Ärzte Zeitung, 18.04.2007

Mehr Härte in der Erziehung? Internatsdirektor in der Kritik

"Lob der Disziplin" / Buch des Pädagogen Bernhard Bueb entzweit die Experten / Disziplin allein bringt Kinder und Jugendliche nicht voran

BERLIN (dpa). Sein "Lob der Disziplin" sorgt für Furore: Mit der Streitschrift über den Autoritätsverlust der Erwachsenen und dem Ruf nach mehr Härte in der Erziehung hält sich Bernhard Bueb (69) seit Monaten in den Bestseller-Listen.

Der einstige Direktor der Internatsschule Schloss Salem schreibt Sätze wie "Ordnung ist die Voraussetzung zum Glück", "Wer gerecht erziehen will, muss bereit sein zu strafen" oder "Der Bildungsnotstand ist die Folge des Erziehungsnotstandes" und spricht damit vielen aus dem Herzen. Das Buch wurde schon mehr als 150 000 Mal verkauft.

Angesichts der PISA-Ergebnisse und der Gewalt an Schulen hat der Theologe und Pädagoge einen Nerv getroffen - auch bei seinen Kritikern. Wissenschaftler haben das Buch von "Deutschlands strengstem Lehrer" ("Bild") jetzt unter die Lupe genommen. Das Fazit: Der einstige Chef des Elite-Internats am Bodensee schwärmt von einer Welt, die es nicht mehr gibt.

"Vom Missbrauch der Disziplin" - in dem neuen Buch (Beltz Verlag) stellen die acht Experten, darunter bekannte Erziehungswissenschaftler wie Werner Bergmann (Hannover) und Hans Thiersch (Tübingen) sowie der Ulmer Neurobiologie Manfred Spitzer, dem pensionierten Direktor ziemlich schlechte Noten aus. Buebs Sprache sei "staksig-bürokratisch", die Vorschläge für Strenge und lückenlose Bestrafung ("Disziplin wirkt heilend") erinnerten an die "schwarze Pädagogik" der Kaiserzeit.

Buebs Rezepte taugten kaum für die moderne Welt. Erfolg im Beruf könne heute nur haben, wer über eine reaktionsschnelle und innovative Intelligenz verfüge. Wer auf Gehorsam und Autorität ohne Begründung setzte, verdamme die Jugendlichen zum Scheitern. Disziplin ohne Vorbehalte gebe die Erwachsenen der Lächerlichkeit preis. "Dies können sich Lehrer, Erzieher und Psychologen heute am wenigsten leisten", schreiben die Kritiker. Zwar lobt Bueb die Familie immer wieder als Kernzelle der Gemeinschaft. Doch der einstige Internatschef hegt ein Misstrauen gegen Familien, "weil sie die Individualität der Sprösslinge fördern ".

Für den Neurobiologen Manfred Spitzer hat zwar Bueb Recht, wenn er das Fernsehen den "Erzieher Nummer eins" nennt. Doch wer glaube, dass Menschen als Rohlinge auf die Welt kommen und nur geschliffen werden müssten, sei auf dem Holzweg. Buebs Ruf nach "knallharter Disziplin" helfe nicht weiter. Denn auch bei der Disziplin gehe es um Vorbilder, Freiheit und um die Suche nach dem richtigen Weg in einer Welt voller moralischer Zweifel.

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