Ärzte Zeitung, 27.09.2006

Schulsterben hält an - neue Länder stark betroffen

Schülerzahl wird bis 2020 um fast zwei Millionen sinken

Wegen der sinkenden Kinderzahlen bereiten sich viele Bundesländer auf ein Schulsterben vor. Dadurch werden sich die betroffenen Kinder künftig auf längere Schulwege einstellen müssen. Dennoch halten einige Länder am Prinzip "kurze Beine - kurze Wege" fest. In den fünf neuen Bundesländern wurde in den vergangenen Jahren bereits jede dritte Schule geschlossen.

Angesichts rückläufiger Geburtenzahlen und der dünnen Besiedelung besonders auf dem Land sind in Mecklenburg-Vorpommern viele Schulen bedroht. Seit 1992 sank nach Angaben des Bildungsministeriums die Zahl der Schulen von 970 um etwa ein Drittel auf 670. Bis 2010 werde sich die Schülerzahl von 292 000 im Jahr 1992 nahezu halbieren. Das ziehe weitere Schließungen nach sich.

Auch in Brandenburg und Sachsen-Anhalt gehört das Schulsterben zu den zentralen Problemen im Bildungsbereich. In Sachsen-Anhalt sollen von den derzeit knapp 1000 Schulen in den kommenden drei Jahren 120 geschlossen werden, in Brandenburg wurden seit dem Schuljahr 1997/1998 knapp 200 der 650 Grundschulen aufgelöst. Bis zu 70 der derzeit 160 gymnasialen Oberstufen sollen von 2007 an geschlossen werden.

Thüringen und Sachsen wähnen sich bereits über dem Berg. "Das Schlimmste haben wir schon hinter uns", sagt der Sprecher des Kultusministeriums in Thüringen, Detlef Baer. Dennoch kommt dort 2006/2007 für weitere 15, in Sachsen bis 2009 für weitere 30 Schulen das Ende. "Damit ist das Schulnetz stabil", sagt eine Sprecherin des sächsischen Kultusministeriums.

In Thüringen haben Land und Kommunen folgende Schulweg-Regelung getroffen: Grundschülern darf nur ein Schulweg von acht Kilometern oder 30 Minuten Entfernung zugemutet werden, für Gymnasiasten gelten 25 Kilometer oder 60 Minuten.

Weniger prekär ist die Situation in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, aber auch hier werden Pläne für Schließungen vor allem von Hauptschulen diskutiert. In Bayern erwägt das Kultusministerium die Einführung von "Kombiklassen" in den ersten beiden Schuljahren. Außerdem müssen Lehrer in bevölkerungsarmen Regionen mit Versetzungen rechnen.

Das SPD-geführte Bildungsministerium in Schleswig-Holstein will der demographischen Entwicklung mit der Gemeinschaftsschule nach skandinavischem Modell gerecht werden. Dort lernen alle Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam. Im Flächenland Niedersachsen können die Schulen Kombiklassen mit zwei Jahrgängen einrichten und gemeinde- und kreisübergreifend zusammenarbeiten.

Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz in Bonn wird aufgrund rückläufiger Geburtenraten die Schülerzahl bundesweit von derzeit 12,2 Millionen auf 10,3 Millionen im Jahr 2020 sinken. (dpa)

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