlangen nun eine tetravalente Impfung gegen Meningokokken-Infektion (gültig 10 Tage bis 3 Jahre nach Applikation). Es wird empfohlen, daß alle Besucher der Pilgerstätten auch außerhalb des Hadsch im Besitz eines gültigen Impfnachweises sind.

Gatrad und Sheikh raten dringend zu einer Impfung gegen Hepatitis A und B sowie zu einer Malaria-Prophylaxe. Der Impfstatus hinsichtlich Tetanus, Polio, Diphtherie und Typhus sollte überprüft werden. Im Vorfeld der diesjährigen Pilgerreise hatten Reisemediziner darüber hinaus auch zu einer Grippeimpfung geraten.

Männer lassen sich während des Hadsch meist den Kopf scheren, das gehört zu den Riten der Pilgerreise. Ärzte sollten ihre muslimischen Patienten im Vorfeld der nächsten Reise vor den Gefahren dieser Prozedur warnen. Denn Barbiere benutzten oft eine Rasierklinge für viele Kunden, wodurch die Gefahr einer Übertragung von HIV oder Hepatitis B und C deutlich erhöht sei. Dagegen sei die Gefahr einer sexuellen Infektion mit Viren gering, da der Beischlaf während des Hadsch verboten ist.

Die meisten Verletzungen schließlich beträfen die Füße, so der Erfahrung der britischen Ärzte. Pilgern sollte zu einem festen Schuhwerk geraten werden. Wenn möglich sollten große Menschenmassen gemieden werden, um keine gravierenderen Verletzungen zu riskieren.

FAZIT

Mehr als 2,5 Millionen Muslime haben sich am diesjährigen Hadsch, der Pilgerreise nach Mekka, beteiligt. Jetzt sind die Muslime auf ihrer Rückreise, viele davon nach Europa. Die Hitze ist noch immer das größte Problem der Reise, die traditionell zu Fuß begangen wird. Bis zu fünf Liter Wasser sollten die Pilger täglich trinken und sich vor der Sonneneinstrahlung schützen. Eine Impfung gegen Meningokokken ist obligatorisch, empfohlen werden auch eine Impfung gegen Hepatitis A und B sowie eine Malaria-Prophylaxe.

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